Paris Wo die Einheimischen essen

Von wegen arrogant: Pariser laden gegen einen Obolus Fremde zu sich nach Hause ein

Manche Dinge im Leben lässt man sich am besten von Franzosen erklären. Die Sache mit dem Käse zum Beispiel. Eine Käseecke darf unter gar keinen Umständen an der Spitze angeschnitten werden. Und ein Camembert – mon dieu, die Deutschen bringen es fertig und schneiden ihn in Streifen. Dabei verlangt doch jeder Rundkäse, dass man ihn wie eine Torte teilt! Vielleicht hätten wir solche Regeln auch in einem französischen Knigge gefunden. Oder uns eines Tages schrecklich blamiert. Doch zum Glück gibt es da Isabelle und Pierre. Pariser, die Ausländer gern an ihrem Leben teilhaben lassen.

Man kennt das aus dem Frankreich-Urlaub ja oft anders. Vor allem aus Paris. Da läuft man tagelang neben ihnen auf den Straßen, isst in ihren Restaurants, bewundert ihre Kunst, aber wie die Menschen hier so sind, was sie denken, wie sie leben, bleibt ein Geheimnis. Diesmal soll es anders sein. Ein langes Wochenende in Paris steht bevor, und im Gepäck steckt eine Liste mit Adressen, wo man die Bewohner dieser Stadt ganz zwanglos kennenlernen kann: bei privaten Partys beispielsweise, die zum Teil seit Jahren und mit einer wachsenden Fangemeinde stattfinden; bei Abendveranstaltungen von expats, die schon lange hier leben, oder bei gastfreundlichen Familien. Den Kontakt zu Isabelle und Pierre hat die Agentur Meeting the French vermittelt. Das kleine Reisebüro versucht seit 2005 Reisenden Frankreich und Paris »durch die Bewohner nahezubringen«. Über seine Internetseite findet man Franzosen, die Ausländer gerne bei sich zum Abendessen empfangen.

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Isabelle und Pierre sind Mitte 40 und wohnen im nordwestlich gelegenen 17. Arrondissement, dort, wo die Bobos leben, die »bourgeois-bohémiens«, wie das auf Pariserisch heißt. Isabelle und Pierre haben sich im Netz als weltoffen vorgestellt, als Leute, die den Kontakt zu Menschen anderer Nationen suchen und dabei gern ihre Englischkenntnisse auffrischen wollen. Für diesen Abend haben sich auch Lydia und Mark angemeldet, Psychologen, um die 50 und aus Sydney. Den Käse gibt es natürlich zum Schluss, so gehört es sich für ein französisches Diner.

Zum Aperitif öffnet Pierre im großen Salon der Maisonette-Wohnung mit einem kaum hörbaren »Fump« eine Flasche Veuve Clicquot. Champagnerkorken knallen lassen, das schickt sich irgendwie nicht, das machen nur Rennfahrer und Boxenluder. Der Hausherr lässt durchblicken, dass er ein erfolgreicher Immobilienmakler ist. Vor seiner Wohnung liegt neuerdings ein Park. Die Stadtväter hatten dort eines der Sportstadien für die Olympischen Spiele 2012 geplant. Die wurden dann nach London vergeben, und so sprießt nun frisches Grün vor den Fenstern. Glück gehabt. Die Familie hat noch ein Haus in Südfrankreich und eins in der Normandie – »wie viele Pariser«, sagt Pierre, und schon hat man was gelernt. Auch die Anzahl der Kinder entspricht dem französischen Ideal. Drei wünscht sich der Staat, der große Familien mit einem Netz von Betreuungseinrichtungen fördert und steuerlich begünstigt.

Der Nachwuchs hat sich nach einer kurzen Vorstellungsrunde bei den Gästen brav ins obere Stockwerk verzogen. Die Erwachsenen sind unter sich. Während Isabelle in der Küche hantiert, macht Pierre Smalltalk. Er hat sich gut vorbereitet, weiß, dass Sydney rund vier Millionen Einwohner hat, aber nicht die Hauptstadt Australiens ist. Er spricht auch ganz gut Deutsch, »weil man zu meiner Zeit die besonders guten Schüler angehalten hat, Deutsch zu lernen«. Lydia und Marc schwärmen von den Loire-Schlössern, die sie in den vergangenen Tagen besucht haben. Lydia ist nervös, weil ihr die Aussprache der französischen Schlossnamen schwerfällt. An ihren Ohrläppchen zappeln große goldene Ringe, an denen wie ein Affe auf der Schaukel ein D-Anhänger baumelt. D wie Dior. Marc hat sie ihr vorhin gekauft.

