AnalphabetismusEin Land verlernt das Lesen

Studenten verstehen abstrakte Texte nicht mehr, ein Schulbuchverlag kürzt Klassiker, Banker besuchen Lesekurse: Viele Deutsche haben keine Lust mehr zu lesen. Ist das so schlimm? von 

Kinder beim Lesen

Zweitklässler in Berlin blättern in einem Buch   |  © Sean Gallup/Getty Images

All die Jahre war niemandem etwas aufgefallen, wenn Brigitte van der Velde tagein, tagaus Stromschalter montierte. Hunderte Male am Tag, Tausende Male in der Woche, 25 Jahre lang klickte sie in einer kleinen Fabrik bei Bremen ein Stück Kunststoff in eine vor ihr angebrachte Halterung, schraubte Metall daran, lötete Kabel aneinander. Sie tat das Schulter an Schulter mit ihrer Mutter, und selbst der fiel nichts auf. Sorgsam hatte Brigitte van der Velde ihr Geheimnis bewahrt. Mit Verwaltungsaufgaben verbundene Beförderungen schlug sie aus. Wenn es galt, Geburtstagskarten zu unterschreiben, setzte sie auswendig gelernte Zeichen darunter, die ihren Namen bedeuteten. Niemand wusste, dass sie nicht lesen und schreiben konnte.

Das ging gut, bis der technische Fortschritt sie in Form einer Maschine einholte. Diese Maschine konnte schneller und billiger montieren. Nur vier Arbeiterinnen durften bleiben, um sie zu bedienen. Brigitte van der Velde dachte, sie hätte Glück gehabt. Denn sie war eine von ihnen.

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Doch nach dem ersten Tag mit dieser Aufgabe wusste sie, dass sie die Firma verlassen würde. Denn die Maschine wartete darauf, mit immer neuem Material gefüttert zu werden. Das alles wurde in Zeichen, die für die Kolleginnen Wörter und Zahlen waren, auf einer Tafel erklärt. Brigitte van der Velde bat um den Aufhebungsvertrag.

Das war vor 17 Jahren. Seitdem hat sie keine Arbeit mehr gefunden.

Es ist nicht so, dass Brigitte van der Velde überhaupt nicht lesen könnte. Sie ist zur Schule gegangen und hat in den Jahren ihrer Arbeitslosigkeit an der Volkshochschule große Fortschritte gemacht. Doch es reicht nicht mehr für einen Job. Nicht in diesen Zeiten der Zahlen und Buchstaben, der Computerbildschirme und Digitaldisplays. »Es gibt ja kaum noch ungelernte Berufe«, sagt Marion Döbert, Alphabetisierungsexpertin beim Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen in Hamburg. »Heute können Sie eine noch so brillante Pflegekraft sein – wenn Sie nicht lesen können, haben Sie keine Chance mehr. Und das wichtigste Werkzeug des Lageristen ist nicht mehr der Gabelstapler, sondern der Computer.«

Menschen wie Brigitte van der Velde nennt man funktionale Analphabeten. Es sind Menschen, die schon mit Hinweisschildern und Zeitplänen überfordert sind. Von rund vier Millionen solcher funktionalen Analphabeten in Deutschland geht der Bundesverband Alphabetisierung aus.

Doch schlechter lesen zu können, als es die Welt und die eigenen Lebensumstände erfordern – das betrifft nicht mehr nur diejenigen, die man landläufig als Analphabeten bezeichnet: Zu denen, die nicht lesen können, es aber wollen, sind jene gekommen, die lesen können, aber nicht mehr wollen. Laut Stiftung Lesen liest ein Viertel aller erwachsenen Deutschen überhaupt keine Bücher mehr. Im digitalen Zeitalter halten ganze Berufssparten das Lesen von Literatur für Zeitverschwendung (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19). Ein relativer Analphabetismus zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Schichten, bis hinauf in die Welt von Studenten und Managern. Verlernt das Land das Lesen?

