Südasien Indien, mon amour

Camembert mit Curry und barfuß zum Boule: Pondicherry am Golf von Bengalen ist stolz auf seine französische Kolonialgeschichte. Bis heute genießen Emigranten hier das schöne Leben

Unten an der Promenade spielen sie Pétanque. Zwischen Blumenbeeten und vom Seewind zernagten Mauern geht ein älterer Herr in die Hocke, lässt routiniert den Arm schwingen und wirft die Kugel in einem weiten Bogen durch die Luft. Stahl knallt auf Stahl, der in alle Richtungen davonspringt. Nur die boule des Werfers bleibt dicht an der kleinen Zielkugel liegen. Die anderen klopfen ihm anerkennend auf die Schulter. In ihren Mundwinkeln kleben filterlose Gauloises. Ihre Goldringe sind mit Edelsteinreihen in Blau-Weiß-Rot besetzt, den Farben der Trikolore.

Etwas will jedoch nicht so recht ins französische Bild passen: Die Männer gehen barfuß und sind in Lungis gehüllt, einfache weiße Gewänder, aus denen ihre dünnen Beinchen ragen. Auf ihrer Stirn leuchten horizontale Striche aus Pulverfarbe, hinduistische Segenszeichen, die ihnen am Morgen im Tempel ein Brahmane ins Gesicht gemalt hat. Die tiefblaue Scheibe jenseits der Promenade – das ist gar nicht das Mittelmeer an der Côte dAzur. Es ist der Indische Ozean. Im Golf von Bengalen.

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Indien gibt sich, seiner Kolonialgeschichte folgend, oft britischer als Großbritannien. Nicht so in Pondicherry. Die Stadt an der Südostküste des Subkontinents, rund 150 Kilometer südlich der Millionenstadt Chennai, ist Indiens French Connection. Hier heißen die Straßen Rue de’Orléans, Rue de la Caserne oder Rue Romain Rolland. Das Bürgermeisteramt wird Hôtel de Ville genannt. Die Polizisten tragen zylinderförmige rote Käppis, angelehnt an die Kopfbedeckung der Pariser Flics. Den französischen Nationalfeiertag am 14. Juli feiert man in Pondicherry mit einer Parade. Und in so manchem Wohnzimmer hängt über der Couch – als spielten Raum und Zeit verrückt – das blumengeschmückte Porträt von General de Gaulle.

Die Geschichte Pondicherrys beginnt 1674, als die Französische Ostindische Kompanie an der Bucht von Bengalen ein knapp 500 Quadratkilometer großes Gebiet erwirbt, um einen Handelsposten zu gründen. Bald wird die junge Hauptstadt, deren Name sich vom tamilischen Puducherry ableitet, von den Niederländern erobert; die Franzosen gewinnen sie zurück; die Briten zerstören sie, und ihre Gründer bauen sie wieder auf, um von hier aus Seiden- und Baumwollgewebe, Gewürze und jenen »indischen Salpeter« zu verschiffen, der den Pyrotechnikern von Versailles für ihre berühmten Feuerwerke dient.

Die Polizisten der Blaskapelle tragen kunstvolle Zwirbelbärte

1947 entlässt England Indien in die Unabhängigkeit, sieben Jahre später tritt auch Paris seine Gebiete an Indien ab. Im Bundesstaat Tamil Nadu gelegen, umgeben von Cashewnussplantagen und Reisfeldern, hat Pondicherry heute den Status eines indischen Unionsterritoriums. Französisch ist noch immer Amtssprache, und Pondy, so der Spitzname der Stadt, versteht sich als Synthese des Westens und des Orients.

»Baguette mit Camembert und scharfe Currylinsen«, wundert sich Désirée vor einer Garküche an der Promenade. »Wenn ich die Kombination zu Hause essen würde, erklärten sie mich sicher für verrückt.« In Bordeaux führt die zierliche Mittvierzigerin gemeinsam mit ihrem Mann Claude eine Konditorei. Sie trägt ein indisches Wickelgewand und Ledersandalen, er Batikhosen und einen weißen Sonnenhut. Für ihre Reise nach Pondicherry hätten sie sich entschieden, sagt Désirée, »weil Indien so groß ist, dass du nicht weißt, wo du anfangen sollst. Warum also nicht hier, wo dir vieles bekannt vorkommt?«