Die Gastgeber dekantieren einen Buzet 2005, unter Kennern gilt der Rotwein als Geheimtipp. Was dazu auf den Tisch kommt, überrascht dann selbst die Gastgeber. Rouladen aus Kalbfleisch, dazu Kartoffelpüree. Isabelle ist ein wenig peinlich berührt und will nicht gleich zugeben, dass sie nicht selbst am Herd stand. Lydia und Marc hatten bei Meeting the French ein traditionelles Menü bestellt. Für 90 Euro pro Person. Nun ist es so traditionell, dass nicht einmal die Gastgeber es als solches erkennen. Bekochen müssen sie ihre Besucher nämlich nicht selbst. Das Essen kommt bei Meeting the French auf Rädern und wird nur noch in der Mikrowelle aufgewärmt.

Lydia entspannt sich. Da hat ihr Marc doch mehr zu bieten. Ausführlich erklärt er, wie er zu Hause Down Under Lammkeulen im Schnellkochtopf schmort, dass der Fond aus Rotwein, Knoblauch und Petersilie das Fleisch gerade eben bedecken darf und in 30 Minuten alles fertig ist. Isabelle staunt. Einen Schnellkochtopf hat sie auch – zum Beweis holt sie den Deckel aus der Küche . Benutzt hat sie ihn noch nie. Bei ihr braucht das Lamm sieben Stunden.

Am nächsten Abend schwingt Michael Muszlak die Schöpfkelle. Was Meeting the French im kleinen Kreis anbietet, praktiziert der pensionierte französische Werbefilmer bereits seit Jahren im ganz großen Stil. Seine Altbauwohnung in Saint-Germain des Prés, dem Pariser Intellektuellenviertel, wird jeden Samstagabend zum offenen Salon. Während sich draußen auf dem nahen Boulevard Saint-Germain die ersten Schlangen an den Kinokassen bilden und das Stimmengewirr in den Bars an Dezibel gewinnt, erklimmen 80, 90 Leute die schiefen Holzstufen in der Rue Saint-Jacques. »Die Kantine hat geöffnet!«, ruft Muszlak aus der Küche. Die aus den Töpfen aufsteigende Hitze hat sein Gesicht erröten lassen. Zwei junge Frauen achten darauf, dass auf jeden Teller die gleiche Menge Huhn, Kartoffel und Teigtaschen kommt. Sogar ein bisschen Gänseleber gibt es. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an eine Manöverspeisung, aber die Auswahl ist besser.

Dann sitzen und stehen die Gäste dieses Abends zwischen den mit Büchern, alten Videokassetten und Reisesouvenirs vollgestopften Regalen. Sie balancieren Teller auf der einen Hand und Weingläser in der anderen und unterhalten sich wie alte Bekannte. Doch mit Ausnahme von zwei, drei »Alteingesessenen« kannte sich vor diesem Abend niemand. Reinkommen, gute Laune mitbringen, Menschen treffen, so in etwa lässt sich das Konzept beschreiben. Wer niemanden kennt, der am Wochenende eine Party gibt, neu oder nur zu Besuch in Paris ist, geht einfach zu Muszlak. Da ist immer etwas los.

Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass Muszlak Anmeldelisten führt. Auf eine E-Mail, mindestens 24 Stunden vor dem Fest abgeschickt, antwortet er mit dem Türcode. »Ich habe gerne Leute um mich«, sagt er und lacht. Seine Mutter war Österreicherin, der Vater Franzose. Vor den NS-Besatzern waren die Eltern nach London geflohen, nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten sie nach Paris zurück. Muszlak spricht mühelos Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und sogar Japanisch. »Aber natürlich steckt auch ein gewisses finanzielles Interesse hinter diesen Soirées.« 20 Euro »Unkostenbeitrag« lässt jeder Neuankömmling diskret in einem Kästchen verschwinden. Nachhaltigste Erkenntnis über Frankreich an diesem Abend ist, dass das Finanzamt seit Jahren gewissenhaft darüber hinwegsieht.

Was man sonst noch über Land und Leute erfährt, hängt davon ab, ob man sich gerade in der Ecke befindet, wo über Weltpolitik diskutiert wird, oder dort, wo Theateraufführungen und Ausstellungen rezensiert werden. Spätestens um 23 Uhr ist Schluss. Der Nachbarn wegen. Manche Gäste, die allein gekommen sind, gehen dann zu zweit. Ob das auch typisch französisch ist?

Absolut. Meint wenigstens Jamie Cat Callan. Dinner-Partys seien in good old France die Partnerschaftsvermittlung schlechthin, hat die amerikanische Autorin in mehreren Hundert Interviews mit Französinnen erfahren und diese Erkenntnis in ihrem neuen Buch French Women Don’t Sleep Alone festgehalten. Ein Raunen geht durch die Reihen, denn die Lesung findet bei genau so einer Dinner-Party statt. Schnell ein Blick nach links und rechts, ob Mr. oder Ms. Right vielleicht auch im Raum sind?