Bereits an Grundschulen arbeiten Lehrer mit vereinfachten Versionen von Kinderbüchern wie Pippi Langstrumpf, weil sie den Eindruck haben, dass viele Schüler die Originale nicht mehr verstehen. Bei den Älteren geht es weiter mit Kleists Zerbrochenem Krug und Shakespeares Romeo und Julia, aus denen komplizierte Sätze gestrichen wurden. Universitätsprofessoren der Geisteswissenschaften berichteten den Autoren einer Studie der Universität Dortmund nicht nur von »Lesefaulheit«, sondern von »intellektueller Legasthenie« ihrer Studenten. Die wenigsten seien noch in der Lage, komplexe und abstrakte Texte zu durchdringen.

Muss man das heute noch können? Ist es wichtig, im Jahr 2009 den Zerbrochenen Krug komplett gelesen zu haben? Die Autoren der OECD-Erhebung Lesen kann die Welt verändern haben eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse zusammengetragen, die nahelegen, dass Lesekompetenz heute wichtiger ist als jemals zuvor: Nur wer gut lesen kann, wird in einer modernen Gesellschaft systematisch begünstigt. Die Fähigkeit zu lesen beeinflusst direkt Einkommen, Arbeit und Gesundheit. Menschen mit geringer Lesekompetenz brauchen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit staatliche Unterstützung und werden eher kriminell. »In unseren wissensintensiven Gesellschaften«, schreiben die Autoren, »ist Lesefähigkeit eine Grundvoraussetzung für Erfolg im Leben.«

Lesen ist Leben, das ist ihre Schlussfolgerung. Eine, die nicht auf bildungsbürgerlichem Dünkel fußt, sondern auf kühler wirtschaftlicher Analyse.

Warum lassen die Deutschen das Lesen sein? Sind ihnen die Bücher zu langweilig oder die Zeiten zu schnelllebig? Was heißt »lesen können« im Jahr 2009?

In einem Büro in Heidelberg geben die beiden Marktforscher Marc Calmbach und Carsten Wippermann eine erste Antwort. Für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben sie im vergangenen Jahr eine Prognose zum Buchmarkt 2020 erstellt, denn der Verband sorgt sich um die Zukunft der Buchhändler. Calmbach und Wippermann haben sich durch die Befindlichkeiten des deutschen Lesers gefragt, seine Gewohnheiten und Bedürfnisse erforscht. Zwar kommen immer mehr Bücher auf den Markt, die beiden sprechen von einer »Titelflut« – aber gekauft davon werden nur einige wenige. Und zu Ende gelesen noch weniger. Und dann ist da noch eine Erkenntnis, eine verwirrende zunächst – Calmbach und Wippermann projizieren sie an die Wand des Besprechungsraumes. Dort steht nun, sinngemäß: Die bürgerliche Mitte hat Angst vor dem Absturz in die Unterschicht. Deshalb liest sie noch. Aber sie liest anders als früher.

Leserkommentare
  1. Leider steht dieses Dossier symptomatisch für die neuere Berichterstattung der ZEIT. Es deckt durchaus Details auf, befragt Fachleute nach Perspektiven und Betroffene nach ihren Schicksalen. Die Warum-Frage jedoch wird weder beantwortet noch überhaupt differenziert gestellt.

    An keiner Stelle findet sich auch nur eine Andeutung, dass die geringere Leselust mit Stress und Arbeitsbelastung zu tun haben <em>könnte</em>. Ex negativo kann man versuchen, es aus dem Umstand zu erschließen, das Lesen etwas mit "Muße" zu tun habe. Dass aber Menschen, deren Arbeitsalltag zeitlich, physisch und psychisch belastet (etwa weil sie mehrere Jobs auszuüben haben), abends eher den Fernseher wählen als ein Buch oder dass Schülerinnen und Schüler eher das Videospiel zur Hand nehmen als eine Zeitung, wenn sie Lesen mit Drill und Konkurrenzdruck verknüpfen: darüber fällt <em>kein Wort</em>.

