All die Jahre war niemandem etwas aufgefallen, wenn Brigitte van der Velde tagein, tagaus Stromschalter montierte. Hunderte Male am Tag, Tausende Male in der Woche, 25 Jahre lang klickte sie in einer kleinen Fabrik bei Bremen ein Stück Kunststoff in eine vor ihr angebrachte Halterung, schraubte Metall daran, lötete Kabel aneinander. Sie tat das Schulter an Schulter mit ihrer Mutter, und selbst der fiel nichts auf. Sorgsam hatte Brigitte van der Velde ihr Geheimnis bewahrt. Mit Verwaltungsaufgaben verbundene Beförderungen schlug sie aus. Wenn es galt, Geburtstagskarten zu unterschreiben, setzte sie auswendig gelernte Zeichen darunter, die ihren Namen bedeuteten. Niemand wusste, dass sie nicht lesen und schreiben konnte.

Das ging gut, bis der technische Fortschritt sie in Form einer Maschine einholte. Diese Maschine konnte schneller und billiger montieren. Nur vier Arbeiterinnen durften bleiben, um sie zu bedienen. Brigitte van der Velde dachte, sie hätte Glück gehabt. Denn sie war eine von ihnen.

Doch nach dem ersten Tag mit dieser Aufgabe wusste sie, dass sie die Firma verlassen würde. Denn die Maschine wartete darauf, mit immer neuem Material gefüttert zu werden. Das alles wurde in Zeichen, die für die Kolleginnen Wörter und Zahlen waren, auf einer Tafel erklärt. Brigitte van der Velde bat um den Aufhebungsvertrag.

Das war vor 17 Jahren. Seitdem hat sie keine Arbeit mehr gefunden.

Es ist nicht so, dass Brigitte van der Velde überhaupt nicht lesen könnte. Sie ist zur Schule gegangen und hat in den Jahren ihrer Arbeitslosigkeit an der Volkshochschule große Fortschritte gemacht. Doch es reicht nicht mehr für einen Job. Nicht in diesen Zeiten der Zahlen und Buchstaben, der Computerbildschirme und Digitaldisplays. »Es gibt ja kaum noch ungelernte Berufe«, sagt Marion Döbert, Alphabetisierungsexpertin beim Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen in Hamburg. »Heute können Sie eine noch so brillante Pflegekraft sein – wenn Sie nicht lesen können, haben Sie keine Chance mehr. Und das wichtigste Werkzeug des Lageristen ist nicht mehr der Gabelstapler, sondern der Computer.«

Menschen wie Brigitte van der Velde nennt man funktionale Analphabeten. Es sind Menschen, die schon mit Hinweisschildern und Zeitplänen überfordert sind. Von rund vier Millionen solcher funktionalen Analphabeten in Deutschland geht der Bundesverband Alphabetisierung aus.

Doch schlechter lesen zu können, als es die Welt und die eigenen Lebensumstände erfordern – das betrifft nicht mehr nur diejenigen, die man landläufig als Analphabeten bezeichnet: Zu denen, die nicht lesen können, es aber wollen, sind jene gekommen, die lesen können, aber nicht mehr wollen. Laut Stiftung Lesen liest ein Viertel aller erwachsenen Deutschen überhaupt keine Bücher mehr. Im digitalen Zeitalter halten ganze Berufssparten das Lesen von Literatur für Zeitverschwendung (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19). Ein relativer Analphabetismus zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Schichten, bis hinauf in die Welt von Studenten und Managern. Verlernt das Land das Lesen?

Bereits an Grundschulen arbeiten Lehrer mit vereinfachten Versionen von Kinderbüchern wie Pippi Langstrumpf, weil sie den Eindruck haben, dass viele Schüler die Originale nicht mehr verstehen. Bei den Älteren geht es weiter mit Kleists Zerbrochenem Krug und Shakespeares Romeo und Julia, aus denen komplizierte Sätze gestrichen wurden. Universitätsprofessoren der Geisteswissenschaften berichteten den Autoren einer Studie der Universität Dortmund nicht nur von »Lesefaulheit«, sondern von »intellektueller Legasthenie« ihrer Studenten. Die wenigsten seien noch in der Lage, komplexe und abstrakte Texte zu durchdringen.

