Hochschule Immun gegen ProtestSeite 2/2
Es ist oft ein diffuses Gefühl von Ohnmacht und Wut, das die Aktivisten treibt – und mit dabei wohl auch ein Schuss Narzissmus. Dieses Unbehagen schleicht sich in ihre Sprache, zwischen ihre Wörter. Manch ein Statement wirkt wie aus dem altlinken Phrasenkasten. Da geht es nicht um die Mehrheitsmeinung, sondern um den »hegemonialen Diskurs«. Viele Sätze geben Aktivisten der »Uni von Unten« buchstabengetreu von ihren Flugblättern wieder: »Prestigeveranstaltungen dieser Art bilden den ideologischen Soundtrack zum derzeitigen massiven Umbau der universitären Bildung.« Viele Studierende verstört der ideologische Anstrich.
»Proteste sind wie Rituale, auf die Politiker und Medien völlig vorhersehbar reagieren«, sagt Joachim Scharloth. Der Professor für Linguistik an der Universität Zürich hat sich eingehend mit dem Phänomen 1968 auseinandergesetzt. Er meint, »Uni von Unten« fehle die Kreativität, den bestehenden Diskurs zu durchbrechen. Gefragt wäre eine Aktion wie der legendäre Fernsehauftritt des fiktiven Ehepaars Müller während der Jugendbewegung 1980.
Wenn Meinungsfreiheit nicht die Meinungsfreiheit der anderen ist
Trotz der Ruhe ist die Universitätsleitung verunsichert. Davon zeugen die Ereignisse rund um die Vorträge von Daniel Vasella, Peter Brabeck oder Robert Kagan, die das Schweizerische Institut für Auslandforschung (SIAF) im Frühjahr organisierte. Das Rektorat befürchtete, die Protestaktionen von »Uni von Unten« könnten Breitenwirkung entfalten – obwohl gerade mal hundert Leute demonstrierten. Sorgen bereiteten der Universität vor allem Personen wie Andrea Stauffacher vom Revolutionären Aufbau, die im Lichthof gegen den Vortrag des Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck demonstrierte. Wer sich aber an der Uni umhört, wird feststellen, dass die 1.-Mai-Revoluzzer unbeliebt sind.
Zudem hat »Uni von Unten« in weiten Kreisen viel Glaubwürdigkeit eingebüßt, als sie die Absage eines Vortrages von Novartis-Chef Daniel Vasella nachträglich als Sieg feierte. Gerade weil die Ziele der Gruppierung durchaus ernst genommen werden sollten, glaubt Jakob Tanner, dass dieser Schritt zu weit ging und kontraproduktiv sei. »Die Universität ist ein Ort geistiger Auseinandersetzung.« Hier gelte »Argument gegen Argument«. Als Befürworter der Antirassismus-Strafnorm spricht er sich zwar gegen eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit aus. »Wenn Vasella jedoch in Zürich nicht sprechen darf, trägt er einen Opferbonus nach Basel zurück.«
Marco weiß um die Brisanz der Maulkorb-Position. »Ich finde es nicht gerechtfertigt, wenn Manager unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft an der Universität Eigenwerbung betreiben.« In der Frage, ob man dies verhindern dürfe, ist er hingegen gespalten. Die Meinungsfreiheit solle weitestmöglich gelten. Die Argumentationsschiene gewisser Mitglieder von »Uni von Unten« geht freilich so: Meinungsfreiheit sei letztlich ein Instrument, das den Vertretern des »hegemonialen Diskurses« erlaube, die Meinungsbildung zu steuern. Die Meinungshegemonie könne nur durchbrochen werden, wenn die Beschneidung der Meinungsfreiheit in gewissen Fällen in Kauf genommen werde.
Es sind solche Aussagen, bei denen am Ende Andreas Fischer unter Beschuss gerät. Der Rektor der Universität Zürich ist der Politik Rechenschaft schuldig, schließlich spricht sie rund die Hälfte der finanziellen Mittel: insgesamt eine halbe Milliarde Franken jährlich. »Wir haben einen leichten Reputationsschaden erlitten.« Tatsächlich beäugt hier – im Gegensatz zu Österreich – auch die Bevölkerung die Ereignisse mit Unverständnis. Reaktionen aus der Politik ließen denn nicht lange auf sich warten: SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti forderte den Rausschmiss von Studenten, die einen Gast an der Rede hindern oder »einen Vortrag in schwerwiegender Weise stören«. Auf Antworten aus dem Rektorat wartete man hingegen vergeblich. Vielleicht ist die mutlose Kommunikation auch Ausdruck der Unerfahrenheit von Fischer, der erst am 1. August 2008 sein Amt antrat. Ganz anders verhält sich da sein Amtskollege Karlheinz Töchterle aus Innsbruck. Er nannte die Besetzung des Hörsaals an der eigenen Alma Mater »Universität im besten Sinn«.
Der Autor ist Student der Politikwissenschaften an der Universität Zürich
- Datum 12.11.2009 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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