    Symptomatisch ist diese Art Bericht deshalb, weil sie zur politischen Arbeit der ZEIT seit spätestens der Bundestagswahl und damit endgültig zum journalistischen Mainstream passt, der bislang zumindest vor den Dossiers Halt gemacht hat. Statt ein Problem als gesellschaftliches und sozial bedingtes zu thematisieren, wird es auf die individuelle Perspektive und die sog. "Eigenverantwortung" eingegrenzt. Als gäben Eltern aus freier, aber falscher Entscheidung ihren Kindern nicht mehr genug zu lesen.

    So hat man wenigstens mal drüber geschrieben, nicht wahr? Solange die eigenen Käufer es <em>lesen können</em>...

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    (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19).

    Ein Link dazu wäre nett gewesen. Dieser Satz in diesem Text ist eine Andeutung, dass es bei denen, die die Texte ins CMS einpflegen, auch gelegentlich bei Verstehendem Lesen hapert.

    Genau. So sieht eine geschlossene linke Argumentationskette aus. Gelesen wird nicht mehr, weil die Gesellschaft Schuld ist oder die Arbeitswelt - und DIE ZEIT ist so unverschämt, nicht einmal auf diese unhaltbaren Zustände hinzuweisen. Nein, man könnte beim Studium dieses exzellenten Artikels ja durchaus den Eindruck gewinnen, dass die zunehmende Bildungs- und Leseresistenz etwas mit Unvermögen und Faulheit zu tun hat, was in einem Rosseauschen Weltbild aber natürlich gar nicht vorkommt. Also jetzt mal ganz ernsthaft. Der Artikel ist wirklich gut. Er beschreibt ein gesellschaftliches Phänomen. Doch die Ursachen liegen nicht an der Gesellschaft, sondern bei jedem selbst. Lesen ist nun einmal Arbeit. Ziemlich vergnügliche sogar - auch nach einem 10 - 12 Stunden umfassenden Arbeitstag. Und natürlich ist es bequemer, sich vom TV berieseln zu lassen. Aber die Wahl muss jeder selbst treffen. Keine Gesellschaft kann bzw. sollte diese Wahl beeinflussen. Ja, Freiheit kann sehr anstrengend sein. Und Bildung ist in erster Linie ein (großes) Stück Selbstverantwortung. Wer diese nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will, sollte dafür nicht die Schuld bei anderen suchen und mit den Konsequenzen leben.

  2. 2.

    (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19).

    Ein Link dazu wäre nett gewesen. Dieser Satz in diesem Text ist eine Andeutung, dass es bei denen, die die Texte ins CMS einpflegen, auch gelegentlich bei Verstehendem Lesen hapert.

    Antwort auf "Bezeichnend"
  3. 3.

    Aargh. Der Link ist ja da, bloß nicht auch noch an der Stelle, wo er sinnvoll gewesen wäre. Na gut.

    • Rojass
    • 16. November 2009 2:37 Uhr

    Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?

    Ausserdem: Wie war denn die "allgemeine Lesekompetenz" in der Gesellschaft vor 30, 50, 70, 100, 150, 300, 500, 1000 Jahren?

    Was sicher richtig ist, ist dass das gedruckte Wort im westlichen Kulturkreis (sprich in Europa und in Nord Südamerika) zwischen der Zeit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg und vor der Erfindung von Film und Radio fast der einzige Zeitvertreib für die Oberschicht-Leute daheim war. Sicher, man konnte ins Theater oder in die Oper oder ins Konzert gehen, aber für diejenigen, die zu Hause blieben, gab es, wenn man nicht selbst ein Instrument spielte, als Zeitvertreib eigentlich nur Bücher und nochmals Bücher.

    Ebenso auf den monatelangen Schiffspassagen in die Kolonien, ob nun in Asien, Australien, Amerika oder Afrika. Alles, was Kapitän und Offiziere oder Passagiere tun konnten war lesen.