Muss man das heute noch können? Ist es wichtig, im Jahr 2009 den Zerbrochenen Krug komplett gelesen zu haben? Die Autoren der OECD-Erhebung Lesen kann die Welt verändern haben eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse zusammengetragen, die nahelegen, dass Lesekompetenz heute wichtiger ist als jemals zuvor: Nur wer gut lesen kann, wird in einer modernen Gesellschaft systematisch begünstigt. Die Fähigkeit zu lesen beeinflusst direkt Einkommen, Arbeit und Gesundheit. Menschen mit geringer Lesekompetenz brauchen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit staatliche Unterstützung und werden eher kriminell. »In unseren wissensintensiven Gesellschaften«, schreiben die Autoren, »ist Lesefähigkeit eine Grundvoraussetzung für Erfolg im Leben.«

Lesen ist Leben, das ist ihre Schlussfolgerung. Eine, die nicht auf bildungsbürgerlichem Dünkel fußt, sondern auf kühler wirtschaftlicher Analyse.

Warum lassen die Deutschen das Lesen sein? Sind ihnen die Bücher zu langweilig oder die Zeiten zu schnelllebig? Was heißt »lesen können« im Jahr 2009?

In einem Büro in Heidelberg geben die beiden Marktforscher Marc Calmbach und Carsten Wippermann eine erste Antwort. Für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben sie im vergangenen Jahr eine Prognose zum Buchmarkt 2020 erstellt, denn der Verband sorgt sich um die Zukunft der Buchhändler. Calmbach und Wippermann haben sich durch die Befindlichkeiten des deutschen Lesers gefragt, seine Gewohnheiten und Bedürfnisse erforscht. Zwar kommen immer mehr Bücher auf den Markt, die beiden sprechen von einer »Titelflut« – aber gekauft davon werden nur einige wenige. Und zu Ende gelesen noch weniger. Und dann ist da noch eine Erkenntnis, eine verwirrende zunächst – Calmbach und Wippermann projizieren sie an die Wand des Besprechungsraumes. Dort steht nun, sinngemäß: Die bürgerliche Mitte hat Angst vor dem Absturz in die Unterschicht. Deshalb liest sie noch. Aber sie liest anders als früher.

 

Auf dem Schaubild an der Wand liegt die Angst zwischen einem größeren und einem kleineren Oval. Das große Oval steht für das Milieu der bürgerlichen Mitte, »statusorientierter moderner Mainstream«, sagt Wippermann, »nach beruflicher und sozialer Etablierung strebend«. Das kleinere Oval darunter steht für die »Konsum-Materialisten«, eine materialistisch geprägte Unterschicht, etwa zwölf Prozent der Deutschen. Und dort, sagt Wippermann, wolle die Mitte nicht hin.

Deshalb sollen die Kinder dieser Mittelschichtsfamilien lesen. »Die Pisa-Studien beschäftigen diese Gruppe ähnlich wie Hartz IV. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder abrutschen. Sie wollen, dass ihre Kinder lesen, um den Status zu sichern, und sie haben ein sehr funktionales Verhältnis dazu«, sagt Wippermann. Er nennt das den »Container-Ansatz«: Kind auf, Wissen rein, Kind zu. Eine Frau, die von Wippermann befragt wurde, las ihrem Kind abends aus dem Duden vor.

Die beiden Forscher sprechen deshalb von »funktionalem Lesen« in der Mittelschicht. Eher ein angestrengtes Sammeln von Büchern und Wissen als ein genussvolles Erleben.

Für diese Schicht haben die deutschen Kultusminister Politik gemacht – nicht so sehr für die Kinder von Hartz-IV-Empfängern und Migranten beispielsweise. Die Politiker schielten auf die Stimmen der »bürgerlichen Mitte«, für deren Stimmung sie ein seismografisches Gespür haben, seit alle Politiker »Mitte« sein wollen. Vor nichts hat der moderne Politiker mehr Angst, als die Stimmen dieser Mitte zu verlieren.

Deshalb stapeln sich nun all die Schulbücher, Übungshefte und Testbögen auf dem Schreibtisch von Gabriele Biela. Es sind Dutzende bunter Bände, manche haben gleiche Namen, aber unterschiedliche Farben. Jeder Bildungsminister möchte sein eigenes Buch, sonst lässt er es nicht zu an den Schulen seines Bundeslandes. Man kann sagen: Die Schulbuchredakteurin Gabriele Biela hat das ganze angespannte Verhältnis der Deutschen zum Lesen hier auf ihrem Tisch liegen. Und die deutsche Pisa-Panik mit dazu. Und doch, sagt sie, seien manche dieser Bücher wieder nur Zeugnisse bröckelnder Lesekompetenz.

Gabriele Biela ist »Gruppenleiterin Deutsch« beim Cornelsen Verlag in Berlin, einem der größten deutschen Schulbuchverlage – und Kronzeugin einer Entwicklung, die sie durch Entgegenkommen aufzuhalten versucht, so widersprüchlich das klingt. Gabriele Biela ist die Frau, die Deutschlands Schulbücher vereinfacht hat.

Wer in den vergangenen 20 Jahren den Deutschunterricht besuchte, hielt mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein von ihr betreutes Buch in Händen. Schon 1999 – fünf Jahre bevor Deutschland von den schlechten Ergebnissen der Pisa-Studie überrascht wurde – hatte sie deutsche Schulen besucht und mit den Lehrern dort über die Schüler und deren Schulbücher gesprochen. Schnell sei ihr klar geworden: Kleist an Hauptschulen? Lindgren an Haupt- oder Grundschulen? Das ging nicht mehr.

Die Lehrer berichteten ihr aus einer erschütterten Welt, in der Schulen ihre Problemschüler tauschten: »Du kriegst meinen mit dem Gewaltproblem, ich nehme deinen mit den Drogen.« In den fünften Klassen waren manche Hauptschüler zehn Jahre alt, andere 16. Die Lehrer würden ja gerne gute Literatur mit ihnen lesen – aber selbst wenn es nicht all die anderen Probleme gäbe: Ihre Schüler seien nicht in der Lage dazu.

Und Gabriele Biela, die Schulbuchredakteurin, stand plötzlich vor einer Gewissensfrage: Sollte die ihr geradezu heilige Literatur unantastbar – und damit vielleicht ungelesen – bleiben? Oder könnte sie eine vereinfachte Version entwickeln – was von anderen als Kulturschändung verstanden würde? Durfte es das geben: eine Lindgren light?

Biela entwickelte eine Reihe, die Einfach klassisch heißt und Romane wie Dramen umfasst. Die Texte haben einfachere Satzstrukturen als die Originale, sie sind kürzer, es gibt Illustrationen. Es wurde viel darüber gespottet, auch in der ZEIT . Bielas Bücher wurden als Kapitulation gedeutet. Biela sieht das anders: »Mein besonderes Interesse galt immer den Schülern, die Probleme haben. Bei denen lautet die Alternative: die einfache Version oder gar nicht.«

In diesem Jahr hat ihre Kollegin im Büro nebenan, Susanne Dahlbüdding, auch Cornelia Funkes Emma und der Blaue Dschinn vereinfacht, ohnehin ein Kinderbuch. Doch weil auch schon an den Grundschulen die Lesekompetenz mancher Kinder so schwach sei, sagt Dahlbüdding, gäben nur diese Bücher manchen Lehrern die Möglichkeit, dass am Ende alle Schüler einer Klasse über ein Buch sprechen, das sie gelesen haben – wenn auch nicht das Original. Lehrer berichten ihr von Kindern, die stolz sind, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein ganzes Buch gelesen haben. Und sich dann vielleicht ans nächste trauen.

