All die Jahre war niemandem etwas aufgefallen, wenn Brigitte van der Velde tagein, tagaus Stromschalter montierte. Hunderte Male am Tag, Tausende Male in der Woche, 25 Jahre lang klickte sie in einer kleinen Fabrik bei Bremen ein Stück Kunststoff in eine vor ihr angebrachte Halterung, schraubte Metall daran, lötete Kabel aneinander. Sie tat das Schulter an Schulter mit ihrer Mutter, und selbst der fiel nichts auf. Sorgsam hatte Brigitte van der Velde ihr Geheimnis bewahrt. Mit Verwaltungsaufgaben verbundene Beförderungen schlug sie aus. Wenn es galt, Geburtstagskarten zu unterschreiben, setzte sie auswendig gelernte Zeichen darunter, die ihren Namen bedeuteten. Niemand wusste, dass sie nicht lesen und schreiben konnte.

Das ging gut, bis der technische Fortschritt sie in Form einer Maschine einholte. Diese Maschine konnte schneller und billiger montieren. Nur vier Arbeiterinnen durften bleiben, um sie zu bedienen. Brigitte van der Velde dachte, sie hätte Glück gehabt. Denn sie war eine von ihnen.

Doch nach dem ersten Tag mit dieser Aufgabe wusste sie, dass sie die Firma verlassen würde. Denn die Maschine wartete darauf, mit immer neuem Material gefüttert zu werden. Das alles wurde in Zeichen, die für die Kolleginnen Wörter und Zahlen waren, auf einer Tafel erklärt. Brigitte van der Velde bat um den Aufhebungsvertrag.

Das war vor 17 Jahren. Seitdem hat sie keine Arbeit mehr gefunden.

Es ist nicht so, dass Brigitte van der Velde überhaupt nicht lesen könnte. Sie ist zur Schule gegangen und hat in den Jahren ihrer Arbeitslosigkeit an der Volkshochschule große Fortschritte gemacht. Doch es reicht nicht mehr für einen Job. Nicht in diesen Zeiten der Zahlen und Buchstaben, der Computerbildschirme und Digitaldisplays. »Es gibt ja kaum noch ungelernte Berufe«, sagt Marion Döbert, Alphabetisierungsexpertin beim Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen in Hamburg. »Heute können Sie eine noch so brillante Pflegekraft sein – wenn Sie nicht lesen können, haben Sie keine Chance mehr. Und das wichtigste Werkzeug des Lageristen ist nicht mehr der Gabelstapler, sondern der Computer.«

Menschen wie Brigitte van der Velde nennt man funktionale Analphabeten. Es sind Menschen, die schon mit Hinweisschildern und Zeitplänen überfordert sind. Von rund vier Millionen solcher funktionalen Analphabeten in Deutschland geht der Bundesverband Alphabetisierung aus.

Doch schlechter lesen zu können, als es die Welt und die eigenen Lebensumstände erfordern – das betrifft nicht mehr nur diejenigen, die man landläufig als Analphabeten bezeichnet: Zu denen, die nicht lesen können, es aber wollen, sind jene gekommen, die lesen können, aber nicht mehr wollen. Laut Stiftung Lesen liest ein Viertel aller erwachsenen Deutschen überhaupt keine Bücher mehr. Im digitalen Zeitalter halten ganze Berufssparten das Lesen von Literatur für Zeitverschwendung (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19). Ein relativer Analphabetismus zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Schichten, bis hinauf in die Welt von Studenten und Managern. Verlernt das Land das Lesen?

Bereits an Grundschulen arbeiten Lehrer mit vereinfachten Versionen von Kinderbüchern wie Pippi Langstrumpf, weil sie den Eindruck haben, dass viele Schüler die Originale nicht mehr verstehen. Bei den Älteren geht es weiter mit Kleists Zerbrochenem Krug und Shakespeares Romeo und Julia, aus denen komplizierte Sätze gestrichen wurden. Universitätsprofessoren der Geisteswissenschaften berichteten den Autoren einer Studie der Universität Dortmund nicht nur von »Lesefaulheit«, sondern von »intellektueller Legasthenie« ihrer Studenten. Die wenigsten seien noch in der Lage, komplexe und abstrakte Texte zu durchdringen.

Muss man das heute noch können? Ist es wichtig, im Jahr 2009 den Zerbrochenen Krug komplett gelesen zu haben? Die Autoren der OECD-Erhebung Lesen kann die Welt verändern haben eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse zusammengetragen, die nahelegen, dass Lesekompetenz heute wichtiger ist als jemals zuvor: Nur wer gut lesen kann, wird in einer modernen Gesellschaft systematisch begünstigt. Die Fähigkeit zu lesen beeinflusst direkt Einkommen, Arbeit und Gesundheit. Menschen mit geringer Lesekompetenz brauchen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit staatliche Unterstützung und werden eher kriminell. »In unseren wissensintensiven Gesellschaften«, schreiben die Autoren, »ist Lesefähigkeit eine Grundvoraussetzung für Erfolg im Leben.«

Lesen ist Leben, das ist ihre Schlussfolgerung. Eine, die nicht auf bildungsbürgerlichem Dünkel fußt, sondern auf kühler wirtschaftlicher Analyse.

Warum lassen die Deutschen das Lesen sein? Sind ihnen die Bücher zu langweilig oder die Zeiten zu schnelllebig? Was heißt »lesen können« im Jahr 2009?

In einem Büro in Heidelberg geben die beiden Marktforscher Marc Calmbach und Carsten Wippermann eine erste Antwort. Für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben sie im vergangenen Jahr eine Prognose zum Buchmarkt 2020 erstellt, denn der Verband sorgt sich um die Zukunft der Buchhändler. Calmbach und Wippermann haben sich durch die Befindlichkeiten des deutschen Lesers gefragt, seine Gewohnheiten und Bedürfnisse erforscht. Zwar kommen immer mehr Bücher auf den Markt, die beiden sprechen von einer »Titelflut« – aber gekauft davon werden nur einige wenige. Und zu Ende gelesen noch weniger. Und dann ist da noch eine Erkenntnis, eine verwirrende zunächst – Calmbach und Wippermann projizieren sie an die Wand des Besprechungsraumes. Dort steht nun, sinngemäß: Die bürgerliche Mitte hat Angst vor dem Absturz in die Unterschicht. Deshalb liest sie noch. Aber sie liest anders als früher.