Hochschule Immun gegen Protest

In Europa mucken die Studenten auf – ihre Schweizer Kommilitonen lernen fleißig weiter. Warum?

Österreichs Universitäten sind im Ausnahmezustand: Studenten halten seit drei Wochen Hörsäle besetzt und mobilisieren über Nacht 40.000 Menschen für eine Kundgebung, per Internet kann man alles live verfolgen. Ihre Forderungen: keine Zugangsbeschränkungen an den Universitäten und Abschaffung von Studiengebühren. Was seinen Anfang in der Besetzung eines Hörsaals im Wiener Audimax nahm, hat eine Breitenwirkung entfaltet, die in den größten Studentenprotest Österreichs mündete. Und auch an anderen europäischen Hochschulen treten die Studenten mit bildungspolitischen Anliegen an die Öffentlichkeit.

An den Schweizer Universitäten gibt es Live-Übertragungen aus Hörsälen nur bei Massenvorlesungen. Der große Protest blieb aus, obwohl auch hier die Bologna-Reform für rote Köpfe sorgt, manche Universität aus den Nähten platzt und es nicht selten zwei Jahre dauert, bis ein Lehrstuhl neu besetzt wird. Aber wenn mal Protest aufflackert, so höchstens von isolierten Gruppen wie »Uni von Unten« in Zürich, die nicht mehr als hundert Leute zu mobilisieren vermögen. Der Protest besitzt etwas Jämmerliches und Selbstbemitleidendes zugleich. Woran liegt es, dass alles so ruhig bleibt?

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Gegen Wegrationalisierung! Gegen Privatisierung! Gegen was?

Eine schlichte Antwort darauf hat der Historiker Jakob Tanner: »Die Studienbedingungen sind vergleichsweise gut.« In der Schweiz habe es nie eine Bildungsreform gegeben, die breiten Schichten der Bevölkerung Zugang an die Universitäten verschaffte. Die Abiturquote sei im europäischen Kontext deshalb eher tief. Dies hänge aber auch mit dem dualen Bildungssystem zusammen. Tanner fügt aber hinzu: »Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Studierenden die Bologna-Reform und andere Tendenzen, die als problematisch erachtet werden, einfach akzeptieren.« Das Fazit des Professors: Protest wäre derzeit kaum auf eine langfristig aufgestaute Wut zurückzuführen – höchstens auf mediales Kalkül. Doch die Studenten lassen sich nicht auf Knopfdruck mobilisieren. Eine Ausnahme bilden die Kader linksradikaler Gruppierungen wie des Revolutionären Aufbaus, die auch bei »Uni von Unten« mitmischen, doch deren Potenzial ist minim. Die meisten Studierenden verfolgen zielstrebig ihre Karriere, nach fünf Jahren sind sie der Universität entschlüpft – keine Zeit für Politik.

Dass die Studenten recht immun sind gegen Protestaktionen, musste auch »Uni von Unten« erleben. Deren Aktivisten hatten mit negativen wie positiven Reaktionen gerechnet, doch zu sehen bekamen sie vor allem gleichgültige Gesichter; manche Kommilitonen erschraken sogar, weil an der Universität etwas geschah, was ihren Tagesablauf durcheinanderbrachte.

Eine starke Protestkultur hat sich an den Schweizer Universitäten ohnehin nie herausgebildet. Und heute, so Jakob Tanner, existierten attraktive Mitwirkungsmöglichkeiten für Studierende, vor allem auf der Ebene der Fakultäten und der Institute. Dies begünstige eine »Verhandlungskultur, die abrupten Konfrontationen entgegenwirkt«. Medial rechne sich das hingegen nicht. »Wer in zähen Verhandlungen konstruktive Lösungen erarbeitet, kommt nie in die Presse oder ins Fernsehen«, sagt Tanner.

Das Mitspracherecht betont auch Sylvie Fee Michel, die Präsidentin des Studierendenrates der Universität Zürich: »Wir halten in allen Kommissionen Einsitz.« Der institutionelle Weg erfordert jedoch Geduld und setzt den Willen voraus, fernab von der Öffentlichkeit zu arbeiten. Viele Aktivisten haben deshalb Institutionen wie dem Studierendenrat frustriert den Rücken gekehrt.

»Es musste etwas geschehen«, sagt Marco, der sich bei »Uni von Unten« engagiert. Es finde keine gesellschaftliche Auseinandersetzung statt. Die Ökonomisierung der Bildung schreite fort. Mit seinen Mitstreitern möchte er was tun: gegen die Wegrationalisierung von Studiengängen, gegen die Privatisierung der Bildung, für eine Universität frei von Konzerninteressen. Bloß, viele dieser »Uni von Unten«-Forderungen sind präventiv: Gegen Wegrationalisierung? Das Budget der Uni Zürich wurde trotz Finanzkrise nicht gekürzt, die bestehenden Studiengänge werden unverändert angeboten.

Es ist oft ein diffuses Gefühl von Ohnmacht und Wut, das die Aktivisten treibt – und mit dabei wohl auch ein Schuss Narzissmus. Dieses Unbehagen schleicht sich in ihre Sprache, zwischen ihre Wörter. Manch ein Statement wirkt wie aus dem altlinken Phrasenkasten. Da geht es nicht um die Mehrheitsmeinung, sondern um den »hegemonialen Diskurs«. Viele Sätze geben Aktivisten der »Uni von Unten« buchstabengetreu von ihren Flugblättern wieder: »Prestigeveranstaltungen dieser Art bilden den ideologischen Soundtrack zum derzeitigen massiven Umbau der universitären Bildung.« Viele Studierende verstört der ideologische Anstrich.

