Imre Kertész Sein geheimnisvolles GlückSeite 3/3
Dieses Glück ist sein Geheimnis. Földényi zitiert unter G wie Glück den legendären letzten Satz des Romans eines Schicksallosen : »Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen.« Aber niemand, auch Földényi nicht, weiß genau, was das bedeutet. Und nie habe ich ganz und gar verstanden, was Imre Kertész meinte, wenn er mir im Gespräch mit gesenkter Stimme zuflüsterte: »Auschwitz ist mein größter Reichtum.«
Hier, an dieser tiefsten und womöglich sublimsten und geheimnisvollsten Stelle seines Werkes und seines Lebens, möchte man nicht weiter vordringen. Die »Gnade«, die Auschwitz für Kertész bedeutet, das »Glück«, das am Rande der Vernichtung bereitstand, ist in der bekannten Ordnung der Dinge nicht vorgesehen und also ein Wunder, vor dem die meisten Interpreten, zumal die deutschen, aus gutem Grund zurücktreten. László F. Földényi, der ungarische Freund und Weggefährte, ging in seinen Essays schon immer weiter und nennt dieses letzte Geheimnis auch in seinem Wörterbuch wieder bei seinen luxuriösen Namen, spricht von »Erleuchtung« und »Mysterium«, von der »Erfahrung des Eingebettetseins in die kosmische Fremdheit« und bevorzugt eine religiös-spirituelle Lesart der unerbittlichen und überwältigenden Negativität, die von dem Werk Imre Kertész’ ausgeht.
Kann man am Ende also doch ein wenig getröstet sein? Kann man diesem dunklen Werk schließlich doch ein paar schöne Augenblicke des Kulturoptimismus entlocken, nach dem unsere Gegenwart so süchtig ist wie ein Kätzchen nach süßer Milch? Kertész würde sagen: Wir haben die Pflicht, es zu tun. Auch wenn es nicht stimmt. Auch wenn Gott tot, das Universum leer und Auschwitz vergeblich war, müssen wir so tun, als wäre es nicht so. Wir müssen auf diesem »riesigen wüsten Schauplatz, wo im gräulichen Licht nur ein Häufchen Schutt, spitze Stacheldrahtreste, ein entzweigebrochenes Kreuz und die Trümmer einiger weiterer entzweigebrochener Symbole auszumachen sind«, so tun, als wäre da noch was zu machen. Natürlich scheitert man. Aber man hat es versucht.
- Datum 13.11.2009 - 15:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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