Versuchstiere Schöner wohnen für Labortiere
Spielzeug und Möbel sollen Käfige für Nager reizvoll machen – gleichzeitig dürfen sie aber die Ergebnisse der Tierversuche nicht verzerren.
Eine Handvoll weißer Mäuse wieselt durch den Käfig, raschelt mit Papierstreifen, versteckt sich im leuchtend roten Plastikhaus. Eine strampelt sich im Laufrad ab, während zwei weitere auf einem Miniaturklettergerüst Klimmzüge zu üben scheinen.
Heile kleine Mäusewelt – nur dass sie nicht in einem Kinderzimmer spielt, sondern in den Tierhäusern einer wachsenden Zahl von Versuchslaboren. Wo früher Einzelhaltung in nackten Drahtboxen von der Größe eines Schuhkartons gang und gäbe war, strebt man heute nach Komfort im Nagerkäfig. Müssen Versuchstiere schon im Dienste der Wissenschaft ihr Leben lassen, so sei ihnen vorher wenigstens eine glückliche Kindheit gegönnt.
Das klingt nach hehren Absichten von Tierschützern, nicht von Laborbetreibern. Denn Tierversuche haben keinen guten Leumund, und bis weit in die achtziger Jahre war das Befinden von Versuchskaninchen aller Spezies tatsächlich kein Thema. So sollten die Käfige vor allem leicht zugänglich und einfach zu reinigen sein, Bedürfnisse der Tiere spielten kaum eine Rolle. Inzwischen finden in den USA Konferenzen zum Thema statt, preschte Dänemark mit Vorschriften vor, arbeiten Forscher in Deutschland und bei der EU gerade an Standards.
»Environmental Enrichment« – auch im Deutschen spricht man etwas umständlich von »Umweltanreicherung« – ist zum Thema für die Forschung geworden. Die Niederländerin Vera Baumans ist die Pionierin dieses Feldes, schon seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt sie sich damit. Als eine der Ersten attestierte sie dem Enrichment einen positiven Effekt auf die Tiere – schöner wohnen im Laborkäfig also.
Mittlerweile wird gerade in den USA allerlei Käfigzubehör angeboten, darunter viel Mobiliar, aber auch Kuriositäten wie Plastikbälle für Mäuse oder Gumminageknochen für Ratten. Vieles davon mag vielleicht schön in den Augen der Menschen sein, aber nicht unbedingt auch in denen der pelzigen Nutzer. Was das Leben im Käfig denn wirklich verbessert, wollen Forscher wie Baumans wissen. So stellte sie Mäuse vor die Wahl zwischen einer farbigen Kunststoffhütte und einem schlichten Unterschlupf aus grauem Karton – und siehe da, Mäuse wählten nicht die Plastik-, sondern die Pappvariante.
In Europa ist bislang nur die Grundausstattung fürs Labortierleben geregelt: Käfigmindestgröße, Zugang zu Futter und Wasser sowie Einstreu auf dem Boden. Vorreiter ist Dänemark, das darüber hinaus jedem Labortier Nistmaterial, Unterschlupf und eine Nagestange gesetzlich zusichert. In den kommenden Monaten soll die erste europaweite Richtlinie vorgestellt werden.
In großen Käfigen verstricken sich Mäuse eher in Machtkämpfe
Nun könnte man die ganze Debatte belächeln und als Streit zwischen Gutmenschen abtun. Oder als Ausfluss schlechten Gewissens gegenüber Tieren, die ohnehin bald im Dienste des Menschen getötet werden. Oder aber als PR-Gag kommerzieller Laborbetreiber auf der Suche nach einem tierfreundlichen Anstrich – hätte die Sache nicht zwei beachtliche Haken.
Denn bei den meisten Enrichment-Maßnahmen ist noch offen, ob sie das Befinden der Tiere wirklich verbessern. Zum Beispiel klingt »viel Platz im Käfig« zunächst zwar prima, ist es aber nicht zwangsläufig. »In großen Käfigen kommt es bei Mäusen eher zur Revierbildung und zu Machtkämpfen«, sagt Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. »Menschen auf dem Land haben ja auch öfter Zoff mit ihren Nachbarn, in der Stadt leben sie enger zusammen und werden toleranter.«
Und ein gut gemeintes Mäusehäuschen kann im Gruppenkäfig Stress auslösen: Männchen können im Streit um Ressourcen extrem aggressiv werden. Sind Mobiliar und Spielzeug also wirklich artgerecht? Jedes weitere Zubehör wirft diese Frage neu auf.
Klar ist, Enrichment hat in jedem Fall einen Einfluss auf die Tiere – ob nun gut oder schlecht. Was, wenn Nager verschiedener Labore unterschiedlich gehalten werden? Dass Messungen auch vom Wohlbefinden der Versuchstiere beeinflusst werden, ist unbestritten. Wie sollen dann die wissenschaftlichen Ergebnisse unterschiedlicher Labore noch vergleichbar sein? Wäre aber die Vergleichbarkeit von Maus zu Maus schon fragwürdig, würde das nicht die Übertragbarkeit auf den Menschen zusätzlich infrage stellen? Ein Dilemma zwischen Wissbegier und Wohnlichkeit.
Deswegen fordert Tierschutzforscher Hackbarth, dass alle Faktoren, die einen Tierversuch beeinflussen können, strikt standardisiert werden, um die Streuung der Ergebnisse möglichst klein zu halten. Gerade schreibt er mit anderen europäischen Wissenschaftlern ein Buch mit gemeinsamen Empfehlungen zur Standardisierung. Anfang nächsten Jahres wird es erscheinen. Darin ist dann nicht mehr von Enrichment die Rede, also einer aus seiner Sicht recht unspezifischen Anreicherung des Käfiginventars. Sondern von »Improvement«, also direkter, nachgewiesener Verbesserung. »Uns geht es um Tierschutz, nicht um Luxus. Wir unterscheiden daher zwischen Bedarf und Bedürfnis«, erklärt Hackbarth.
Bedarf sei alles, was die Tiere zum Überleben brauchen, das müssten sie auch bekommen. Bedürfnisse wie etwa nach Nestbaumaterial oder Gruppenhaltung gingen darüber hinaus. Blieben sie unbefriedigt, drohten Schäden. »Die Tierhaltung ist stetig im Wandel, und es ist auch wichtig, dass weiter daran geforscht wird, wie man das Leben der Tiere verbessert«, sagt Hackbarth. »Wenn man herausfindet, dass die Tiere eine bestimmte Maßnahme brauchen, dann muss das auch allen zustehen.« Die Niederländerin Baumans plädiert für eine Datenbank für jede beobachtete Folge von Mobiliar und Käfiggestaltung. Aber gibt es den Fortschritt im Tierschutz nur um den Preis der Bürokratie und umfassender Vorschriften?
Hanno Würbel ist da skeptisch. Der Professor für Tierschutz und Ethologie an der Universität Gießen eckt mit seinen gegensätzlichen Thesen in der Versuchstierkunde an. »Eine zu starke Normierung schränkt die Gültigkeit von Ergebnissen erst recht ein.«
Wenn man sich zum Beispiel darauf festlege, nur gleich alte männliche Mäuse in einer peinlich genau definierten Umgebung zu betrachten, variierten die Ergebnisse zwischen den Laboren sogar stärker. »Labore unterscheiden sich sowieso voneinander, in der Geräuschkulisse, dem Geruch, dem Tierpflegepersonal. Starke Standardisierung führt dazu, dass man die Experimente nur noch im eigenen Labor wiederholen kann.« Darum kämpft er für das genaue Gegenteil: »Wenn man Studien an Menschen durchführt, versucht man doch auch einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung abzubilden. Diese Pluralität benötigen wir genauso bei Tierversuchen.«
Je gemütlicher der Käfig, desto mehr Tiere braucht man für einen Versuch
Nicht nur die Labore untereinander sollten sich unterscheiden dürfen, auch die Käfige innerhalb eines Experiments. »Kontrollierte Heterogenität« nennt Würbel das. Seinen Ansatz hat er kürzlich im Fachblatt Nature Methods veröffentlicht. »Wenn man dann einen Effekt findet, der trotzdem bei allen Tieren auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass es sich um ein allgemeingültiges Ergebnis handelt.«
Das klingt bestechend plausibel, dennoch wiegt Hackbarths Kritik an Würbels Ansatz schwer: »Um die statistische Variabilität der Versuchsergebnisse auszugleichen, benötigt man mehr Tiere pro Versuch«, das könne nicht im Sinne der Tiere sein. »Gerade bei sehr quälenden Versuchen wie in der Tumorforschung sollte man lieber auf Vorteile von Enrichment verzichten, wenn dafür weniger Mäuse leiden müssen.«
Tatsächlich ist die Zahl der Tiere, die in Deutschland pro Jahr für Experimente sterben, seit 1989 halbiert worden, von 2,6 Millionen auf heute etwa 1,3 Millionen. Diesen Erfolg sehen Hackbarth und seine Kollegen durch ungeregeltes Enrichment bedroht. So nachvollziehbar der Wunsch nach Behaglichkeit im Käfig ist – so gemütlich, dass man sich mehr Tiere als nötig ins Labor wünschte, wird es dort nie werden.