Es ist inzwischen früher Sonntagabend. Die Gastgeberin der dritten Soiree heißt Patricia Laplant. Sie stammt ursprünglich aus Atlanta, lebt seit 26 Jahren in Paris, ist aber noch immer eher der amerikanischen Gemeinde als den Franzosen verbunden. Wie auch die meisten ihrer Gäste. Der Rotwein ist französisch, gesprochen wird Englisch. Laplant garniert ihre Abende mit einem Vortrag, einer Lesung oder einer musikalischen Aufführung. Heute schwärmt die ein wenig mollige Jamie Cat Callan über hochgewachsene, elegante Französinnen, die nie einen BH tragen würden, der nicht zum Höschen passt. Beides, so hat sie herausgefunden, ist stets aus feiner Spitze. Auch der Schal scheint aus dem Verführungsrepertoire nicht wegzudenken: Kein anderes Kleidungsstück lässt sich in aller Öffentlichkeit straffrei ausziehen.

Jamie Cat Callan macht es vor, als wir uns von Dessous und dessus schon wieder verabschieden müssen. Das Wochenende soll nicht ohne einen Besuch bei Jim Haynes zu Ende gehen. Über den gebürtigen Amerikaner gibt es seitenlange Einträge im Internet, sogar das Public Radio in den USA wirbt für seine Partys. Sein Haus liegt im 14. Arrondissement, in einem romantisch verwucherten Hinterhof. Einst gehörte es der Familie des französischen Malers Henri Matisse. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten viele Künstler hier am südlichen Stadtrand.

Haynes, 75, mächtiger weißer Schnurrbart, ist eher ein Lebenskünstler. In einer gestreiften Schürze sitzt er auf einem Barhocker in seiner Wohnküche, wo in riesigen Kesseln Chili con Carne brodelt. Die Bauchtasche wölbt sich über den Couverts, die er von seinen Gästen einsammelt. Mit Visitenkarte und einer »Spende« von 25 Euro. »Stay home and get paid« ist eine seiner Lebensweisheiten.

Auch zu Haynes kommen die Leute, um neue Bekanntschaften zu schließen, vor allem aber kommen sie, um den Geschichten aus seinem Leben zu lauschen. Wie war das damals mit Mick Jagger und Keith Richards? Was machten Yoko Ono und John Lennon bei dieser Performance in der Royal Albert Hall? Haynes hat in England Theater gemacht, das Erotik-Magazin Suck und die linke Zeitung International Times ins Leben gerufen sowie das Traverse Theatre in Edinburgh, aus dem das Festival Edinburgh Fringe hervorging. Ende der sechziger Jahre war in Paris Platz für einen Typen wie ihn und einen Lehrauftrag für Kommunikationslehre und sexuelle Politik. Irgendwann begann er, Partys für Freunde zu organisieren. »Und jetzt lassen mich die Leute nicht mehr aufhören.« Nachbarn sind da, Paris-Touristen aus Spanien, Korea, Norwegen, Finnland.

Wenn Haynes der Meinung ist, genug erzählt zu haben, reicht er einen weiter. »Kennst du schon XY? Ich glaube, ihr würdet euch gut verstehen.« Ein guter Kuppler ist er auch. Am Ende hat man das Gefühl, die halbe Welt auf wenigen Quadratmetern getroffen zu haben. Und den vielleicht buntesten Vogel von ganz Paris.

Information Paris

Meeting the French: Mit 90 Euro pro Person nicht ganz billig, aber ideal für alle, die nicht so sehr auf Partys und viele unbekannte Menschen stehen. Gastgeberliste im Internet, Terminwahl ist frei. Meeting the French, Paris, Tel. 0033-1/42511980, www.meetingthefrench.com

Michael Muszlak: Er organisiert fast jeden Samstagabend ein Fest in seiner Wohnung. Nach Voranmeldung (mindestens einen Tag vor der Party) unter michael@muszlak.com erfolgt die Bestätigung mit Adressangabe. Kosten: 20 Euro

Paris Soirees: Patricia Laplant veranstaltet ihre Abende wie literarische Zirkel. Wer in ihrem Verteiler steht (einmalige E-Mail genügt: parissoirees@gmail.com), erhält jede Woche das Programm. Kosten: 20 Euro

Jim Haynes: Jim (jim_haynes@ wanadoo.fr) braucht eine Bühne. Seit er nicht mehr vor großem Haus Theater spielt, inszeniert er sich in seiner Wohnung. Kosten: 25 Euro

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