Analphabetismus Ein Land verlernt das LesenSeite 5/5

Beim Abendblatt sollen die Redakteure seit einigen Monaten zunächst für das Onlineportal schreiben und ihre Artikel dann für die Zeitung des folgenden Tages weiterdrehen. »Früher haben wir den Leser beim Frühstück erreicht. Heute können wir ihn den ganzen Tag versorgen, wenn er im Büro am Computer sitzt«, sagt Strunz.

Das könnte eigentlich Hoffnung für das Lesen machen. Zumal Strunz euphorisch von einer »historischen Chance« berichtet, weil gut 90 Prozent der etwa eine Million Besucher, die die Website des Abendblattes jeden Monat habe, Menschen seien, die die gedruckte Ausgabe gar nicht läsen. Die Zeitungsleser seien im Schnitt über 50 Jahre alt, die Onlineleser viel jünger.

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Strunz’ Redakteure können mit einem Klick sehen: Welche Internetseiten haben wie viele Leser angesehen? Haben sie bei längeren Artikeln von der ersten noch auf die zweite Seite umgeblättert? Vor allem: Was lesen sie überhaupt? Am interessantesten finden sie eigentlich immer den Hamburger SV, dann die Polizeimeldungen. Aber oft, sagt Strunz, sei auf Platz drei ein langer Text, eine Rede von Ralph Giordano zum Beispiel.

Nur ist es so, dass der Onlineklicker nicht immer auch ein Onlineleser ist. So ruft er selbst bei Spiegel Online, das es in Sachen Reichweite und Einfluss mit großen Tageszeitungen aufnehmen kann, nur 49 Seiten pro Woche auf, 14-mal davon die Einstiegsseite, auf der nur Überschriften stehen. Während vor allem ältere Menschen nach wie vor konzentriert Zeitung lesen – wer 50 oder älter ist, widmet seiner Zeitung nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger wochentags 45 Minuten –, schauen sich die jungen Onlineleser en gros eher die Überschriften an, als dass sie sich in Inhalte vertiefen. Der Durchschnittsbesucher von Spiegel Online verweilt gut 37 Minuten auf der Seite – pro Monat.

Es gibt schon Onlinemedien, die Nachrichten auf Nachfrage machen: Redakteure schreiben im Stundentakt kurze Artikel zu jenen Stichwörtern, die aktuell in der Internet-Suchmaschine Google am häufigsten eingegeben werden. Fast so, als könnten sich Schüler ihren Unterrichtsstoff allein zusammenstellen.

Diese Diktatur des Lesers führt dazu, dass auch die Redakteure der Onlineableger von Qualitätsblättern einer Bildstrecke von Britney Spears einen ähnlich prominenten Platz einräumen wie der politischen Analyse. Claus Strunz sagt allerdings: »Ich glaube, dass die Leser das auf Dauer nicht wollen und sich nicht ernst genommen fühlen. Online wird zu einer Renaissance der Zeitung führen, weil der Leser, wenn sich die Onlineportale inhaltlich ähnlich sind, nach Führung und nach Einordnung sehnt.«

Vor wenigen Tagen spekulierte Strunz allerdings schon darüber, das Abendblatt nur noch samstags als gedrucktes Exemplar anzubieten, an allen anderen Tagen ausschließlich im Internet. Diese Idee sei aber, sagt er, »noch umstritten«.

Am Verlagshaus, in dem er arbeitet, ist eine rote Leuchtreklame der Bild- Zeitung angebracht. Sie sieht aus wie ein riesiges Lesezeichen. Darauf steht: »Jetzt mal ehrlich: Wer liest schon gerne ewig lange und nicht enden wollende Artikel?«

Wer Texte versteht, gewinnt Macht – Analphabeten wissen das

Für Brigitte van der Velde wäre das ein Traum. Schon die Bild- Zeitung muss sie sich mühsam erarbeiten. Sie lebt in einer anderen Welt als Claus Strunz’ Onlinekunden. Aber so wie sie sich Tag für Tag in der Volkshochschule Oldenburg die Welt der Buchstaben zu erschließen versucht, scheint sie dem geschriebenen Wort eine größere Wertschätzung entgegenzubringen als manch anderer. Weil sie weiß, was sonst fehlt.