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- Datum 13.11.2009 - 18:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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...die Frage nach Notwendigem und Überflüssigem im Nagerkäfig an die deutsche Diskussion um die Ausstattung von Hartz4-Empfängern. Bloss nicht zuviel Wohlfühlatmosphäre, sonst könnten die ja nicht die gewünschten Reaktionen (= Bereitschaft zu jeder Arbeit bzw. Schulung, sei sie auch noch so sinnlos) zeigen...
Im Übrigen sind sterile Laborbedingungen für Versuchstiere meines Erachtens nach problematischer als der Wohlfühlkäfig. Wenn die Tiere übermässigem Stress ausgesetzt werden und deshalb krankhaftes Verhalten zeigen, kann das die Testergebnisse doch ebenso verfälschen. Eine Ideologie, die Leben standardisieren will, ist jedoch in jedem Fall etwas für die Kategorie "geschmacklos". Da mögen die Versuche noch so notwendig erscheinen. Ich vermute, man schielt mit einem Auge auch auf die Kosten. Eine adäquatere Tierhaltung (von artgerecht wollen wir im Zusammenhang mit Tierversuchen mal lieber nicht reden) ist deutlich teurer als der Standardkäfig. Insbesondere bei größeren Versuchstieren wie Affen.
Denn der größte finanzielle Aufwand muss derzeit in einem "guten" Tierversuchslabor darum betrieben werden, dass die Versuchsbedingungen einheitlich sind. Dabei geht es aber in keinem Fall darum, dass Leben zu standardisieren sondern lediglich die Konditionen. Dass es sich bei jedem höheren Lebewesen um ein Individuum handelt, muss bei jeder Form von Tierversuchen berücksichtigt werden, weswegen die Aussagekraft der Versuche kritisch betrachtet werden muss. Die Kosten spielen bei Tierversuchen zwar durchaus eine große Rolle (der Hauptgrund warum der Tierversuchsersatz auch in der Industrie auf Interesse stößt). Die Kostendifferenz zwischen aus Menschensicht "schlechter" und "guter" Tierhaltung ist im Vergleich dazu ziemlich gering.
Vielmehr ist aber zudem wichtig, welchem Zweck die Tiere eigentlich dienen. Nachholbedarf besteht meiner Meinung nach weniger bei der klassischen Labormaus (der scheint es nach den heutigen Standards schon ganz gut zu gehen). Dagegen wärend Verbesserungen zum Beispiel angeraten für Tiere, die gar nicht für lebende Tests verwendet werden, sondern lediglich Gewebematerial oder Antikörper liefern sollen.
Im Übrigen sollte nicht vergessen werden, dass Labortiere teils wie im Paradies leben, wenn man ihre Situation mit der von Nutztieren in der Nahrungsmittelindustrie vergleicht.
