Fragen an den AltkanzlerVerstehen Sie das, Herr Schmidt?Seite 3/5

di Lorenzo: Würden Sie die beiden Herrschaften denn empfangen?

Schmidt: Natürlich, aber was würde ihnen die Unterhaltung mit einem alten Mann nützen?

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di Lorenzo: Jetzt stapeln Sie aber wirklich zu tief. Morgen kommt zum Beispiel der Bundespräsident zu Ihnen zum Mittagessen.

Schmidt: Ja, aber aus rein privaten Gründen.

di Lorenzo: Noch mehr Aufregung als um die neue Regierung gab es um die Äußerungen von Thilo Sarrazin über Migranten in Berlin. Sogar Sie haben das in einer unserer Redaktionskonferenzen thematisiert.

Schmidt: Ich habe mir Sarrazins Interview in der Zeitschrift Lettre International angesehen. Es ist ein sehr langes Gespräch zwischen einem Interviewer, der zurückhaltend fragt, und Sarrazin, der aus seiner großen Erfahrung heraus zum Beispiel die ökonomische Lage Berlins und Deutschlands analysiert. Die Passagen, die sich auf Ausländer bezogen und die von der deutschen Presse herausgezupft worden sind, sehen im Gesamtzusammenhang dieses Interviews ziemlich anders aus. Wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedrückt hätte, hätte ich ihm in weiten Teilen seines Interviews zustimmen können.

di Lorenzo: Wenn Sarrazin sagt, osteuropäische Juden hätten einen um 15 Prozent höheren Intelligenzquotienten als der Rest der Bevölkerung, wenn er sagt, dass Türken "Kopftuchmädchen produzieren" – das ist doch nicht tischunfein, das ist diffamierender Unsinn, wenn auch im Falle der osteuropäischen Juden positiv diskriminierend!

Schmidt: Die Sache mit der Intelligenz wollen wir doch mal genau untersuchen (holt das Originalinterview hervor): Sarrazin wünscht sich Einwanderung nicht durch Türken und Araber, er sagt, es würde ihm gefallen, "wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung". Was auch immer, ich halte die sachliche Aussage für richtig.

di Lorenzo: Sie glauben, dass Menschen von Geburt an intelligenter oder dümmer sind, weil sie einem bestimmten Volk oder gar einer Religionsgemeinschaft angehören?

Schmidt: Es spielen bei der Intelligenz natürlich zwei Dinge eine Rolle: die Begabung, das sind die Gene. Und es spielt das soziale Umfeld eine Rolle, die Schule, die Familie und all das, was man braucht, um aus der Begabung etwas zu machen. Das würde die moderne Wissenschaft heute ähnlich sehen und dafür ihre Fachausdrücke haben. Es gibt ja gar keinen Zweifel daran, dass die hohe geistige Bedeutung von Wissenschaft und Kunst in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik ganz wesentlich den Juden zuzuschreiben war.

di Lorenzo: Und was soll es bringen, alle Türken pauschal anzurempeln und so hässliche Ausdrücke zu gebrauchen wie "Kopftuchmädchen produzieren"?

Schmidt: Ich hätte diese Ausdrücke sicherlich nicht gebraucht. Nach einem langen Gespräch, das umgangssprachlich geführt wurde, hätte ein Redakteur an drei oder vier Stellen Korrekturen vornehmen müssen. Das hat offenbar keiner getan.

di Lorenzo: Warum verteidigen Sie Herrn Sarrazin? Weil Sie ihn lange kennen und einmal einen guten Eindruck von ihm gewonnen hatten?

Schmidt: Nein, weil ich sein Interview ganz gelesen habe – im Gegensatz zu vielen Journalisten. Aber es stimmt auch, dass ich ihn seit mehr als 30 Jahren kenne. Er hat als Berliner Finanzsenator hervorragende Arbeit geleistet.

Leserkommentare
  1. 1. Also

    Gott ist der Mann altklug.

    Bisher hatte ich eigentlich immer eine vage, hohe Meinung über den Altkanzler.
    Aber mit diesem Interview gestaltet sich mein Bild über diesen Mann nicht vorteilhaft.

    Wie kann man ernsthaft behaupten, wir seien mit den ehemaligen SED Leuten nicht korrekt umgegangen? Ein bisserl Denunzieren unter Nachbarn scheint OK zu sein - auch wenn dabei schlimmste Folgen den Betroffenen anheimfielen.

    Wie kann man eigentlich in der Öffentlichkeit so altklug daher reden und sich mit Allen Freund machen wollen?! Ja, morgen kommt der Bundespräsident zum Mittagessen - "du Horst, alles klaro im Amt?"..."joooooah!"