    Andererseits war man aber nicht mehr auf das Abschreiben von Hand angewiesen sondern konnte mit Hilfe des Buchdrucks selbst Bücher in Massen verbreiten.

    <i>Das</i> war es wohl vor allem, was zwischen 1500 und 1920 so enorm populär machte.

    Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern.

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    • quirtz
    • 16. November 2009 15:25 Uhr

    Wie sie vielleicht festgestellt haben, ist der aktuelle Trend in unserer Gesellschaft leichte Kost mit bunten Bildern. Wenn ich in der Bibliothek Ruhe haben will, so muss ich nur die Klassiker aka Brecht, Grass, Frisch & co aufsuchen. Vergleichen sie doch mal das sprachliche Niveau eines Frischs mit dem eines Potters/Bis(s) zum ....[Kotzen?].

    Und daran ist nicht nur meine (die junge) Generation schuld, dieser Trend kommt eher aus den 50ern(-->Fresswelle/Konsumwelle/Reisewelle) bis heute.

    "Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?"

    Nicht zu vergessen die Bücher rund um den "Herr der Ringe", welche passend zu den Verfilmungen eine Renaissance erlebten. Und diese Schinken nötigen selbst Leseratten Respekt ab.

    "Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern."

    Und heute ist es das Internet.

    Betrachte ich mein eigenes Leseverhalten, dann lese ich seit dem Internet in der Tat sehr viel mehr - aber oft eben kurze Texte wie diesen Artikel eben. Für richige Bücher (Fachbücher außen vor gelassen) habe ich weniger Zeit und Muße als früher.

    Auch liest man "selektiver", gerade in Bezug auf die allgemeinen Nachrichten im Internet. Dafür lese ich die Seite der Tagesschau weit schneller, als sie mir die Tagesschausprecher im TV präsentieren.

    • quirtz
    • 16. November 2009 15:25 Uhr

    Wie sie vielleicht festgestellt haben, ist der aktuelle Trend in unserer Gesellschaft leichte Kost mit bunten Bildern. Wenn ich in der Bibliothek Ruhe haben will, so muss ich nur die Klassiker aka Brecht, Grass, Frisch & co aufsuchen. Vergleichen sie doch mal das sprachliche Niveau eines Frischs mit dem eines Potters/Bis(s) zum ....[Kotzen?].

    Und daran ist nicht nur meine (die junge) Generation schuld, dieser Trend kommt eher aus den 50ern(-->Fresswelle/Konsumwelle/Reisewelle) bis heute.

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    natürlich schreibt man heute anders, man muß doch nicht Frisch zitieren und "früher war alles besser " Sprüche auspacken. Ich sehe massig Jugendliche Kinder in der Straßenbahn Bücher lesen. Von Harry Potter bis Schätzing. "Der zerbrochene krug" muß doch auch morgens um 8 vor der Schule nicht sein. Seit ich tagsüber sehr viel am Computer arbeite, lese ich auch weniger. Man liest den ganzen Tag, da will manabends nicht mehr. Jugendlich tippen täglich kryptische Texte in ihr Handy. Sollen Sie doch. Sprache ist lebendig und wer sie in den Duden zementieren soll, soll sich gleich mitzementieren. Aber Klassiker zu lesen nur um zu sagen "Habe ich auch gelesen" (inklusive der Interpretatione, ist kontraproduktiver als nicht zu lesen und einfach mal ein paar Stunden vor sich indzudenken. Das ist ein wenig wie "Malen nach Zahlen".

  4. "Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?"

    Nicht zu vergessen die Bücher rund um den "Herr der Ringe", welche passend zu den Verfilmungen eine Renaissance erlebten. Und diese Schinken nötigen selbst Leseratten Respekt ab.

    "Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern."

    Und heute ist es das Internet.