Doch nun scheint es so zu sein, dass sich eine Entwicklung anbahnt, die alles eher schlimmer macht als besser, findet Gabriele Biela – und das hat mit den Schulbüchern auf ihrem Tisch zu tun. Nach Pisa haben die Kultusminister überall Lernstandserhebungen eingeführt. Es gibt jetzt sehr viele Tests, die alle dem Pisa-Test ähneln. Es geht darum, Antworten anzukreuzen. Cornelsen macht auch Bücher zur Vorbereitung auf diese Tests, schließlich brauchen die Lehrer sie. Biela öffnet einen der Übungsbände: Er sieht aus der Fragebogen zur schriftlichen Führerscheinprüfung. »Hier kreuzen Sie Antworten zum Text an«, sagt sie, »da dürfen Sie drei Zeilen schreiben.«

 

Selbst Gabriele Biela, die Vereinfacherin, findet, dass das zu wenig sein könnte, ausschließlich lernbezogenes, leistungsorientiertes Lesen. Was, wenn durch die intensive Vorbereitung der Schüler auf Tests und zentralisierte Prüfungen nicht mehr gelesen wird, wie gelesen werden müsste: frei und mit eigenem Vorstellungsvermögen? »Es sollte mit Erkenntnisinteresse und Ruhe gelesen werden«, sagt Biela, »aber bei der Textanalyse steht jetzt oft nur noch die Prüfung im Zentrum.«

Was ist Lesen überhaupt? Warum fällt es dem einen schwer, dem anderen nicht? Arthur Jacobs, Professor für Neurokognitive Psychologie an der Freien Universität Berlin, sucht seit Jahren nach Antworten. Eine lautet: Unter biologischen Gesichtspunkten ist Lesen eine eher unnatürliche Handlung. Es gebe beim Menschen keine Anlage dafür, sagt Jacobs, anders als fürs Sprechen. Lesen ist hart erlerntes kulturelles Handwerk, Hirnarbeit – und nicht jedes Hirn ist gleich. Immer wieder verkabelt Jacobs Probanden beim Lesen mit Hirnsensoren, folgt ihren Augenbewegungen. Es geht ihm darum, herauszufinden, ob beispielsweise Legasthenie auch organische Ursachen haben kann. Mehr darüber zu erfahren wäre wichtig für die Lehrer an den Schulen, um Kranke von Ungeübten unterscheiden zu können. Bislang wird – unter dem Druck ehrgeiziger Eltern – oft falsch entschieden, mit erschreckenden sozialen Folgen: Während wirkliche Legastheniker als lesefaul abgestempelt werden, gelingt es ambitionierten Eltern, ihre womöglich nur leseunerfahrenen Kinder mit dem Etikett Legastheniker durchs Abitur zu schleusen.

Die Zeppelin University in Friedrichshafen. Hier lernt die Elite, still und abgeschieden, mit Blick auf den Bodensee. Zwischen der Universität und dem Cornelsen-Verlagshaus in Berlin liegt zwar der weite Weg zwischen Hauptstadt und Bodensee, aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit: Stephan Jansen, Präsident der privaten Universität, hat das Gefühl, seine Schüler erst wieder das Lesen lehren zu müssen – und das nicht, obwohl er Betriebswirt ist, sondern gerade deshalb.

Der Professor macht sich besondere Sorgen um die Studenten seines Fachs – und um die Konsequenzen, die es hätte, wenn die rund 130000 deutschen Betriebswirtschaftsstudenten bald ihre Arbeit in kleinen Firmen und großen Konzernen aufnehmen, ohne das zu können, was er von ihnen erwartet: »In widersprüchlichen Situationen Entscheidungen zu treffen.«

Jansen glaubt, dass es am Widerspruch geschulte Lesemenschen braucht, um Unternehmen und Gesellschaften zu führen. Menschen, die den Zwiespalt kennen, wenn nicht aus ihrer eigenen Biografie, dann aus Büchern.