Désirée tunkt ihren Camembert in die Currylinsen und zeigt auf den indischen Flic, der auf einer Kreuzung lautstark Gebrauch von seiner Trillerpfeife macht. Aus den Lautsprechern der Garküche werden die aus Paris vertrauten schrillen Töne untermalt von melodiösen Ragas, den sphärischen Klängen des Subkontinents. In einem Schaufenster gegenüber hängt das Mannschaftsfoto von Olympique Marseille; davor steht voller Bewunderung ein Junge, der drei Affen an der Leine spazieren führt. »Diese Gegensätze hauen dich um«, sagt Désirée und trinkt ihren Mangosaft aus. »Zuerst scheinen sie einfach nur absurd, dann fängst du an, dich darauf einzulassen.« Als sie und ihr Mann nach dem Essen um die Ecke biegen, vorbei an Bergen aus Melonen, Papayas, Kokosnüssen, kommt ihnen die Blaskapelle der Polizei entgegen. Die kunstvollen Zwirbelbärte der indischen Posaunisten flattern, während sie, berührend falsch, die Marseillaise schmettern.

Lange Zeit war Pondicherry ein Geheimtipp für Reisende, die Monate unterwegs waren und eine Pause vom meist hektischen und lauten Indien brauchten. Im verschlafenen Quartier Français fanden sie nicht nur eine Oase der Ruhe, nicht nur eine prächtige koloniale Architektur und schattige Gärten mit tropischem Vogelgezwitscher, sondern auch eine einzigartige Mischung aus europäischer und indischer Kultur. Ein paar einfache französische Restaurants und Cafés inklusive.

In letzter Zeit haben sich die Vorzüge Pondicherrys jedoch herumgesprochen. Vor allem in Frankreich. Und so kommt es, dass zunehmend Pariser, Elsässer, Bretonen und Normannen staunend durch die ruhigen Straßen des Französischen Viertels spazieren, durch einen Teil ihrer selbst in Frankreich wenig bekannten Geschichte, vorbei an der École und der Alliance Française, dem Lycée Français, dem Institut français, an der alten französischen Bibliothek und der ehemaligen Gouverneursresidenz – imposante Gebäude mit Säulenhallen, stillen Innenhöfen und violett blühenden Bougainvilleen.

»Nirgendwo sonst wohnen Sie in solchen architektonischen Schätzen«

Ganz allmählich hat sich Pondicherry zu einer Art Indien für Einsteiger entwickelt. Angélique ist Lehrerin in einem Vorort von Paris und zum ersten Mal auf dem Subkontinent. »Ich bin über Dubai nach Chennai geflogen«, erzählt die junge Frau mit den von der Sonne geröteten Wangen beim Mittagessen im Rendezvous. »Von dort ging es mit dem Shuttle meines Reiseveranstalters zwei Stunden lang die Küstenstraße hinunter: Reisfelder und Palmen, Hindutempel, heilige Kühe – sehr malerisch.« In Pondy will Angélique sich ein paar Tage an die Schwingungen Indiens gewöhnen, um dann von hier aus die Sehenswürdigkeiten Tamil Nadus zu erkunden: die Felsenreliefs von Mamallapuram, die Urwaldbaumhäuser im Mudumalai-Nationalpark, das Shiva-Zentrum in Chindambaram oder den Sri-Meenakshi-Tempel – einen der umwerfendsten Sakralbauten Südindiens. »Abends komme ich dann nach Pondy zurück«, freut sich Angélique. »Von der Dachterrasse meines Hotels schaue ich auf den Golf von Bengalen, zur Aussicht gibt es Bouillabaisse oder Bœuf bourguignon.« Und abschließend wird Mousse au Chocolat kredenzt.

Nicht nur als Touristen lockt Pondicherry immer mehr Franzosen an. In einer Seitenstraße hinter der Promenade liegt etwas versteckt das Gästehaus Villa Helena. In einem üppigen Garten, aus dem die pflanzenumrankten Säulen eines wundervollen kolonialen Hauses ragen, empfängt Roselyne Guitry ihre Gäste. Die ehemalige Parfümhändlerin aus dem Burgund hat in Bangkok und Delhi gelebt und kennt Indien von zahlreichen ausgedehnten Reisen. »Nirgendwo sonst können Sie in vergleichbaren architektonischen Schätzen wohnen«, sagt die schlanke Frau mit den sympathischen Lachfalten um Mund und Augen und geht voran durch luftige Zimmer, die den klassischen Barock anklingen lassen: Pilaster, Bogenfenster, Steinsäulen mit Kapitellen; einige Räume haben schöne Holzdecken, die minimalistischen Bäder sind in rustikalen Farbtönen gehalten. »Ich habe das Haus umbauen lassen«, sagt Roselyne nicht ohne Stolz. »Jetzt ist es ein richtiger kleiner Palast.«