Die meisten in ihrem Kurs haben seit Jahren keine Arbeit mehr gefunden, keine Stellenausschreibung, für die sie nicht hätten lesen und schreiben müssen. Deshalb gehen sie wieder in die Schule – wo sie auch lernen sollen, mit all den Verletzungen zu leben, die ein Mensch erfährt, wenn er nicht lesen und schreiben kann.

Brigitte van der Velde ist eine nachdenkliche Frau, manchmal spricht sie so betont und bedächtig, als würde sie vorlesen. »Ich habe zwei Leben. Eines vor der Schrift und eines danach«, sagt sie. Bei ihr fiel das Lesenlernen zusammen mit der Trennung von ihrem Mann. Das beobachten die Lehrer hier oft: Wenn ein Analphabet lesen lernt, zerbricht die Beziehung. Er ist nicht mehr so leicht zu kontrollieren, wenn er Busfahrpläne lesen kann. Brigitte van der Veldes Mann hatte sie gut unter Kontrolle. Bis heute hat sie das Gefühl, dass er sie über den Tisch gezogen hat, als sie die Bausparverträge aufteilten.

Seit einiger Zeit machen die Kursteilnehmer eine ABC-Zeitung, in der sie aus ihrem Leben berichten – wofür sie schreiben können müssen. Manchmal dauere das Buchstabieren noch lange, sagt ein Mann im Kurs. Und sobald er aus Versehen einen Satz aus seinem Artikel löscht, ist viel Zeit verloren. Doch wenn er im Videotext Informationen über einen Film sucht, dann kann er die Seite mit den zwei Absätzen jetzt lesen. »Manchmal dauert das lange, wegen schwieriger Wörter«, sagt er. »Aber wenn keine schwierigen Wörter vorkommen, dann geht es schnell. Dann bin ich nach zehn Minuten durch.«

 
Leser-Kommentare
  1. Leider steht dieses Dossier symptomatisch für die neuere Berichterstattung der ZEIT. Es deckt durchaus Details auf, befragt Fachleute nach Perspektiven und Betroffene nach ihren Schicksalen. Die Warum-Frage jedoch wird weder beantwortet noch überhaupt differenziert gestellt.

    An keiner Stelle findet sich auch nur eine Andeutung, dass die geringere Leselust mit Stress und Arbeitsbelastung zu tun haben könnte. Ex negativo kann man versuchen, es aus dem Umstand zu erschließen, das Lesen etwas mit "Muße" zu tun habe. Dass aber Menschen, deren Arbeitsalltag zeitlich, physisch und psychisch belastet (etwa weil sie mehrere Jobs auszuüben haben), abends eher den Fernseher wählen als ein Buch oder dass Schülerinnen und Schüler eher das Videospiel zur Hand nehmen als eine Zeitung, wenn sie Lesen mit Drill und Konkurrenzdruck verknüpfen: darüber fällt kein Wort.

    Symptomatisch ist diese Art Bericht deshalb, weil sie zur politischen Arbeit der ZEIT seit spätestens der Bundestagswahl und damit endgültig zum journalistischen Mainstream passt, der bislang zumindest vor den Dossiers Halt gemacht hat. Statt ein Problem als gesellschaftliches und sozial bedingtes zu thematisieren, wird es auf die individuelle Perspektive und die sog. "Eigenverantwortung" eingegrenzt. Als gäben Eltern aus freier, aber falscher Entscheidung ihren Kindern nicht mehr genug zu lesen.

    So hat man wenigstens mal drüber geschrieben, nicht wahr? Solange die eigenen Käufer es lesen können...

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    (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19).

    Ein Link dazu wäre nett gewesen. Dieser Satz in diesem Text ist eine Andeutung, dass es bei denen, die die Texte ins CMS einpflegen, auch gelegentlich bei Verstehendem Lesen hapert.

    Genau. So sieht eine geschlossene linke Argumentationskette aus. Gelesen wird nicht mehr, weil die Gesellschaft Schuld ist oder die Arbeitswelt - und DIE ZEIT ist so unverschämt, nicht einmal auf diese unhaltbaren Zustände hinzuweisen. Nein, man könnte beim Studium dieses exzellenten Artikels ja durchaus den Eindruck gewinnen, dass die zunehmende Bildungs- und Leseresistenz etwas mit Unvermögen und Faulheit zu tun hat, was in einem Rosseauschen Weltbild aber natürlich gar nicht vorkommt. Also jetzt mal ganz ernsthaft. Der Artikel ist wirklich gut. Er beschreibt ein gesellschaftliches Phänomen. Doch die Ursachen liegen nicht an der Gesellschaft, sondern bei jedem selbst. Lesen ist nun einmal Arbeit. Ziemlich vergnügliche sogar - auch nach einem 10 - 12 Stunden umfassenden Arbeitstag. Und natürlich ist es bequemer, sich vom TV berieseln zu lassen. Aber die Wahl muss jeder selbst treffen. Keine Gesellschaft kann bzw. sollte diese Wahl beeinflussen. Ja, Freiheit kann sehr anstrengend sein. Und Bildung ist in erster Linie ein (großes) Stück Selbstverantwortung. Wer diese nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will, sollte dafür nicht die Schuld bei anderen suchen und mit den Konsequenzen leben.

    (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19).

    Ein Link dazu wäre nett gewesen. Dieser Satz in diesem Text ist eine Andeutung, dass es bei denen, die die Texte ins CMS einpflegen, auch gelegentlich bei Verstehendem Lesen hapert.

    Genau. So sieht eine geschlossene linke Argumentationskette aus. Gelesen wird nicht mehr, weil die Gesellschaft Schuld ist oder die Arbeitswelt - und DIE ZEIT ist so unverschämt, nicht einmal auf diese unhaltbaren Zustände hinzuweisen. Nein, man könnte beim Studium dieses exzellenten Artikels ja durchaus den Eindruck gewinnen, dass die zunehmende Bildungs- und Leseresistenz etwas mit Unvermögen und Faulheit zu tun hat, was in einem Rosseauschen Weltbild aber natürlich gar nicht vorkommt. Also jetzt mal ganz ernsthaft. Der Artikel ist wirklich gut. Er beschreibt ein gesellschaftliches Phänomen. Doch die Ursachen liegen nicht an der Gesellschaft, sondern bei jedem selbst. Lesen ist nun einmal Arbeit. Ziemlich vergnügliche sogar - auch nach einem 10 - 12 Stunden umfassenden Arbeitstag. Und natürlich ist es bequemer, sich vom TV berieseln zu lassen. Aber die Wahl muss jeder selbst treffen. Keine Gesellschaft kann bzw. sollte diese Wahl beeinflussen. Ja, Freiheit kann sehr anstrengend sein. Und Bildung ist in erster Linie ein (großes) Stück Selbstverantwortung. Wer diese nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will, sollte dafür nicht die Schuld bei anderen suchen und mit den Konsequenzen leben.

  2. 2.

    (siehe Familie Powerpoint auf Seite 19).

    Ein Link dazu wäre nett gewesen. Dieser Satz in diesem Text ist eine Andeutung, dass es bei denen, die die Texte ins CMS einpflegen, auch gelegentlich bei Verstehendem Lesen hapert.

    Antwort auf "Bezeichnend"
  3. 3.

    Aargh. Der Link ist ja da, bloß nicht auch noch an der Stelle, wo er sinnvoll gewesen wäre. Na gut.

    • Rojass
    • 16.11.2009 um 2:37 Uhr

    Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?

    Ausserdem: Wie war denn die "allgemeine Lesekompetenz" in der Gesellschaft vor 30, 50, 70, 100, 150, 300, 500, 1000 Jahren?

    Was sicher richtig ist, ist dass das gedruckte Wort im westlichen Kulturkreis (sprich in Europa und in Nord Südamerika) zwischen der Zeit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg und vor der Erfindung von Film und Radio fast der einzige Zeitvertreib für die Oberschicht-Leute daheim war. Sicher, man konnte ins Theater oder in die Oper oder ins Konzert gehen, aber für diejenigen, die zu Hause blieben, gab es, wenn man nicht selbst ein Instrument spielte, als Zeitvertreib eigentlich nur Bücher und nochmals Bücher.