Was sein Fachgebiet angeht, hat er die Hoffnung fast schon verloren. Die Ausbildung von Betriebswirten, wie man sie kenne, mit Zahlen und komprimierten Lehrbüchern, sei »erfolgreich, aber folgenlos«, sagt Jansen mit Freude an der Polemik. Er beobachtet Studenten, die Skripte auswendig lernen, und Professoren, die kein Interesse am Widerspruch haben.

Für ihn sei die Aufgabe der Universität aber »die Produktion von Dissens«. Deshalb sollen seine Studenten lesen, vor allem wissenschaftlich-philosophische Literatur. Sie sollen lernen, lange Texte wie Expertisen miteinander zu vergleichen. Denn was tue ein Vorstandsvorsitzender anderes, als Vorlagen zu lesen und sich ständig mit widersprüchlichen Informationen herumzuschlagen, selbst wenn er Zahlen anschaue?

Jansen will, dass seine Studenten Töne anschlagen, die sich mit anderen nicht vertragen, kein Powerpoint, sondern komplexe Partituren, Originaltexte der Soziologen Max Weber und Niklas Luhmann. »Originaltexte«, der Professor spricht dieses Wort voller Genuss. Es klingt seltsam altmodisch in einer Wirtschaftswelt, die für nichts mehr Zeit zu haben glaubt. Selbst wenn seine Studenten nicht jedes Wort verstehen: Es ist ja auch eine Erkenntnis, mal etwas nicht zu begreifen. Jansen sagt: »In der Betriebswirte- und MBA-Ausbildung kommt das Scheitern nicht vor. Dabei sind Sie im Management ständig damit konfrontiert, dass es für Situationen eigentlich keine Lösung gibt. Sonst brauchte es das Management ja nicht! Studenten müssen deshalb lernen, Widersprüche zu überbrücken.«

»Ein Manager sieht Zahlen und Zusammenfassungen«, sagt Jansen, »das sind nur Bilder dessen, was ist. So liest der Vorstand am Ende kürzeste Entscheidungsvorlagen, aber es geht um eine Akquisition mit Milliardenwerten.«

Deshalb, davon ist Jansen überzeugt, mache das Lesen den Unterschied zwischen einem guten und einem mäßigen Konzernvorstand aus.

Hätte es die Krise auch gegeben, wenn Manager mehr lesen würden?

Vielleicht wäre die Finanzkrise, wie sie derzeit die Welt erschüttert, mit Jansens Lesemenschen nicht so schlimm geworden. Schließlich haben sich die Finanzmenschen nur auf Buchstabenfolgen wie AAA verlassen, wenn es um die Qualität von Geldanlagen ging. Hätten sie nachgelesen, nachgefragt, vielleicht hätten sie dann die Widersprüche entdeckt.

Aber würde die Welt besser funktionieren, wenn sich jeder mit schöner Lektüre beschäftigte? Peter Walburg findet eine solche Sichtweise abwegig. Er ist verantwortlich für die Analyse von Anleihen bei DWS Investments, Deutschlands größter Fondsgesellschaft, die zur Deutschen Bank gehört. Es ist gerade keine leichte Zeit für Leute wie ihn: Die meisten Wertpapiere haben an Wert verloren, die Fonds machen Verluste. Um entscheiden zu können, brauchen die Manager Informationen. Geschäftsberichte, Analystenberichte, Marktberichte, Zeitungsberichte. In der Bankenwelt in Frankfurt am Main wird ein Lesekrieg geführt. »Wenn Sie eine Information schneller erfassen als andere, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie Geld damit verdienen«, sagt Walburg. Er liest nur noch funktional.

