Martenstein "Wenn ich mehr rauche, erhöht sich meine Produktivität"
Harald Martenstein will seinen Haushalt ausgleichen. Der Entwicklungshilfeetat ist schon gekürzt, Bildung ist tabu - aber was ist mit den Bürgerrechten?
In meinem Privathaushalt gibt es eine Finanzlücke. Ich habe hohe Belastungen, ich gebe mehr aus, als ich einnehme. Noch habe ich Bonität. Die Zinsen müssen bedient werden, ich muss bedienen. Ich muss meinen Haushalt sanieren.
Auf der Einnahmeseite ist wenig zu machen. Ich kann, glaube ich, nicht mehr schreiben, als ich es tue, ich kann, mitten in der Krise, auch nicht um eine Honorarerhöhung bitten. Ausgaben müssen gesenkt, Investitionen müssen verschoben werden. Gerade kommt mein Sohn ins Zimmer. Mein Sohn will, dass wir zu einem teureren Internet wechseln, damit er in seinem Zimmer surfen kann und nicht immer nur in meinem Arbeitszimmer. Wir haben das billigste Internet. Ich lebe im Moment auf Kosten der kommenden Generation.
Der erste Etatposten, der auf den Prüfstand kommt: essen gehen. Ich gehe oft essen. Das tue ich vor allem deshalb, weil ich keine Zeit zum Kochen habe. Ich koche eigentlich gern. Wenn ich mehr koche, habe ich weniger Zeit zum Arbeiten. Die Einnahmen werden dann sinken.
Die wichtigste Investitionsmaßnahme im kommenden Etat ist ein neuer Gasherd. Der alte Herd ist rostig und fast schon ein Sicherheitsrisiko, ohne die Investition in den neuen Herd würge ich, falls Keynes recht hat, mein zartes Pflänzchen Kochkonjunktur schon im Ansatz ab. Aber werde ich wirklich mehr kochen, und somit sparen, wenn ich den neuen Herd habe? Ich glaube, ich verlängere bei meinem Gasherd die Restlaufzeit.
Seit Jahren habe ich einer Hilfsorganisation regelmäßig Geld überwiesen, wenigstens dies habe ich gekündigt. Ich habe meinen Entwicklungshilfeetat radikal zusammengestrichen. Die Menschen dort müssen, in ihrem eigenen Interesse, lernen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Damit diese Maßnahme sozial ausgewogen ist, werde ich in Zukunft in meinen Texten häufiger auf die Probleme der Dritten Welt hinweisen. Ich nenne das Hilfe zur Selbsthilfe.
Bei meinem Sommerhaus kann jeder, der vorübergeht, in den Garten schauen, ich bin der gläserne Mensch. Ich habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Dann ist der Blick versperrt. Nein, ich kann mir das nicht leisten. Aber soll ich ausgerechnet bei den Bürgerrechten sparen? Alle, die mich für einen konservativen Autor halten, werden sich bestätigt fühlen, wenn ich ausgerechnet bei den Bürgerrechten als Erstes die Axt anlege.
Nicht zu rauchen wäre eine nachhaltige Maßnahme, die mich langfristig entlastet, aber kurzfristig neue Löcher aufreißt. Wenn ich nicht rauche, was ich schon zwei Mal jahrelang getan habe, schreibe ich leider doppelt so langsam, zumindest in den ersten Monaten. Wenn ich nicht mehr rauche, werde ich, um nicht frustriert zu sein, öfter gut essen gehen und teuren Wein trinken.
Der Bildungsetat ist tabu. Nein, ich setze im Bildungsetat auf Privatisierung. Statt Bücher zu kaufen, werde ich mir von den Verlagen Besprechungsexemplare schicken lassen, obwohl ich die Bücher niemals besprechen werde. Alle Journalisten tun das. Andererseits, meine moralische Glaubwürdigkeit ist mein Kapital.
Eins steht fest: Wenn ich noch mehr rauche, wenn ich die Mauer bauen lasse, wenn ich noch öfter essen gehe, wenn ich außerdem Mitglied in dem teuren Fitnessstudio werde, dann erhöht sich meine Produktivität. Dann weisen alle Indizes nach oben. Ich werde also versuchen, das Problem von der Einnahmeseite her in den Griff zu bekommen. Ich setze auf Wachstum, genau wie die neue Regierung. Das sage ich allen, bei denen ich Schulden habe. Wirtschaft ist nicht zuletzt Psychologie.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 09.11.2009 - 15:42 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 12.11.2009 Nr. 47
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






klingt alles gut & schlüssig, bei mir aber ist alles andersrum. mein sohn findet schülerVZ [noch] langweilig, rauchen hab ich längst aufgehört und eine flasche riesling muss im einstelligen eurobereich bleiben, essengehen findet fast nurnoch wochenende statt, fitness gibts auf der tartanbahn und studios waren früher.
über sich und seinen alltag schreiben, ist das fruchtbarste was man im alter tun kann ~ manche journalisten sind zu beneiden..
"Statt Bücher zu kaufen, werde ich mir von den Verlagen Besprechungsexemplare schicken lassen, obwohl ich die Bücher niemals besprechen werde."
In der Musikbranche war's jahrelang dasselbe. Und wenn doch besprochen wurde, grausig, grausig: der Reklametext wurde kopiert und noch ein, zwei Macken eingebaut (= Einfach-Album wird zum Doppelalbum; eine leider falsch gemasterte CD mit einem Aussetzer bekam 5 Sterne für die tolle Klangqualität; usw.)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren