In großen Verlagshäusern gibt es Manager, die einem ernsthaft und ohne jeden Sinn für Ironie versichern, Bücher läsen sie nie. Keine Zeit.

Im Erste-Klasse-Abteil jedes ICE zwischen Hamburg, Berlin und München kann man junge, gut gekleidete Männer dabei beobachten, wie sie auf ihren Laptops Filme anschauen, Solitair spielen, Sudokus lösen, vielleicht sogar gelegentlich an einer Powerpoint-Datei herumtüfteln, die irgendetwas mit ihrer Arbeit zu tun hat. Was man fast nie sieht, sind junge Männer, die sich in Romane vertieft haben. Kein Wunder: Öffentliches Lesen würde Muße suggerieren. Und welcher wichtige Mensch hat heute schon Muße?

»Wir wissen nicht, was wir machen sollen«, sagen Akademikereltern, »unser Sohn liest einfach nicht, der interessiert sich nur für seinen Computer.« Und kaufen dem Jungen Computerspiele. 60 Prozent der Kinder, die Computerspiele besitzen, haben diese von ihren Eltern geschenkt bekommen. Bücher dagegen? In einer großen repräsentativen Studie der Stiftung Lesen (Lesen in Deutschland, 2008) gaben nur 50 Prozent der befragten Jugendlichen an, in ihrer Kindheit oft mit Büchern beschenkt worden zu sein. Vor 20 Jahren hatten das noch 70 Prozent gesagt.

Und dann ist da noch die Ganztagsschule, deren flächendeckende Einführung man aus vielfältigen Gründen begrüßen kann. Dem unreglementierten, hemmungslosen Lesen, das die Jugend heutiger Akademikereltern prägte (oder jedenfalls prägen konnte), steht sie eher im Weg: Die Kinder kommen oft erst um 17 Uhr nach Hause, machen manchmal noch eine Stunde lang Hausaufgaben und sind dann froh, sich endlich anspruchsloseren Freizeitbeschäftigungen hingeben zu können. Sie telefonieren und lassen sich durch Soziale Netzwerke des Internets treiben. Fürs Lesen bleibt da wenig Zeit.

Kein Zweifel: Die Gesellschaft des digitalen Zeitalters rückt von der Buchkultur ab – und dieser Trend ist unwiderruflich auch bei den sozial Privilegierten angekommen. Die Zahl der jährlich gelesenen Bücher in Deutschland sinkt ebenso wie die Zahl der Bücher pro Haushalt. Bildungsferne Mittelschichten entstehen, in denen trotz guter materieller Verhältnisse kein Wert mehr auf klassische Bildungsinhalte oder genussvolles Lesen gelegt wird. Möglich, dass ein Teil der Eltern hofft, Kulturtechniken würden in einer Art genetischen Vererbung auf ihren Nachwuchs übergehen. Aber die Herkunft allein, das große Haus oder der Sportwagen helfen beim Lesenlernen gar nichts.

Ein geübter Leser wird man nur durch… Üben. Und die Übung beginnt durch das Vorbild der Eltern, durch Vorlesen, Erzählen und Über-Geschichten-Sprechen. Die Vorlesekultur in einer Familie gilt Leseforschern als der zuverlässigste Indikator für die spätere Lesekompetenz eines Kindes. Warum aber ist Lesekompetenz heute überhaupt noch wichtig? Weil sich dem geübten Leser fragen stellen, die auch im Leben wichtig sind: Worum geht es? Ist das, was ich lese, glaubwürdig? Ist Ironie im Spiel? Was empfinden die Figuren in einer Geschichte?

Wir neigen heute dazu, Lesen und Schreiben zur reinen Informationsübermittlung in Kurzform zu nutzen, als SMS oder kurze E-Mail. Der Wert des literarischen Lesens besteht im radikalen Perspektivenwechsel, in Einfühlung – einer Fähigkeit, die gerade bei jungen Führungskräften heute optimierbar wäre.

Kinder merken mit einem fast unheimlichen Instinkt, was Erwachsenen wichtig ist und was nicht. Laut Stiftung Lesen liest ein Viertel aller erwachsenen Deutschen überhaupt keine Bücher. Eine Studie der Stiftung aus dem Jahr 2001 stellte außerdem fest, dass sich die Zahl der Mütter und Väter, die ihre Kinder systematisch für Bücher zu begeistern versuchen, innerhalb von zehn Jahren von 50 auf 25 Prozent halbiert hatte. Da ist es nur folgerichtig, dass die Hälfte der Sechs- bis Dreizehnjährigen in diesem Land zu Protokoll gibt, »nie«, »gar nicht gern« oder »nicht so gern« zu lesen.