Kino Der KaputtmacherSeite 2/2

Bei Emmerich dagegen ist das Opfer immer unausweichlich, stehen mindestens in der zweiten Reihe militarisierte Helden, muss der versoffene Vietnamveteran in Independence Day sich opfern, damit man seinen Kindern sagen kann, "er starb für uns alle", ist Danny Glovers Präsident in 2012 ein gütiger "großer Vater", der am Ende mit seinen Kindern stirbt. Katastrophen erzeugen bei Emmerich eine neue Einheit aus Familie und Männerbund. Wenn Spielberg den Zehnjährigen (in uns) ein wenig beim Erwachsenwerden hilft, dann hilft Emmerich aller Welt, wieder und möglicherweise endgültig, zehnjährig zu werden.

Aber es gibt natürlich auch etwas Gutes in Emmerich-Filmen. Sie machen letztlich keine Angst: Mögen die Computereffekte, für sich genommen, stets zu überwältigen, erreichen sie mit den realen Aufnahmen nie eine glaubwürdige Einheit. Die Gaudi an Emmerich-Filmen besteht vielleicht gerade darin, dass die vollständige Hingabe an das Geschehen gar nicht stattfindet. Auch in 2012 geht mitnichten die Welt unter, es sieht vielmehr so aus, als würde der Zehnjährige seine Modelleisenbahn oder sein Legoland kaputtmachen, um sich anschließend in einem Computerspiel zu verlieren.

Vielleicht sind es zwei unterschiedliche biografische Reflexe, die bei Hollywoods erfolgreichsten Weltenvernichtern zu einem so unterschiedlichen Gebrauch der Maschine Kino führen: Steven Spielberg, das jüdische Scheidungskind aus Arizona, das die Erfahrungen von Ausschluss und Verlust bearbeitet, versuchte, das Leben in kindlichen Tagträumen und ureigenen Erfindungen fortzusetzen, um in der Welt zu bleiben. Roland Emmerich aus der protestantischen Autostadt Obertürkheim ist dagegen auf das Ethos der tüchtigen Beherrschung ausgerichtet. Hier soll man alles Mögliche produzieren, nur nicht sich selbst. Seine Entscheidung, um keinen Preis "Autorenfilmer" zu werden (die sich für Spielberg nie gestellt hat), hängt möglicherweise mit dem Ideal zusammen, in der erfolgreichen Arbeit als Person zu verschwinden.

Während also Spielberg in beinahe allem, was er tut, eine magische Autobiografie schreibt, ist Roland Emmerich, wie es scheint, immer bestrebt, in seinen Filmen zwar zu zeigen, was er kann, aber möglichst nichts von sich selbst preiszugeben. Er ist der Drehbuchautor und Regisseur, der in seinen Filmen nicht "Ich" sagen kann und es wohl auch nicht möchte. Nicht einmal nebenbei und aus Versehen. So sprechen seine Figuren mit fremden Stimmen, sind Charaktere nur Rollenzitate, Handlungen nur Mechanismen, aktuelle Anspielungen nur Zeitungsfetzen, moralische Botschaften nur ideologischer Konsens. Bei Emmerich erleben wir Weltuntergänge ohne filmisches Subjekt. Das ist ideales globales Popcorn-Kino: Staunen, ohne berührt zu werden. Figuren, die so wenig Tiefe haben, dass man schon nicht mehr um sie trauert, wenn sie nicht mehr im Bild sind.

Schlimme Träume macht das wohl kaum jemandem. Es ist aber auch eine furchtbare Vorstellung, dass die Apokalypse über Leute kommt, die jede Ähnlichkeit mit echten Menschen leugnen.

 
Leser-Kommentare
    • cmcm
    • 12.11.2009 um 15:26 Uhr

    Zeigt, dass man auch über schlechte Filme intelligente Kritiken schreiben kann. Danke!

  1. ...daß "der von Erich von Däniken inspirierte Science-Fiction-Film Stargate" in Wirklichkeit nichts als ein sehr billiges Plagiat von Alexei Tolstois im Westen kaum bekannten SF-Klassiker "Aelita" (1923) ist. Allerdings: Während "Aelita" durch die Art, wie Schicksal und menschliches Scheitern dargestellt werden, absolut lesenswert ist, ist "Stargate" einfach nur doof.

    "Es ist aber auch eine furchtbare Vorstellung, dass die Apokalypse über Leute kommt, die jede Ähnlichkeit mit echten Menschen leugnen."

    Brillant!

    • mkda
    • 12.11.2009 um 16:59 Uhr

    ...Psychiater geworden. Völlig übertrieben, sich in einer Kritik über 2012 endlos in psychoanalyse über Emmerichs und Spielbergs Herkunft und Jugend zu verlieren. Aber so kann man ja sein Hintergrundwissen am Besten heraushängen lassen.

  2. Ausgerechnet Emmerich will in Babelsberg Shakespeare drehen. Der ultimative Katastrophenfilm?

  3. Wir haben doch "Angie" und die "Glorreichen 15" in Berlin:

    Kanzleramtschef Ronald Pofalla 50 CDU
    Auswärtiges Amt und Vizekanzler Guido Westerwelle 47 FDP
    Finanzen Wolfgang Schäuble 67 CDU
    Wirtschaft Rainer Brüderle 64 FDP
    Arbeit und Soziales Franz Josef Jung 60 CDU
    Verteidigung Karl-Theodor zu Guttenberg 37 CSU
    Inneres Thomas de Maiziere 55 CDU
    Justiz Sabine Leutheusser-Schnarrenberger 58 FDP
    Gesundheit Philipp Rösler 36 FDP
    Familie Ursula von der Leyen 51 CDU
    Bildung und Forschung Annette Schavan 54 CDU
    Verkehr und Bau Peter Ramsauer 55 CSU
    Umwelt Nörbert Röttgen 44 CDU
    Landwirtschaft und Verbraucher Ilse Aigner 44 CSU
    Entwicklungshilfe Dirk Niebel 46 FDP

    Lasst uns doch die nächsten Jahre die Katastrophe live miterleben und nicht nur in 3D und Dolby Digital, sondern auch noch als "Duftfernsehen"!

    Hier werden wir großes Kino erleben und wir, die Steuerzahler spielen sogar die Hauptrolle in einem Drama, das selbst "Hollywood" in den Schatten stellen wird.

    Film ab!

  4. 6.

    Tolle Filmkritik. Stimme voll zu.

  5. Selbst der große Prophet Michael Jackson gibt in seinem Musikvideo "Earth Song" einen deutlichen Hinweis - visuell dargestellt - auf den magnetischen Polsprung, der durch ein "solar alignment" ausgelöst wird.
    Dabei verhalten sich Planeten wie sich aufeinander ausrichtende Kompassnadeln.

    man sehe das Musikvideo, das diesen ErneuerungsProzess ab Minute 3:44 beschreibt (Erdrotation minute 4:18):
    http://www.youtube.com/wa...

    Hehe,.. dies als Spaß zur Unterfütterung jener absurden Theorien ;-)

    • th
    • 12.11.2009 um 20:03 Uhr

    "zugleich modern und altmodisch, spektakulär und verlässlich, von kindischer Lust und moralischem Eifer beseelt"

    eine zutreffende knappe Beschreibung des herreschenden Zeitgeistes.

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