    Dann wird da in Zeile (...) des Koalitionsvertrages irgendein Satz hervorgehoben, so als stiller Fingerzeig gegen die Regierung. Mehr will man ja nicht sagen, weil man will ja noch mit Merkel Essen gehen.

    Und alle haben wir uns lieb, weil es uns allen ja soooo gut geht, Herr Schmidt. Dir gehts gut Helmut, hast n Chaufeur und genug Knete in der Kasse. Deshalb lebt es sich ja auch so nett, gell?! Immer schön lächeln...

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    Verstehen Sie, was ich meine?

    was heißt hier altklug. Herr Altkanzler Schmidt ist wie ein wohlschmekender in der Sonne ausgereifter Apfel, zumindestens nach den Worten zu urteilen die aus seinem Munde kommen.

    ich empfinde ihren beitrag als peinlich. das soll keine beleidigung sein. nur eine empfindung.

    BC

    • Isi 1st
    • 13. November 2009 12:58 Uhr

    ...
    Ich rate dir, Loddfafnir -
    den Rat nimm an!
    Er nützt dir, vernimmst du ihn;
    er frommt dir, befolgst du ihn -:
    des grauen Sprechers
    spotte niemals:
    gut ist oft Greisenwort!

  2. Verstehen Sie, was ich meine?

    Antwort auf "Also"
  3. was heißt hier altklug. Herr Altkanzler Schmidt ist wie ein wohlschmekender in der Sonne ausgereifter Apfel, zumindestens nach den Worten zu urteilen die aus seinem Munde kommen.

    Antwort auf "Also"
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    Sowas würde ich vielleicht über 'ne brasilianische Strandschönheit sagen - aber doch nicht über den Altkanzler.

  4. Herr Schmidt sagt von sich desöfteren er sei ein alter Mann. Das mag schon sein, denn es liegt an unserer Natur älter zu werden. Trotzdem möchte ich hiermit herausstellen, dass es wohl einer der wenigen Menschen in der Bundesrepublik ist von denen ich mir eine ellenlange Amtszeit als Kanzler gewunschen hätte. Kurzum wäre es sicher besser gewesen, wenn Kohl und Schmidt getauscht hätten. Deutschland braucht Menschen wie Schmidt! Leider gibt es nur einen davon.

  5. Sehr geehrter Herr Schmidt!

    Ach, wie sozialdemokratisch. Den gemäß nächsten Schritt in der Analyse zu finden.

    Eine Frage bleibt vor dem Hintergrund, daß Millionen ehemalige Bürger der DDR soetwas wie Deutsche mit Migrantenhintergrund im eigenen Land geworden sind, was die SPD mit den Sozis der DDR, ob sie nun parteilos oder in der Linken sind vor hat; Wie eine Mehrheit links von CDU/CSU/FDP zu organisieren ist?

    Was können Sozialdemokraten machen, um die Türen zu öffnen und Verletzungen zu versorgen?

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    Der Satz, der mit "Eine Frage" beginnt, ist verbaut oder ich vernagelt.
    Können Sie noch mal in einfachen kurzen Sätzen sagen, was Sie sagen wollen. Ich würde Sie gerne verstehen.

  6. "Nur Kinder, Narren und sehr alte Leute können sich erlauben, die Wahrheit zu sagen".
    (Fand das mal in ner Adenauer-Biografie von Gerboth). Hat, glaube ich, Churchill mal gesagt. Genau dieser Vorzug, geschöpft zudem aus reicher und verantwortlicher Lebenserfahrung ist es, der mich hier so fasziniert.
    Altklug finde ich diese Aussagen des Altkanzlers gerade eben nicht.
    Die Aussagen haben stets das Potential, gegen den etablierten mainstream zu gehen, dabei doch der Wahrheit Ehre zu machen. Ich erkenne auch einen hanseatischen? preußischen? Zug, ein den Menschen gerechtes Urteil zu fällen.
    Z.B. spricht der Altkanzler aus, daß man bei als Kriterium bei der Beurteilung ehemaliger Mitläufer Verletzungen der Gesetze heranziehen sollte, keine Pauschalverurtleilungen. Die im Grunde auf der Hand liegende Wahrheit, dass die Bundesrepublik ehemalige Nazis besser behandelte als ehemalige SED-Mitglieder, wird hier ausgesprochen. Damit fühlt man bei Hr. Schmidt im Gegensatz dem bundesdt. Mainstream, wie etwa von FAZ oder DLF als perpetuum mobile vorgetragen, wie im Himmel der Wahrhaftigkeit.