Mehr als sechzig französisch geführte Gästehäuser und Hotels gibt es mittlerweile in Pondicherry. Ohne Reservierung ist kaum ein Zimmer zu bekommen. Die Geschäfte gehen gut, weshalb sich immer mehr Franzosen dauerhaft für ein Leben unter Palmen am Indischen Ozean entscheiden. Mehr als 10.000 sind in den letzten Jahren nach Pondicherry ausgewandert. Sie eröffnen teure Hotels, exquisite Restaurants, Reisebüros. Sie makeln mit Immobilien und mischen im Baugewerbe mit. Sie fertigen Sonnenkollektoren, vergeben Kredite, machen Politik. Peu à peu erobern die Kolonialherren von einst Pondicherry zurück.

Darüber sind viele Tamilen nicht gerade glücklich. Jenseits des Kanals, mit dem die französischen Stadtplaner Mitte des 18. Jahrhunderts die ville blanche, die weiße Stadt, von der ville noire, der schwarzen Stadt, trennten, sind die Grundstückspreise in den tamilischen Vierteln in weniger als zehn Jahren um das Dreißigfache angestiegen. Die meisten Tamilen haben keinen Zweifel, wer die Schuld daran trägt. »Die Exilfranzosen!«, ruft Gewürzhändler Kumar aus und schwingt die Faust. »Die kommen mit ihren Euro und bezahlen jeden Preis!«

Kumar, ein spindeldürrer Mann mit Zwirbelbart, sitzt inmitten von Säcken voller Currys, zerriebener Korianderblätter, getrockneter Blüten und wettert: »Die Mieten sind explodiert, Hausbesitzer geben ihre Wohnungen lieber an Ausländer, die Rikscha-Fahrer lassen dich an der Straße stehen, weil sie von den Touristen den doppelten Preis kassieren, und Gemüse ist dreimal teurer als im vergangenen Jahr.«

Rund 25.000 Inder in Pondicherry haben einen französischen Pass

Eine Menschenmenge hat sich um Kumar gebildet. Alle wackeln auf indische Art zustimmend mit den Köpfen. Ihre wirtschaftliche Situation ist schwierig, die meisten von ihnen sind arbeitslos, und vor allem aus dem verarmten Norden Indiens strömen täglich mehr Menschen in die Region, um nach Jobs zu suchen, die sie für ein paar Rupien am Tag erledigen. Ein Drittel der über 500.000 Einwohner Pondicherrys müssen umgerechnet mit weniger als einem Euro am Tag auskommen.

»Unser Lohn steigt lange nicht so schnell wie die Preise«, klagt vor Kumars Gewürzladen ein junger Mann, der immerhin das Glück hat, auf einem Verwaltungsposten zu sitzen. »Mit den Franzosen können wir nicht mithalten. Und von den Einnahmen aus dem Tourismus haben wir nichts.« Wo es den Leuten ans Portemonnaie geht, stößt die Synthese von Ost und West schnell an ihre Grenzen.

Um Kumars Gewürzladen – abseits der wohlklingenden Straßennamen und eleganten Restaurants mit französischer Küche – herrscht das ohrenbetäubende Hupen der Taxis und Rikschas. Schreiende Händler. Läden, die auf beiden Straßenseiten unter der Last der Waren einzustürzen drohen. In den stickigen Labyrinthen um die Nehru Street scheint man fortwährend von allen 1,2 Milliarden Indern gleichzeitig umringt zu sein.

In dieser Gegend wohnt Monsieur Rayapoulle. »Frankreich hatte hier lange einen ausgezeichneten Ruf«, erzählt der grauhaarige Tamile in kariertem Hemd und Bundfaltenhose, während er im Wohnzimmer seines modernen Hauses Tee serviert. »Als sich die Franzosen in den fünfziger Jahren aus Pondicherry zurückzogen, boten sie den Einwohnern die französische Staatsbürgerschaft an.« Nicht zuletzt zum Dank an die Männer, die in den beiden Weltkriegen in der französischen Armee gekämpft hatten. Wie Tausende nahm auch Monsieur Rayapoulle das Angebot an und ging nach Frankreich, wo er im Überseeministerium arbeitete. Ein halbes Jahrhundert später kehrte er zurück, um sein Alter in der Heimat zu verbringen. Rund 25.000 Inder in Pondicherry haben einen französischen Pass.

