Der Playboy soll für den Vorabdruck den höchsten Vorschuss seiner Geschichte bezahlt haben. Die langen Gesichter, als Laura endlich ihre spärlichen Reize entblätterte, stellt man sich lieber nicht vor.

Dreißig Jahre lang war um Laura ein Wispern. Nabokovs letzter unvollendeter Roman The Original of Laura, dessen Vernichtung der kranke Autor 1977 befohlen hatte, war nicht der Heilige Gral, aber die letzte Königskammer in der Pyramide eines Werkes, das erratisch aus der Literatur des letzten Jahrhunderts ragt. Nach jahrzehntelangem Zögern hat Nabokovs Sohn Dmitri das Opus posthumum jetzt der Öffentlichkeit vorgelegt: kein Roman, sondern 138 handschriftlich beschriebene, nur zum Teil zusammenhängende Karteikarten, die vielleicht ein Drittel dessen ausmachen, was sich als Roman allenfalls erahnen lässt.

Das Zögern des Sohns war nur zu verständlich. Eigentlich ließ der letzte Wille keine Deuteleien zu: Nabokov war prüde in Dingen unfertiger Manuskripte und wollte nicht, dass man ihm in die Werkstatt blickte. Andererseits – kannte man nicht die berühmten Vorläufer von Vergil bis Kafka, deren testamentarische Verfügungen ebenfalls missachtet worden waren, zum Frommen der Nachwelt, und war nicht schon Lolita fast einem Autodafé zum Opfer gefallen, das dann zum Glück abgewendet wurde? Vielleicht hätte Nabokov auch im Falle Lauras seine Entscheidung überdacht, die er in einer ähnlich schwachen Minute getroffen haben mochte. Und dennoch – durfte man seinen ausdrücklichen Wunsch missachten und ihm etwas Unfertiges, an das er sich klammerte, gewissermaßen aus den Händen winden?

Schwierige Fragen. Am Ende brachten es weder Nabokovs Frau Véra, die 1991 starb, noch sein einziger Sohn und Erbe über sich, Vladimirs Wunsch zu willfahren und TOOL, wie er The Original of Laura akronymisch nannte, den Flammen zu übergeben – obwohl Dmitri eine Weile damit gedroht hatte und das Streichholz schon gezückt zu halten schien. Die Gründe, die er für sein überraschendes Umschwenken seither ins Feld geführt hat, sind Legion und zum Teil miteinander im Widerstreit. Nicht zuletzt wird ihn das Argument überzeugt haben, das ihm sein lächelnder Vater vortrug, als er mit ihm ein imaginiertes Geistergespräch führte. Warum Dmitri nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinde und ein bisschen Geld aus dem »damn thing« schlage?

Etwas nicht Verdammtes, aber Düsteres oder doch Fahles strahlt TOOL tatsächlich aus – was umso enttäuschender ist, als Dmitri über die neuen ästhetischen Gipfel, die sein Vater erklommen habe, so schwärmerische Andeutungen gemacht hatte, dass den Nabokovianern das Wasser im Mund zusammenlaufen musste.

Worum geht es? Das Sexualleben des Helden ist so gut wie beendet, jetzt steht dem kranken alten Mann nur noch der Tod bevor. Thanatos hat gegen Eros gesiegt; dem Verlierer bleibt nur eine letzte verzweifelte Chance: den Sieger zu umgarnen. »Sterben macht Spaß« lautet der Untertitel des Buches, und dem Versuch, dem Tod die letzte Lust abzuluchsen, ist seine eine Hälfte gewidmet. Diese Hälfte – das eine der zwei existierenden Sechstel, genauer gesagt – handelt von den sonderbaren suizidären Übungen des unglücklich verheirateten Neurologen Philip Wild. Der überkorpulente, empfindsame Mann versucht, sich in meditativen Sitzungen von den Fußzehen an aufwärts absterben zu lassen. Selbstmord als Vergnügen – das ist der Plan. In dem Trancezustand, den Wild anstrebt, soll die schiere Willenskraft über den bresthaften Körper triumphieren. Dieser Triumph der mentalen Selbstauslöschung löse die größte dem Menschen bekannte Ekstase aus.

Niemand weiß, was aus diesem buddhistisch gefärbten Gedankenexperiment hätte werden können, aber das Wenige, das uns vorliegt, ist von seltener Ödheit und Blässe. Von dem dunklen metaphysischen Kosmos, in den uns Nabokovs große Romane ziehen, ist Laura weit entfernt. Die traurige Wahrheit ist: Dying is not fun. Und um ein anderes bekanntes Wort des Meisters abzuwandeln: Details sind fast immer willkommen. Was in Laura alles über das Alter ausgebreitet wird, mit Flatulenzen, Verstopfungen, Diarrhöen, Fußgeruch und Prostata-Tumoren, hat eine geradezu grimmig-masochistische Note. Wenn der jüngere Nabokov sein Leben einmal als ein frisches Brot mit Alpenbutter und Honig beschrieb, so erinnert der Nabokov der Laura an Tolstoj, der es mit einer tartine de merde verglichen hatte, die man langsam aufzuessen gezwungen sei.