    • ibm
    • 12. November 2009 14:16 Uhr

    ja nur ungern, aber dafür, dass er mal allerhöchstens ein mittelmäßig erfolgreicher Kanzler war, nimmt er den Mund ganz schön voll.

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    Ich habe auf einen solchen Kommentar gewartet. Was haben denn speziell Sie erreicht, sich hier als Richter aufzuspielen - wenn wir schon von ERFOLG sprechen?

    Sollten Sie sich auch nur annähernd ein wenig mit der Biographie des Herrn Schmidt auseinandergesetzt haben, wird Ihnen schnell bewusst werden, dass dieser Mann, fernab von Konventionen, einfach das Herz am rechten Fleck hat und sich auch nicht scheut, Wahrheiten auszusprechen.

    Und nur weil ein junger Politiker (der, wie sich im nachhinein herausstellte, oftmals gelogen hat, in Affären verwickelt war und Schmiergeldskandale befeuert hat - der alles aussaß und dann das Glück der Geschichte hatte, dass der Mauerfall in seine Amtsperiode fiel) diesen Kanzler dann durch ein Misstrauensvotum (ermöglicht durch das Fähnchen im Winde, die FDP) von seinem Amt 'entfernte', uns AKW und Nato-Nachrüstung brachte, uns trotz der Beweise öffentlich BELOG(!!!) und dann die D-Mark auch noch auf dem Altar der Europäischen Einigung zum Opfer brachte - schliessen Sie daraus, dass uns die Kanzlerschaft des Herrn Schmidt nichts gebracht hat, mittelmässig war.

    Mir war Herr Schmidt allemal lieber als alle verlogenen (bewiesenen) Betrüger die nach ihm kamen. Aber jeder hat ein Recht auf seine Meinung - ich lasse Ihnen Ihre, verwehre mich aber gegen ein solches Urteil. Zumal im Hinblick auf Helmut Kohl...welcher kanzler der BRD hat den wirklich 'etwas bewegt' das aus Ihrem Mittelmass herausragt? Das würde mich mal interessieren...

    Wobei ich mich daran erinnern kann, dass Schmidt einmal zugegeben hatte,
    dass nicht alles, was in seiner Regierung abgelief, auch richtig war.
    Sowas hört man von Politikern nicht sehr oft.

  7. Die Zeit, als Helmut Schmidt der Verstand und die Realität und Willy Brandt das Herz und die Idee der SPD waren, diese Zeit, sie fehlt...
    Eine Zeit in der man wusste, dass nichts törichtes, ideologisch verfälschtes, getan wird dank Schmidt und trotzdem jeder wusste, dass Brandt nicht zulassen würde, dass jemand zurückgelassen wird. Warum ist das heute nicht mehr möglich? Wieso kann man heutzutage nur noch unterscheiden zwischen Extreme:Entweder politikern als Mitarbeitern und Zuarbeitern der Wirtschaftschefs mit Beihilfe zur Kostenminimierung und Profitmaxmierung oder Extremisten, die meinen, dass Menschen, die Geld verdienen, kriminell sind.

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    • TDU
    • 12. November 2009 18:50 Uhr

    Es wurden dmals unwillentlich Fleischtöpfe angesetzt, die kleiner werden und zu Verteilungskämpfen führen. Schmidt war gegen zweistellige Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst. Hat aber auch selber keine Brioni Anzüge getragen und 30 DM Zigarren geraucht. Wie sagt der Volksmund: Der Vater erstellt`s, der Sohn erhält`s und beim Enkel zerfällt`s.

    "Die Zeit, als Helmut Schmidt der Verstand und die Realität und Willy Brandt das Herz und die Idee der SPD waren, diese Zeit, sie fehlt..."

    Schmidt und Brandt waren sich spinnefeind. Von den visionären Zielen eines Willy Brandt war Schmidt Galaxien entfernt. Schmidt war halt ein typisch hamburgischer Sozialdemokrat, dem die Pfeffersäcke eben näher stehen als der gemeine sozialdemokratische Wähler. Was daran altersweise sein soll, wenn man wie Schmidt einen cholerischen Spinner wie Herrn Sarazin, der auf gesellschaftliche Randgruppen eindrischt, verteidigt, erschließt sich mir nicht.

    Und wer, wie Schmidt, den Egomanen und Selbstdarsteller "Putin ist ein lupenreiner Demokrat" Gerhard Schröder lobt, der die Sozialdemokratie dorthin gebracht hat, wo sie jetzt steckt, hat bei mir jedes Ansehen und jeden Respekt verwirkt.

    Man verschone uns mit den "Altersweisheiten" eines Helmut Schmidt.

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