 

Seit 25 Jahren ist er im Geschäft. Anfangs saß er am Telex und verglich Marktveränderungen auf Monatsbasis. Heute geht es um Minuten. »Das Lesen in meiner Arbeit hat sich verändert, weil man sich den Stoff nicht mehr gezielt suchen muss«, sagt Walburg. »Heute bekomme ich ihn rund um die Uhr geliefert. Ich muss das Material schneller lesen und die Relevanz schneller bewerten als andere. Es ist nicht drin, mehr als eine Seite zu einem Thema zu lesen.« Und wer das in Frankfurt nicht auch auf Englisch kann, ist schon ein funktionaler Analphabet.

Walburg sagt, dass er nicht mehr all diese Texte lesen könne, die Abertausenden Seiten von Prospekten, die Aktiengesellschaften herausgeben, wenn sie Investoren suchen. All die Papiere voller Risikofaktoren. Walburg meint, dass das noch nicht einmal die Leute täten, die sie schreiben. Sie kopierten Textbausteine.

Es gibt in Frankfurt mittlerweile Schnelllesekurse, ein Pendant der Bankenwelt zu Gabriele Bielas vereinfachten Schulbüchern. Neulich hat auch Walburg an einem teilgenommen.

An einem grauen Tag sind in einem Seminarraum der Frankfurter Universität ein Banker, ein Volkswirtschaftsstudent, eine Mitarbeiterin des Internet-Auktionshauses eBay, ein Unternehmensberater, eine Germanistik- und eine Wirtschaftsstudentin zusammengekommen, um all »die kleinen Männer in den Ohren auszuschalten«, wie Kursleiter Wolfgang Schmitz sagt.

Diese kleinen Männer, meint Schmitz, flüstern während des Lesens jedes gelesene Wort im Kopf der Leser mit. Er will sie beseitigen – zumindest zum Schweigen bringen. Denn er ist überzeugt: Die kleinen Flüsterer »deckeln die Lesegeschwindigkeit auf Sprechgeschwindigkeit.«

Schmitz, ein Diplomkaufmann, ist Geschäftsführer des Unternehmens Improved Reading. Er bietet seine Kurse auf Deutsch und Englisch an. Seit 2003 hatte er mehr als 5000 Kunden, die ihm bis zu 1090 Euro bezahlen – das ist der Preis für die Manager-Version: zwei Tage in der Kleingruppe im Hotel. Die meisten seiner Schüler haben studiert. Umso eigentümlicher ist, was Schmitz in einer Statistik über sie festgehalten hat: Bei den Inhaltsfragen zum Eingangstext, den sie lesen müssen, antworten die Teilnehmer im Durchschnitt nur zu etwa 60 Prozent richtig.

»Man kann bis zu vier Wörter ohne Blickstopp erfassen«

Jetzt sind also die Teilnehmer hier in der Universität zusammengekommen, und Schmitz sagt ihnen, sie sollten beim Lesen nicht mehr innerlich mitsprechen. Sie sollten nicht ständig zurückspringen, sondern »vorwärtsorientiert lesen«. Sie sollten mit den Gedanken nicht abschweifen, »sonst preschen andere Gedanken in die Lücke, vor allem bei langweiligen Texten«. Sie sollten sich nicht mehr mit jedem einzelnen Wort befassen. »Man kann bis zu vier Wörter ohne extra Blickstopp erfassen«, sagt Schmitz.

Es geht den Teilnehmern um einen Wettbewerbsvorteil im Lesekrieg. Darum, Informationen für die Doktorarbeit schneller zu erfassen, E-Mails schneller abzuarbeiten. Der junge Banker im Kurs hofft, dadurch mehr Zeit für die Familie zu haben.