»Proteste sind wie Rituale, auf die Politiker und Medien völlig vorhersehbar reagieren«, sagt Joachim Scharloth. Der Professor für Linguistik an der Universität Zürich hat sich eingehend mit dem Phänomen 1968 auseinandergesetzt. Er meint, »Uni von Unten« fehle die Kreativität, den bestehenden Diskurs zu durchbrechen. Gefragt wäre eine Aktion wie der legendäre Fernsehauftritt des fiktiven Ehepaars Müller während der Jugendbewegung 1980.

Wenn Meinungsfreiheit nicht die Meinungsfreiheit der anderen ist

Trotz der Ruhe ist die Universitätsleitung verunsichert. Davon zeugen die Ereignisse rund um die Vorträge von Daniel Vasella, Peter Brabeck oder Robert Kagan, die das Schweizerische Institut für Auslandforschung (SIAF) im Frühjahr organisierte. Das Rektorat befürchtete, die Protestaktionen von »Uni von Unten« könnten Breitenwirkung entfalten – obwohl gerade mal hundert Leute demonstrierten. Sorgen bereiteten der Universität vor allem Personen wie Andrea Stauffacher vom Revolutionären Aufbau, die im Lichthof gegen den Vortrag des Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck demonstrierte. Wer sich aber an der Uni umhört, wird feststellen, dass die 1.-Mai-Revoluzzer unbeliebt sind.

Zudem hat »Uni von Unten« in weiten Kreisen viel Glaubwürdigkeit eingebüßt, als sie die Absage eines Vortrages von Novartis-Chef Daniel Vasella nachträglich als Sieg feierte. Gerade weil die Ziele der Gruppierung durchaus ernst genommen werden sollten, glaubt Jakob Tanner, dass dieser Schritt zu weit ging und kontraproduktiv sei. »Die Universität ist ein Ort geistiger Auseinandersetzung.« Hier gelte »Argument gegen Argument«. Als Befürworter der Antirassismus-Strafnorm spricht er sich zwar gegen eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit aus. »Wenn Vasella jedoch in Zürich nicht sprechen darf, trägt er einen Opferbonus nach Basel zurück.«

Marco weiß um die Brisanz der Maulkorb-Position. »Ich finde es nicht gerechtfertigt, wenn Manager unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft an der Universität Eigenwerbung betreiben.« In der Frage, ob man dies verhindern dürfe, ist er hingegen gespalten. Die Meinungsfreiheit solle weitestmöglich gelten. Die Argumentationsschiene gewisser Mitglieder von »Uni von Unten« geht freilich so: Meinungsfreiheit sei letztlich ein Instrument, das den Vertretern des »hegemonialen Diskurses« erlaube, die Meinungsbildung zu steuern. Die Meinungshegemonie könne nur durchbrochen werden, wenn die Beschneidung der Meinungsfreiheit in gewissen Fällen in Kauf genommen werde.

Es sind solche Aussagen, bei denen am Ende Andreas Fischer unter Beschuss gerät. Der Rektor der Universität Zürich ist der Politik Rechenschaft schuldig, schließlich spricht sie rund die Hälfte der finanziellen Mittel: insgesamt eine halbe Milliarde Franken jährlich. »Wir haben einen leichten Reputationsschaden erlitten.« Tatsächlich beäugt hier – im Gegensatz zu Österreich – auch die Bevölkerung die Ereignisse mit Unverständnis. Reaktionen aus der Politik ließen denn nicht lange auf sich warten: SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti forderte den Rausschmiss von Studenten, die einen Gast an der Rede hindern oder »einen Vortrag in schwerwiegender Weise stören«. Auf Antworten aus dem Rektorat wartete man hingegen vergeblich. Vielleicht ist die mutlose Kommunikation auch Ausdruck der Unerfahrenheit von Fischer, der erst am 1. August 2008 sein Amt antrat. Ganz anders verhält sich da sein Amtskollege Karlheinz Töchterle aus Innsbruck. Er nannte die Besetzung des Hörsaals an der eigenen Alma Mater »Universität im besten Sinn«.

Der Autor ist Student der Politikwissenschaften an der Universität Zürich

 
Leser-Kommentare
  1. Insofern ist der Artikel schon bei erscheinen überholt gewesen...

  2. Umdenken, denn die neuen BWLer werden die selben Fehler machen, wie Ihre Lehrer. Wir brauchen neue Wege des Lernens, die uns zu neuen und besseren Lösungen führen werden.

    Wir wollen nicht - wie an der Universität - die alten Fehler lernen (Top-Down-Uni), sondern wir wollen uns selbst und die Welt kennen lernen, in dem wir offen und respektvoll miteinander interagieren (Bottom-Up-Uni) und so Aufbrechen zu einer Reise an deren Ende eine bessere und gerechtere Welt steht. Denn die, die das Geld und Macht haben konzentrieren sich auf die Beibehaltung ihrer guten Position und das egal ob Menschen in der Welt an Hunger leiden - siehe Welthungerkonferenz. Dies wird sich nicht von alleine ändern.
    Das virtuelle [Philosophische Café] ist ein Beispiel, wie jeder von daheim aus, sich auf die Reise großer Fragen begeben kann. Ausgangspunkt bist Du mit Deinen persönlichen Vorkenntnissen.

    Das Besondere: Je mehr Teilnehmer, desto besser verdichtet der Diskurs-Consenser auf das Wesentliche!

    Das virtuelle [Philosophische Café] ist täglich 24 Stunden geöffnet. Am Donnerstag, 19 November, 2009 - 19:00 gibt es eine offizielle Veranstaltung zum Tag der Philosophie: Warum wird in einer globalisierenden Welt die Philosophie immer wichtiger?

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