Junge Tamilinnen schwingen Handtaschen von Dior und Cardin

»Trotzdem bröckelt der Mythos«, sagt Monsieur Rayapoulle und nippt nachdenklich an seinem Tee. »Mit Frankreich geht es wirtschaftlich bergab.« Tamilen, die im Ausland ihr Glück suchten, gingen jetzt eher nach Singapur, Malaysia, Saudi-Arabien oder Dubai. Für den Streit um die Exilfranzosen in Pondicherry hat Monsieur Rayapoulle eine einfache Lösung: »Zuerst haben die Franzosen uns aufgenommen, jetzt müssen wir eben die Franzosen aufnehmen.«

Vom ramponierten Image Frankreichs und den Spannungen hinter den Kulissen von Pondicherry bekommen Besucher wenig mit. Was viele Einheimische zunehmend beschäftigt, macht die Stadt für den Reisenden zu einem einzigartigen Erlebnis auf dem Subkontinent: das Gemisch aus einem lebendigen kolonialen Erbe und dem alten und neuen Indien.

Besonders faszinierend zeigt sich diese Melange abends auf der Promenade. In der aufwirbelnden Gischt des Ozeans flanieren Europäer in indischer und Inder in europäischer Kleidung. Blinde Bettler mit Fahrradklingeln an den Stöcken, Wahrsager mit Papageien in Binsenkäfigen. Exilfranzosen joggen mit verschwitzten Trikots und Pulsmessern vorbei – ihre Dalmatiner im Schlepptau. Scharen junger Inderinnen schwenken imitierte Handtaschen von Cardin und Dior; dunkelhäutige Kinder tragen T-Shirts mit der Aufschrift Jaime Paris .

Und auch die Pétanque-Spieler sind wieder da. »Nach einem heißen Tag zählt nur der Seewind«, sagt einer von ihnen, bevor er seine Kugeln aus der Tasche nimmt. »Es spielt keine Rolle, woher du kommst oder welche Sprache du sprichst.« Als müsste dies noch unterstrichen werden, erscheint auf der Promenade eine Gruppe steinalter Tamilinnen. Sie tragen einfache Wickelgewänder und goldene Stecker in den Nasen. In ihr graues Haar sind frische Blüten geflochten. Ohne Eile stellen sich die Frauen vom Chor der Veteranenwitwen im Windschatten des Gandhi-Denkmals auf; dann singen sie mit zitternden, hohen Stimmen: »J’avais un camarade…«

Information Pondicherry

Anreise: Den nächstgelegenen Flughafen in Chennai fliegt zum Beispiel Air India über Delhi oder Mumbai an. Weiter am besten per Leihwagen oder ab Busbahnhof Koyembedu mit den im 15-Minuten-Takt verkehrenden Linienbussen

Unterkunft: Die Villa Helena ist ein angenehmes Hotel im Herzen des französischen Viertels, nicht luxuriös, aber freundlich und charmant. 13, Lal Bahadur Shastri Street, Tel. 0091-413/226789. DZ ab 30 Euro

Das Hotel de lOrient in einem 200 Jahre alten Haus aus der französischen Kolonialzeit ist wohl das traditionsreichste und luxuriöseste Hotel der Stadt. 14 Zimmer schließen sich an das schattige Gartenrestaurant an. 17, Rue Romain Rolland, Tel. 0091-413/2343067, www.neemranahotels.com, DZ ab 60 Euro

Restaurants: Das Satsanga (13, Bussy Street) liegt im Innenhof eines Kolonialhauses, serviert wird erstklassige französisch-indische Küche. Menü ab 8 Euro

Das Rendezvous (30, Suffren Street) gehört zu den besten Restaurants in Pondicherry, mit einer schönen Dachterrasse unter einem Strohdach. Französische und indische Küche, ausgezeichnete Meeresfrüchte. Menü ab 15 Euro

Aurobindo-Aschram: Einer der bekanntesten Aschrams in ganz Indien. Gegründet von dem Philosophen und Hindu-Mystiker Sri Aurobindo, der hier alle Religionen dogmenfrei mithilfe des Integralen Yoga zusammenführen wollte. Jährlich pilgern Zehntausende zum Grab des 1950 verstorbenen Gurus im Innenhof des Aschrams

Ausflüge: Die berühmte spirituelle Modellstadt Auroville, welche die menschliche Einheit jenseits aller Religionen und Kulturen zu verwirklichen sucht, liegt rund zehn Kilometer nördlich von Pondicherry. Im Inneren des Matrimandir, der an einen riesigen Golfball erinnert und das Zentrum Aurovilles bildet, befindet sich ein Meditationsraum, der auf Anfrage besucht werden kann: www.auroville.org

Auskunft: India Tourism, Frankfurt am Main, Tel. 069/2429490, www.india-tourism.com; http://tourism.pondicherry.gov.in

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