Ganz zum Schluss der Beweisaufnahme in Dresden, als die Zuhörer und die Presse durch Gerichtsbeschluss aus dem großen Schwurgerichtssaal entfernt worden sind, weil die Vernehmung des psychiatrischen Sachverständigen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden soll, nimmt der Angeklagte endlich seine Kapuze ab. An den sieben vorausgegangenen Prozesstagen hatte Alex W. den Verhandlungssaal stets schwarz vermummt mit Skimaske und Sonnenbrille betreten. Jetzt zeigt er den Richtern ein weiches Kindergesicht, das er die ganze Zeit hinter dem martialischen Mummenschanz verborgen hatte. Und das so gar nicht zusammengeht mit der Bluttat, die er am 1. Juli 2009 in einem anderen Verhandlungssaal dieses Landgerichts beging.

Die ganze Republik kennt das Verbrechen des 28-jährigen Wolgadeutschen: Er hat die junge, schwangere Ägypterin Marwa el-Sherbini im Landgericht Dresden mitten in einem Beleidigungsprozess vor Richtern und Anwälten und vor den Augen ihres drei Jahre alten Sohnes mit einem Messer durch 18 Stiche getötet und ihren zu Hilfe eilenden Ehemann schwer verletzt.

Dass ein unbefangener Betrachter dem jungen Mann Derartiges nie zugetraut hätte, ist nicht unerheblich für die Frage, wie es zur Tötung Marwa el-Sherbinis kommen konnte. Hätte W. eine brutale Ausstrahlung, eine alarmierende Vorgeschichte oder wenigstens ein paar Tätowierungen gehabt – die Richter hätten womöglich Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So aber ließen sich alle – obwohl W.s Feindseligkeit gegen Muslime bekannt war – von der Harmlosigkeit seiner Erscheinung täuschen.

W. sei diszipliniert und gefasst gewesen, sagt Tom Maciejewski als Zeuge. Er war Vorsitzender jenes Berufungsprozesses, der mit der Tragödie endete. An Unfreundlichkeit seitens des Angeklagten erinnert er sich nicht, dafür an dessen gutes Deutsch. Der Schöffe meint, W. sei ihm sehr zurückhaltend, »fast teilnahmslos« vorgekommen. Auch die Amtsrichterin aus der ersten Instanz hatte ein halbes Jahr zuvor Wachpersonal für unnötig gehalten. Sie habe – aufgrund eines fremdenfeindlichen Schreibens des Angeklagten – zwar zunächst mit dem Gedanken an einen Wachtmeister gespielt, der »persönliche Eindruck« des Alex W. habe dann aber alle Bedenken zerstreut.

Selbst W.s Verteidiger fiel noch fünf Minuten vor der Tat nichts auf, was darauf hätte hindeuten können, dass sich unter der stillen Miene seines Mandanten eine Hasseruption zusammenbraute: Der hatte das ihm angelastete Vergehen, die Ägypterin als »Islamistin« und »Terroristin« beleidigt zu haben, nie bestritten und war in der Verhandlung höchstens ein paarmal pampig geworden. Niemand wäre darauf gekommen, dass zu diesem Zeitpunkt schon ein scharf geschliffenes Kampfmesser mit einer 18 Zentimeter langen Klinge in seinem Rucksack steckte.

Die Tat kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Marwa el-Sherbini hatte als Zeugin noch einmal ruhig und sachlich von der Auseinandersetzung um die Spielplatzschaukel berichtet, die ein Jahr zuvor in jene Schmähreden des Alex W. gemündet war, und wollte gerade gehen, als der Angeklagte wortlos über sie herfiel – gespenstisch und emotionslos wie ein Mordroboter: keine Schreie des Hasses, nicht einmal ein Grunzen, nur rasend auf die Frau niedergehende Stiche. Nicht einmal von Stühlen, die man nach ihm warf, ließ sich der Fanatiker stören.

Alex W. ist angeblich nicht verrückt, der psychiatrische Sachverständige hat bei ihm keine schwerwiegende psychopathologische Auffälligkeit entdeckt – obwohl W. sich in Russland wegen einer »nicht differenzierten Schizophrenie« für ein Jahr in psychiatrischer Beobachtung befunden haben und aufgrund dieser Erkrankung auch aus dem Militärdienst ausgemustert worden sein soll.