Wo Thanatos regiert und seinen Schatten wirft, kriecht Eros in die Zellen der Metaphorik. Ein Springbrunnen, der erst nach mehreren ungleichmäßig erfolgenden Spasmen »correctly erected« wird, oder ein Steckschachbrett, bei dem zwar die Bauern leicht eindringen (»penetrated easily«), die etwas größeren Offiziere hingegen mit sanfter Gewalt hineingezwängt werden müssen – wo immer es möglich ist, lädt Nabokov die Dingwelt erotisch auf. Was die Damenwelt betrifft, so kreisen die prä- oder postpotenten Fantasien – wie beim späten Arno Schmidt und anderen älteren Autoren – um unersättliche Mädchen. Dass es Mädchen sind und nicht Frauen, macht Laura auch dem Blinden mit Krückstock klar. Auf allen Fiktionsebenen dieses verschachtelten Werks hat die erotisch Begehrte ein Mädchengesicht; in Wilds wehmütigen Erinnerungen an die Zeit, als Thanatos noch nicht übermächtig war – die zweite, lebendigere Hälfte des Fragments –, aber auch im Buch im Buch, dem Bestseller My Laura, für den Wilds Frau Flora Modell stand.

Flora, das titelstiftende Original of Laura, ist eine direkte Nachfahrin Lolitas. Flora ist zwölf, als sie vom Liebhaber ihrer Mutter betätschelt wird, einem Herrn namens – räusper – Hubert H. Hubert, der seit Lolita zwar ein »m« eingebüßt, sich sonst aber nicht gebessert hat. Wie in Lolita missbraucht Hubert Hubert das Vertrauen der Mutter, um sich an die Tochter heranzumachen. Wie in Lolita gibt es eine Jugendgeliebte, die im Alter von zwölf stirbt und das Verlangen des Mannes für immer auf die fillettes fixiert. Hubert Hubert erzählt Flora von seiner Tochter, die so alt gewesen sei wie sie, als er sie durch einen Unfall verloren habe. Floras späterer Mann wiederum verliebt sich nur deshalb in sie, weil sie einem früh verstorbenen Mädchen ähnelt – nicht Annabel Leigh, wie in Lolita, sondern diesmal Aurora Lee.

Die Magie dieses Alters ist es, die Wild in Flora wiederfindet und die ihn an sie fesselt, auch wenn sie ihn nach Kräften betrügt. Immer wieder rutscht ihm, wenn er ihre körperliche Schönheit feiert, das eigentlich begehrte Alter heraus. Floras bewegliche Schulterblätter sind die eines gebadeten Kindes. Die tassengroßen Brüste der Vierundzwanzigjährigen wirken »ein Dutzend Jahre jünger als sie selbst« – wodurch sie wenigstens metaphorisch zur Zwölfjährigen wird. Und wenn Wild die einzige Position beschreibt, in der er in seiner Fettleibigkeit noch mit ihr schlafen kann, vergleicht er die von hinten gehaltene Frau mit einem Kind, mit dem ein gutmütiger Fremder einen kurzen Hang hinab eine Schlittenfahrt macht.

So etwas stand nun nicht in Lolita. Manches, was dort nur filigran angedeutet war, wird im Modell für Laura drastisch und explizit – auch Lolitas versteckte Zweigeschlechtlichkeit, die in einem feuchten Traum Wilds kulminiert. Als er seiner Angebeteten von hinten zwischen die Schenkel greift, wartet eine schockierende Überraschung auf ihn.

Nabokov, zum Tode erkrankt, grübelt in seinem literarischen Testament über das Buch, das ihn berühmt gemacht hat. Dass ihn die Kindfrau ein Leben lang als Sujet begleitete, hat sich herumgesprochen. Aus der Laura erfahren wir – so legt er es einer Figur in den Mund –, dass ihr erlesener Knochenbau sogar zur geheimen Struktur seines Romans wurde. Denn welcher andere Roman könnte damit gemeint sein als der vom Nymphchenzauber und Nymphchenweh?

Das Laura- Nachwort, in all seiner Gründlichkeit, behandelt diese geheimen Strukturen überdiskret. Es hat fast schon etwas Akrobatisches, wie Dieter E. Zimmer – wie ein Kind, das sich fest vornimmt, nur auf die weißen Pflastersteine zu treten – den ganzen Kommentar hindurch eine Leerstelle lässt und Lolita mit keinem Wort erwähnt. Schon Dmitri hatte in der langen Phase des Zauderns als einen Hauptgrund dafür, Laura zu verbrennen, seine Sorge vor der Lolitologie geltend gemacht. Dass er der nun wohl kaum entrinnen wird, ist der Preis dafür, dass er den letzten Willen des Vaters in den Wind geschlagen hat.

Für die Verehrer Nabokovs hätte man die Grabkammer nicht öffnen müssen. Laura hätte den Rest ihrer Tage in dem Schweizer Safe schlummern können, in dem sie lange gelagert war. Was wird bleiben von ihr, wenn sie ihren Auftritt im Playboy überstanden hat? Viel Stoff für Philologen und drei, vier hübsche Einfälle, in denen Nabokovs alter Witz aufblitzt. Und dann der Schluss. Es ist ein Zufall, aber ein ergreifender, dass sich dieses literarische Riesenwerk mit dem allerletzten Wort selbst aufzuheben scheint. Die Karte Nr. 138 des Original of Laura endet nach einer fast Beckettschen Aneinanderreihung annihilierender Verben – »efface expunge erase delete rub out wipe out« mit dem Wort obliterate.