Die Notwendigkeit des Projektes hat schon lange niemand mehr angezweifelt: Vincent van Goghs Briefe, vor allem an den Bruder Theo, aber auch an andere Verwandte, und Freunde und Kollegen gerichtet, zählen zu den aufschlussreichsten und meistzitierten Dokumenten zum Verständnis der modernen Kunst. Dabei hat sie bislang kaum jemand richtig lesen können. Philologisch nämlich befanden sie sich seit dem Tod des Künstlers vor fast 120 Jahren in schlechtem Zustand: Auslassungen, Fehlübersetzungen und -interpretationen trugen im Laufe der Jahrzehnte eher dazu bei, den Mythos vom impulsiv denkenden, malenden und schreibenden einsamen Künstlergenie zu stärken. Dabei lernt, wer die Briefe nun in einer vollkommen neuen sechsbändigen Edition liest, einen Künstler kennen, der wie kein zweiter bis in seine letzten Tage die eigene Lage, die eigene Kunst, deren Erfolgschancen und die allgemeine Situation der Kunstwelt seiner Zeit reflektiert. Manchmal seitenlang berichtet van Gogh über seine künstlerischen Absichten, über Fortschritte und Rückschläge und vor allem über die Ideen und Theorien, die hinter seiner Kunst stecken.

Dass es nun endlich möglich ist, diesen anderen, völlig rationalen van Gogh auch in seinen Briefen zu finden, ist das Verdienst eines dreiköpfigen »Letters Teams« im Van Gogh Museum Amsterdam, das in 15-jähriger akribischer Kleinarbeit nicht nur alle Briefe an Hand der Originale neu transkribiert, Lücken und Streichungen rekonstruiert und häufig auch neu datiert hat. Mithilfe eines vielköpfigen Teams externer Experten haben Leo Jansen, Hans Luijten und Nienke Bakker neben neuen Übersetzungen ins Englische und Französische nun auch einen voluminösen Anmerkungsapparat vorgelegt, der zu van Goghs intellektuellem Hintergrund keine Frage mehr offenlässt. Nicht allein für Kunsthistoriker ist ihre neue Briefe-Ausgabe, die auch sämtliche enthaltene Skizzen farbig reproduziert, eine Jahrhundertedition: Sie eröffnet nicht weniger als eine neue Van-Gogh-Welt.

819 Briefe hinterließ der Maler bei seinem Tod im Juli 1890. Mehr als 90 Prozent von ihnen befinden sich, weil sie, in ihren charakteristischen gelben Umschlägen, an Theo van Gogh adressiert worden waren, heute in klimatisierten feuerfesten Schubfächern im Kellertresor des Van Gogh Museums in Amsterdam. Als ein halbes Jahr nach seinem Bruder auch Theo van Gogh starb, übernahm dessen Witwe Johanna van Gogh die Aufgabe der Nachlassverwalterin für beide. Aus dem Inhalt versuchte sie, die ursprüngliche Reihenfolge zu rekonstruieren. Bis heute tragen die Originalbriefe am Rand ihre handschriftliche Nummerierung.

Die ersten Publikationen, die Johanna van Gogh in Zeitschriften und schließlich auch in Buchform zuließ, geben allerdings kein objektives Bild wieder. Nicht selten korrigierte sie zensorisch – etwa dann, wenn sie den Ruf noch lebender Mitglieder oder Freunde der Familie gefährdet sah. Lange fehlten auch einige entscheidende Passagen des Briefwechsels, in denen es vor allem um immer wieder auftretende Streitigkeiten zwischen den beiden Brüdern geht. Dass der Familienvater Theo, bevor er in geistiger Verwirrung an den Folgen einer Syphilis-Erkrankung starb, seine Frau noch körperlich angegriffen hatte, galt in der Familie ebenfalls als Tabu.

1990 erschien eine letzte Überarbeitung der Briefe, die bereits zahlreiche neue – oder entsperrte – Funde enthielt. Sie wurde allerdings nur in niederländischer Sprache veröffentlicht. Die neue Ausgabe in sechs Bänden enthält nun alle Episteln, die sich in 15-jähriger weltweiter Detektivarbeit auftreiben ließen – manche von ihnen, aus Privatbesitz, nur in Kopie. Mehr als 20 Briefe wurden noch nie publiziert – etwa jenes Kondolenzschreiben zum Tod der Tochter seines ersten Arbeitgebers, das mit ausführlichen Bibelzitaten van Goghs religiösen Eifer jener Zeit belegt.