    Ebenso auf den monatelangen Schiffspassagen in die Kolonien, ob nun in Asien, Australien, Amerika oder Afrika. Alles, was Kapitän und Offiziere oder Passagiere tun konnten war lesen.

    Andererseits war man aber nicht mehr auf das Abschreiben von Hand angewiesen sondern konnte mit Hilfe des Buchdrucks selbst Bücher in Massen verbreiten.

    Das war es wohl vor allem, was zwischen 1500 und 1920 so enorm populär machte.

    Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern.

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    • quirtz
    • 16.11.2009 um 15:25 Uhr

    Wie sie vielleicht festgestellt haben, ist der aktuelle Trend in unserer Gesellschaft leichte Kost mit bunten Bildern. Wenn ich in der Bibliothek Ruhe haben will, so muss ich nur die Klassiker aka Brecht, Grass, Frisch & co aufsuchen. Vergleichen sie doch mal das sprachliche Niveau eines Frischs mit dem eines Potters/Bis(s) zum ....[Kotzen?].

    Und daran ist nicht nur meine (die junge) Generation schuld, dieser Trend kommt eher aus den 50ern(-->Fresswelle/Konsumwelle/Reisewelle) bis heute.

    "Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?"

    Nicht zu vergessen die Bücher rund um den "Herr der Ringe", welche passend zu den Verfilmungen eine Renaissance erlebten. Und diese Schinken nötigen selbst Leseratten Respekt ab.

    "Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern."

    Und heute ist es das Internet.

    Betrachte ich mein eigenes Leseverhalten, dann lese ich seit dem Internet in der Tat sehr viel mehr - aber oft eben kurze Texte wie diesen Artikel eben. Für richige Bücher (Fachbücher außen vor gelassen) habe ich weniger Zeit und Muße als früher.

    Auch liest man "selektiver", gerade in Bezug auf die allgemeinen Nachrichten im Internet. Dafür lese ich die Seite der Tagesschau weit schneller, als sie mir die Tagesschausprecher im TV präsentieren.

    • quirtz
    • 16.11.2009 um 15:25 Uhr

    Wie sie vielleicht festgestellt haben, ist der aktuelle Trend in unserer Gesellschaft leichte Kost mit bunten Bildern. Wenn ich in der Bibliothek Ruhe haben will, so muss ich nur die Klassiker aka Brecht, Grass, Frisch & co aufsuchen. Vergleichen sie doch mal das sprachliche Niveau eines Frischs mit dem eines Potters/Bis(s) zum ....[Kotzen?].

    Und daran ist nicht nur meine (die junge) Generation schuld, dieser Trend kommt eher aus den 50ern(-->Fresswelle/Konsumwelle/Reisewelle) bis heute.

    "Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?"

    Nicht zu vergessen die Bücher rund um den "Herr der Ringe", welche passend zu den Verfilmungen eine Renaissance erlebten. Und diese Schinken nötigen selbst Leseratten Respekt ab.

    "Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern."

    Und heute ist es das Internet.

    Betrachte ich mein eigenes Leseverhalten, dann lese ich seit dem Internet in der Tat sehr viel mehr - aber oft eben kurze Texte wie diesen Artikel eben. Für richige Bücher (Fachbücher außen vor gelassen) habe ich weniger Zeit und Muße als früher.

    Auch liest man "selektiver", gerade in Bezug auf die allgemeinen Nachrichten im Internet. Dafür lese ich die Seite der Tagesschau weit schneller, als sie mir die Tagesschausprecher im TV präsentieren.

    • quirtz
    • 16.11.2009 um 15:25 Uhr

    Wie sie vielleicht festgestellt haben, ist der aktuelle Trend in unserer Gesellschaft leichte Kost mit bunten Bildern. Wenn ich in der Bibliothek Ruhe haben will, so muss ich nur die Klassiker aka Brecht, Grass, Frisch & co aufsuchen. Vergleichen sie doch mal das sprachliche Niveau eines Frischs mit dem eines Potters/Bis(s) zum ....[Kotzen?].

    Und daran ist nicht nur meine (die junge) Generation schuld, dieser Trend kommt eher aus den 50ern(-->Fresswelle/Konsumwelle/Reisewelle) bis heute.

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    natürlich schreibt man heute anders, man muß doch nicht Frisch zitieren und "früher war alles besser " Sprüche auspacken. Ich sehe massig Jugendliche Kinder in der Straßenbahn Bücher lesen. Von Harry Potter bis Schätzing. "Der zerbrochene krug" muß doch auch morgens um 8 vor der Schule nicht sein. Seit ich tagsüber sehr viel am Computer arbeite, lese ich auch weniger. Man liest den ganzen Tag, da will manabends nicht mehr. Jugendlich tippen täglich kryptische Texte in ihr Handy. Sollen Sie doch. Sprache ist lebendig und wer sie in den Duden zementieren soll, soll sich gleich mitzementieren. Aber Klassiker zu lesen nur um zu sagen "Habe ich auch gelesen" (inklusive der Interpretatione, ist kontraproduktiver als nicht zu lesen und einfach mal ein paar Stunden vor sich indzudenken. Das ist ein wenig wie "Malen nach Zahlen".

    natürlich schreibt man heute anders, man muß doch nicht Frisch zitieren und "früher war alles besser " Sprüche auspacken. Ich sehe massig Jugendliche Kinder in der Straßenbahn Bücher lesen. Von Harry Potter bis Schätzing. "Der zerbrochene krug" muß doch auch morgens um 8 vor der Schule nicht sein. Seit ich tagsüber sehr viel am Computer arbeite, lese ich auch weniger. Man liest den ganzen Tag, da will manabends nicht mehr. Jugendlich tippen täglich kryptische Texte in ihr Handy. Sollen Sie doch. Sprache ist lebendig und wer sie in den Duden zementieren soll, soll sich gleich mitzementieren. Aber Klassiker zu lesen nur um zu sagen "Habe ich auch gelesen" (inklusive der Interpretatione, ist kontraproduktiver als nicht zu lesen und einfach mal ein paar Stunden vor sich indzudenken. Das ist ein wenig wie "Malen nach Zahlen".

  4. "Wenn die Lesekompetenz angeblich soweit abgenommen hat, dass sogar Astrid Lindgren "vereinfacht" werden muss (was gäbe es bei "Pippi Langstrumpf" eigentlich noch zu vereinfachen?), warum sind dann die im Vergleich zu Lindgrens sprachlich relativ anspruchsvollen Bücher der Reihe "Harry Potter" so beliebt?"

    Nicht zu vergessen die Bücher rund um den "Herr der Ringe", welche passend zu den Verfilmungen eine Renaissance erlebten. Und diese Schinken nötigen selbst Leseratten Respekt ab.

    "Ab etwa 1920 wurden Film und Radio zu Massenmedien und ab da fing die Lesekultur sich wieder an zu verändern."

    Und heute ist es das Internet.

    Betrachte ich mein eigenes Leseverhalten, dann lese ich seit dem Internet in der Tat sehr viel mehr - aber oft eben kurze Texte wie diesen Artikel eben. Für richige Bücher (Fachbücher außen vor gelassen) habe ich weniger Zeit und Muße als früher.

    Auch liest man "selektiver", gerade in Bezug auf die allgemeinen Nachrichten im Internet. Dafür lese ich die Seite der Tagesschau weit schneller, als sie mir die Tagesschausprecher im TV präsentieren.