Zwischen den Übungen lässt Schmitz die Teilnehmer ausrechnen, wie gut sie lesen. Sie multiplizieren die pro Minute gelesenen Wörter mit dem Prozentsatz richtig beantworteter Fragen zum Text. Das Ergebnis nennt er effective reading rate . Wenn jemand sein Angebot als Turbolesekurs bezeichnet, antwortet Schmitz: »Die Frage ist: Wie kommen Sie mit den Anforderungen, die täglich an Sie gestellt werden, zurecht? Wir hatten niemals diese Informationsflut, der wir heute ausgesetzt sind. Aber nach der Grundschulzeit bringt uns niemand mehr etwas Neues bei. In unseren Kursen geht es nicht unbedingt um die Schnelligkeit. Es geht vor allem um das Textverständnis.« Dann schwärmt er von den Effizienzreserven, die in deutschen Unternehmen lägen – und die zu entfesseln so einfach wäre, wenn die Mitarbeiter nur besser und schneller läsen.

Seine Schüler sind nach zwei Tagen allesamt zufrieden. Auch wenn sie sich darüber einig sind, dass sich dieses Lesen für schöne Literatur nur bedingt eignet. Es gibt eben Texte, die ohne den kleinen Mann im Ohr nicht mehr schön klingen. Romane. Gedichte, die rhythmisch fließen. Texte, an denen sich auch Manager berauschen können, falls sie ihr Leseverhalten nicht komplett dem Job angepasst haben.

Die Frage, inwieweit sich der Leser selbst vom Lesen entwöhnt – sie stellt sich bei dieser Reise durch Deutschland immer öfter. Und damit auch die, wie weit ihm Buchverlage und Massenmedien dabei zu Diensten sind.

Der moderne und junge Mediennutzer mag es mundgerecht, das weiß auch Claus Strunz, denn er beobachtet und bedient diesen neuen Leser seit Jahren. Strunz war Chefredakteur der Bild am Sonntag . Nun ist er in derselben Funktion beim ebenfalls zum Springer-Verlag gehörenden Hamburger Abendblatt . Nur wenn Strunz den Geschmack des Lesers trifft, kauft der seine Produkte. Wenn nicht, verliert Strunz ihn – und das darf sich ein Chefredakteur nicht zu oft leisten.

 

Beim Abendblatt sollen die Redakteure seit einigen Monaten zunächst für das Onlineportal schreiben und ihre Artikel dann für die Zeitung des folgenden Tages weiterdrehen. »Früher haben wir den Leser beim Frühstück erreicht. Heute können wir ihn den ganzen Tag versorgen, wenn er im Büro am Computer sitzt«, sagt Strunz.

Das könnte eigentlich Hoffnung für das Lesen machen. Zumal Strunz euphorisch von einer »historischen Chance« berichtet, weil gut 90 Prozent der etwa eine Million Besucher, die die Website des Abendblattes jeden Monat habe, Menschen seien, die die gedruckte Ausgabe gar nicht läsen. Die Zeitungsleser seien im Schnitt über 50 Jahre alt, die Onlineleser viel jünger.

Strunz’ Redakteure können mit einem Klick sehen: Welche Internetseiten haben wie viele Leser angesehen? Haben sie bei längeren Artikeln von der ersten noch auf die zweite Seite umgeblättert? Vor allem: Was lesen sie überhaupt? Am interessantesten finden sie eigentlich immer den Hamburger SV, dann die Polizeimeldungen. Aber oft, sagt Strunz, sei auf Platz drei ein langer Text, eine Rede von Ralph Giordano zum Beispiel.

Nur ist es so, dass der Onlineklicker nicht immer auch ein Onlineleser ist. So ruft er selbst bei Spiegel Online, das es in Sachen Reichweite und Einfluss mit großen Tageszeitungen aufnehmen kann, nur 49 Seiten pro Woche auf, 14-mal davon die Einstiegsseite, auf der nur Überschriften stehen. Während vor allem ältere Menschen nach wie vor konzentriert Zeitung lesen – wer 50 oder älter ist, widmet seiner Zeitung nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger wochentags 45 Minuten –, schauen sich die jungen Onlineleser en gros eher die Überschriften an, als dass sie sich in Inhalte vertiefen. Der Durchschnittsbesucher von Spiegel Online verweilt gut 37 Minuten auf der Seite – pro Monat.

Es gibt schon Onlinemedien, die Nachrichten auf Nachfrage machen: Redakteure schreiben im Stundentakt kurze Artikel zu jenen Stichwörtern, die aktuell in der Internet-Suchmaschine Google am häufigsten eingegeben werden. Fast so, als könnten sich Schüler ihren Unterrichtsstoff allein zusammenstellen.

Diese Diktatur des Lesers führt dazu, dass auch die Redakteure der Onlineableger von Qualitätsblättern einer Bildstrecke von Britney Spears einen ähnlich prominenten Platz einräumen wie der politischen Analyse. Claus Strunz sagt allerdings: »Ich glaube, dass die Leser das auf Dauer nicht wollen und sich nicht ernst genommen fühlen. Online wird zu einer Renaissance der Zeitung führen, weil der Leser, wenn sich die Onlineportale inhaltlich ähnlich sind, nach Führung und nach Einordnung sehnt.«

Vor wenigen Tagen spekulierte Strunz allerdings schon darüber, das Abendblatt nur noch samstags als gedrucktes Exemplar anzubieten, an allen anderen Tagen ausschließlich im Internet. Diese Idee sei aber, sagt er, »noch umstritten«.

Am Verlagshaus, in dem er arbeitet, ist eine rote Leuchtreklame der Bild- Zeitung angebracht. Sie sieht aus wie ein riesiges Lesezeichen. Darauf steht: »Jetzt mal ehrlich: Wer liest schon gerne ewig lange und nicht enden wollende Artikel?«

Wer Texte versteht, gewinnt Macht – Analphabeten wissen das

Für Brigitte van der Velde wäre das ein Traum. Schon die Bild- Zeitung muss sie sich mühsam erarbeiten. Sie lebt in einer anderen Welt als Claus Strunz’ Onlinekunden. Aber so wie sie sich Tag für Tag in der Volkshochschule Oldenburg die Welt der Buchstaben zu erschließen versucht, scheint sie dem geschriebenen Wort eine größere Wertschätzung entgegenzubringen als manch anderer. Weil sie weiß, was sonst fehlt.

Die meisten in ihrem Kurs haben seit Jahren keine Arbeit mehr gefunden, keine Stellenausschreibung, für die sie nicht hätten lesen und schreiben müssen. Deshalb gehen sie wieder in die Schule – wo sie auch lernen sollen, mit all den Verletzungen zu leben, die ein Mensch erfährt, wenn er nicht lesen und schreiben kann.

Brigitte van der Velde ist eine nachdenkliche Frau, manchmal spricht sie so betont und bedächtig, als würde sie vorlesen. »Ich habe zwei Leben. Eines vor der Schrift und eines danach«, sagt sie. Bei ihr fiel das Lesenlernen zusammen mit der Trennung von ihrem Mann. Das beobachten die Lehrer hier oft: Wenn ein Analphabet lesen lernt, zerbricht die Beziehung. Er ist nicht mehr so leicht zu kontrollieren, wenn er Busfahrpläne lesen kann. Brigitte van der Veldes Mann hatte sie gut unter Kontrolle. Bis heute hat sie das Gefühl, dass er sie über den Tisch gezogen hat, als sie die Bausparverträge aufteilten.

Seit einiger Zeit machen die Kursteilnehmer eine ABC-Zeitung, in der sie aus ihrem Leben berichten – wofür sie schreiben können müssen. Manchmal dauere das Buchstabieren noch lange, sagt ein Mann im Kurs. Und sobald er aus Versehen einen Satz aus seinem Artikel löscht, ist viel Zeit verloren. Doch wenn er im Videotext Informationen über einen Film sucht, dann kann er die Seite mit den zwei Absätzen jetzt lesen. »Manchmal dauert das lange, wegen schwieriger Wörter«, sagt er. »Aber wenn keine schwierigen Wörter vorkommen, dann geht es schnell. Dann bin ich nach zehn Minuten durch.«