Der klassischen Labormaus geht es genausowenig gut wie einem Menschenaffen in einem labor. Überhaupt finde ich es makaber, dass hier im Artikel von "schöner Wohnen" geredet wird, angesichts der Tatsache welche Qualen diese Tiere in einem Labor oft durhcmachen müssen. Diese Qualen enden meist auch noch mit dem Tod. Das schlimmste daran ist, dass die mesiten Tiere überhaupt nicht für wichtige Erkennntisse in der Humanmedizin sterben sondern für "sinnlose" Forschung im Sinne des allgemeinen Erkenntnisgewinns, der Lehre, der Anerkennung. Studien zeigen immer wieder wie wenig nützlich Tierversuche sind, wie sehr sie verfälschen. Ganz leicht nazuprüfen ist dies bei den medikamenten. Jedes Medikament wird ausgiebtig an Tieren getestet, dennoch erkennt man in sehr vielen Medikamenten erst in den klinischen Studien an Menschen eine Gefahr, hin udn wieder sogar erst wenn sie bereits im Umlauf sind. Wahrheit ist, dass es nur um Kommerz um Geld um reichtum geht und nicht um gesundheit. Tierversuche sind einer Lobby unterlegen, die wohl die größte ist: Die Pharmalobby!
Tierversuche sind also wirklich eine der letzten rohen Grausamkeiten in einer modernen Zivilisation.
Kaum zu glauben, dass sie finden dass die meisten Labortiere wie im pradie leben! Das ist eine ungeheuerliche Behauptung! Ich habe schons ehr oft Tiere im Labor sehen müssen. Das ist ein unwürdiges, trostloses Leben, bei dem die Artspezifischen Bedürfnisse ignoriert werden. Gruppentiere werden alleine gehalten, auf viel zu kleinem Raum mit der ständigen Nagst wieder herausgenommen zu werden von kalten Händen, die sie dann z.B. in ein Wasserbecken stecken um sie dann so lange schimmen zu lassen bis sie vor erschöpfung fast ertrinken, nur um ein Antidepressiva zu testen!
Wir sagen den Tieren: Eure Psyche ist so ausgereift, dass wir an euch unsere Psychopharmaka testen, aber ihr seid unwürdig ein unversehrtes und friedliches, würdiges Leben zu führen! Das ist gegen jede mir bekannte Moral!
In großen Käfigen kommt es bei Mäusen zb nur dann zu revierkämpfen wenn es unkastrierte Männchen sind. Bei kastrierten Männchen und Weibchen kann der Revierkampf umgangen werden wenn die Tiere nicht "einfach so" also ohne eine richtige Integration zusammengesetz werden. Wenn diese Professoren und Tierquäler so wenig Wissen über diese Tiere haben wundert es mich nicht, dass sie immernoch deren Tod für ihr Geschäft in die Lüge des "Dienstes für die Menschen" stellen.
Und solchen Zynismus wie, dass eine Debatte über artgerechte Tierhaltung in Laboratorien nur von Gutmenschen geführt wird, oder sogar als PR-Gag gedacht werden kann, verbitte ich mir! Wir haben nicht nur ein Tiershcuztgesetz sondern Tierschutz ist auch im grundgesetz verankert. DIE PRESSE MUSS DEN TIERSCHUTZ ENDLICH ERNST NEHMEN!
"Tatsächlich ist die Zahl der Tiere, die in Deutschland pro Jahr für Experimente sterben, seit 1989 halbiert worden, von 2,6 Millionen auf heute etwa 1,3 Millionen."
Wie bitte? Wo haben sie diese Falschen Zahlen her? Der Verbauch der Versuchstiere ist auf 2,7 Millionen angestiegen! Und da sind noch nochteinmal diejenigen Tiere mitgezählt worden, die ohne einen Versuch erlebt zu haben getötet wurde, wie etwa Tiere die gezüchtet werden um eine bestimmte Zucht zu erhalten und jene die getötet werden um an Hochschulen seziert zu werden oder für die Gewinnung von Gewebe ihr Leben lassen mussten! Das können sie hier nachlesen. Mit Quellen(Die dieser furchtbare Artikel ja nicht nennen konnte) http://www.tierschutzbund...
[Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as] Denn er stellt Tierversuche als notwendig dar, verfälscht Zahlen und bedient sich grausamen Zynismus. Die Formulierungen hinterlassen den Ausdruck von einem heroischen Heldentod der missbrauchten Tiere. Tierschutz wird als Tätigkeit von Gutmenschen und Hausfrauen hingestellt.
Die Zeit scheint nicht viel von Tierschutz zu halten.
So leben die Tiere im Labor wirklich: http://www.aerzte-gegen-t...
Ich finde es unglaublich wie kaltblütig der Mensch ist und wie wenig Mitleid er mit leidenden Kreaturen hat!
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