  5. natürlich schreibt man heute anders, man muß doch nicht Frisch zitieren und "früher war alles besser " Sprüche auspacken. Ich sehe massig Jugendliche Kinder in der Straßenbahn Bücher lesen. Von Harry Potter bis Schätzing. "Der zerbrochene krug" muß doch auch morgens um 8 vor der Schule nicht sein. Seit ich tagsüber sehr viel am Computer arbeite, lese ich auch weniger. Man liest den ganzen Tag, da will manabends nicht mehr. Jugendlich tippen täglich kryptische Texte in ihr Handy. Sollen Sie doch. Sprache ist lebendig und wer sie in den Duden zementieren soll, soll sich gleich mitzementieren. Aber Klassiker zu lesen nur um zu sagen "Habe ich auch gelesen" (inklusive der Interpretatione, ist kontraproduktiver als nicht zu lesen und einfach mal ein paar Stunden vor sich indzudenken. Das ist ein wenig wie "Malen nach Zahlen".

    Antwort auf "ein gewisser Trend"
  6. Vor ein paar Jahren jubelte die Zeit noch, dass Wirtschaft bei Studenten kein Schimpfwort mehr sei, gerade auch die Zeit forderte ein, dass sich alles, auch das Bildungssystem dem Primat der Oekonomie zu stellen habe.
    Nun, die Zeit und die Vertreter des Washington Consensus haben gewonnen, selbst ein Studium ist heute bezifferbar (500 Euro per Semester an Staatshochschulen) und wirft eine Bildungsrendite ab (angeblich).
    In Konzernen wird heute Globalesisch (Business English) gesprochen, die Sprache der Wissenschaft ist das stupide sciencific English (ein stark degeneriertes englisch mit stets gleichen Standardphrasen, das ueberall auf diesem Planeten verstanden wird).
    Zeit ist Geld und Geld ist alles. Auch die Zeit hat diese Entwicklung bejubelt.
    Da ist es nur konsequent zu fragen, wieviel Euro Rendite bringt mir die Lektuere von "Faust" oder "Nathan, der Weise" (oder vielleicht einen Credit in "Interkulturelles mediales Lernen"?)?
    Wer die vollstaendige Herrschaft des kaufmaennischen Kalkuels wollte, darf sich nicht beschweren, wenn "Tausend legale Steuertricks" das Buch des Jahrzehnts ist, waehrend "Krieg und Frieden" in der Grabbelkiste verstaubt.

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    • Yadgar
    • 16.11.2009 um 18:02 Uhr

    ...sieht die Zukunft so aus: das Elite-Humankapital verschmilzt per Neuroelektronik zusehends mit dem sonstigen Kapital, bis Kapital, Eigner und Markt ununterscheidbar geworden sind; die überflüssigen 95 % Nicht-Elite enden hingegen als Treibstoffkomprimat im Prollmehlschredder und führen dem Kapital die notwendige Energie zu.

    • keox
    • 16.11.2009 um 20:06 Uhr

    Es ist ja auch kein Zufall, daß gleich zu Anfang der Börsenverein des Deutschen Buchhandels erwähnt wird, sowie die Stiftung Lesen.

    Es ist nun einmal so, die Lesekompetenz des Mitmenschen ist nur dann von Interesse, wenn es damit Geld zu machen gilt.

    Die Freude am Lesen, die intellektuelle und emotionale Bereicherung, die Faszination fremder Gedanken, all das ist nicht wertschöpfend im Sinne der BWL, sehr wertvoll aber für den Lesenden.

    • Yadgar
    • 16.11.2009 um 18:02 Uhr

    ...sieht die Zukunft so aus: das Elite-Humankapital verschmilzt per Neuroelektronik zusehends mit dem sonstigen Kapital, bis Kapital, Eigner und Markt ununterscheidbar geworden sind; die überflüssigen 95 % Nicht-Elite enden hingegen als Treibstoffkomprimat im Prollmehlschredder und führen dem Kapital die notwendige Energie zu.

    • keox
    • 16.11.2009 um 20:06 Uhr

    Es ist ja auch kein Zufall, daß gleich zu Anfang der Börsenverein des Deutschen Buchhandels erwähnt wird, sowie die Stiftung Lesen.

    Es ist nun einmal so, die Lesekompetenz des Mitmenschen ist nur dann von Interesse, wenn es damit Geld zu machen gilt.

    Die Freude am Lesen, die intellektuelle und emotionale Bereicherung, die Faszination fremder Gedanken, all das ist nicht wertschöpfend im Sinne der BWL, sehr wertvoll aber für den Lesenden.

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