    Betrachte ich mein eigenes Leseverhalten, dann lese ich seit dem Internet in der Tat sehr viel mehr - aber oft eben kurze Texte wie diesen Artikel eben. Für richige Bücher (Fachbücher außen vor gelassen) habe ich weniger Zeit und Muße als früher.

    Auch liest man "selektiver", gerade in Bezug auf die allgemeinen Nachrichten im Internet. Dafür lese ich die Seite der Tagesschau weit schneller, als sie mir die Tagesschausprecher im TV präsentieren.

  5. natürlich schreibt man heute anders, man muß doch nicht Frisch zitieren und "früher war alles besser " Sprüche auspacken. Ich sehe massig Jugendliche Kinder in der Straßenbahn Bücher lesen. Von Harry Potter bis Schätzing. "Der zerbrochene krug" muß doch auch morgens um 8 vor der Schule nicht sein. Seit ich tagsüber sehr viel am Computer arbeite, lese ich auch weniger. Man liest den ganzen Tag, da will manabends nicht mehr. Jugendlich tippen täglich kryptische Texte in ihr Handy. Sollen Sie doch. Sprache ist lebendig und wer sie in den Duden zementieren soll, soll sich gleich mitzementieren. Aber Klassiker zu lesen nur um zu sagen "Habe ich auch gelesen" (inklusive der Interpretatione, ist kontraproduktiver als nicht zu lesen und einfach mal ein paar Stunden vor sich indzudenken. Das ist ein wenig wie "Malen nach Zahlen".

    Antwort auf "ein gewisser Trend"
  6. Vor ein paar Jahren jubelte die Zeit noch, dass Wirtschaft bei Studenten kein Schimpfwort mehr sei, gerade auch die Zeit forderte ein, dass sich alles, auch das Bildungssystem dem Primat der Oekonomie zu stellen habe.
    Nun, die Zeit und die Vertreter des Washington Consensus haben gewonnen, selbst ein Studium ist heute bezifferbar (500 Euro per Semester an Staatshochschulen) und wirft eine Bildungsrendite ab (angeblich).
    In Konzernen wird heute Globalesisch (Business English) gesprochen, die Sprache der Wissenschaft ist das stupide sciencific English (ein stark degeneriertes englisch mit stets gleichen Standardphrasen, das ueberall auf diesem Planeten verstanden wird).
    Zeit ist Geld und Geld ist alles. Auch die Zeit hat diese Entwicklung bejubelt.
    Da ist es nur konsequent zu fragen, wieviel Euro Rendite bringt mir die Lektuere von "Faust" oder "Nathan, der Weise" (oder vielleicht einen Credit in "Interkulturelles mediales Lernen"?)?
    Wer die vollstaendige Herrschaft des kaufmaennischen Kalkuels wollte, darf sich nicht beschweren, wenn "Tausend legale Steuertricks" das Buch des Jahrzehnts ist, waehrend "Krieg und Frieden" in der Grabbelkiste verstaubt.

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    • Yadgar
    • 16. November 2009 18:02 Uhr

    ...sieht die Zukunft so aus: das Elite-Humankapital verschmilzt per Neuroelektronik zusehends mit dem sonstigen Kapital, bis Kapital, Eigner und Markt ununterscheidbar geworden sind; die überflüssigen 95 % Nicht-Elite enden hingegen als Treibstoffkomprimat im Prollmehlschredder und führen dem Kapital die notwendige Energie zu.

    • keox
    • 16. November 2009 20:06 Uhr

    Es ist ja auch kein Zufall, daß gleich zu Anfang der Börsenverein des Deutschen Buchhandels erwähnt wird, sowie die Stiftung Lesen.

    Es ist nun einmal so, die Lesekompetenz des Mitmenschen ist nur dann von Interesse, wenn es damit Geld zu machen gilt.

    Die Freude am Lesen, die intellektuelle und emotionale Bereicherung, die Faszination fremder Gedanken, all das ist nicht wertschöpfend im Sinne der BWL, sehr wertvoll aber für den Lesenden.

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