Als der Herr der Welt und des Theaters am siebten Tag besonders gute Laune hatte, schuf er Robert Lepage. Eigentlich hatte der Herr ausruhen wollen nach den Kraftakten der Woche, aber einen Wurf wollte er sich doch noch leisten und erfand diesen starken Sensiblen, diesen Geist aus Luft und Leichtigkeit. Robert Lepage ist der überraschendste Regisseur des Welttheaters, ein unablässig Reisender, ein manischer Arbeiter, ein unerschöpflicher Fantast.

1957 wird er in Québec geboren, mit 17 beginnt er auf dem Konservatorium seiner Heimatstadt die Ausbildung zum Schauspieler, gründet seine erste Gruppe, nennt sie Hummm und produziert wild drauflos. Später schließt er sich dem renommierten Théâtre Répère an, wird dessen Leiter und hat 1985 mit der Drachentrilogie seinen internationalen Durchbruch. Die legendäre Aufführung, die erst eineinhalb, dann drei, schließlich sechs Stunden dauert, erzählt die Geschichte zweier Freundinnen im Québec der vierziger, im Toronto der sechziger und im Vancouver der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. In der verwickelten Familienchronik spiegelt sich die des Landes, und während die äußere Reise von Ost nach West geht, führt die innere von West nach Ost – beide beginnen und enden in der Gegenwart, auf einem sandigen Parkplatz in Québec City, dort, wo einmal Chinatown war.

Viele typische Lepage-Themen sind in der Drachentrilogie bereits enthalten: die Suche nach Identität, das Reisen als Veränderung, das Faible für Ostasien. Im Laufe der Jahre folgen noch zwei weitere Familienepen: The Seven Streams of the River Ota (1996, sechs Stunden) und Lipsynch (2008, neun Stunden). Lepages Arbeiten beginnen immer mit der Form, und mitunter ist die Form stärker als der Inhalt. Aber wie er eine Welt aus nichts erfindet, wie er Requisiten verzaubert, sodass die Thermoskanne auf dem Tisch zu einer Rakete auf der Startrampe wird und die Waschmaschine das Fenster ins All, das ist stets aufs Neue verblüffend. Und er ist ein Meister der Andeutungen und des Weglassens: So beschreibt er in Ota das von der Atombombe verbrannte Gesicht einer Frau nur durch die Reaktionen ihrer Umwelt – das tragische Bild muss vom Zuschauer komplettiert werden.

Lepage hat geniale Bilder erfunden, die man nie vergisst: Die Schlittschuhläufer des Todes, die eine Kinderstadt aus Schuhkartons zertrampeln, sind eine große, unpathetische Metapher für den Krieg. Der tollpatschige Philippe mit dem Weltraum-Fimmel, der am Ende von The Far Side of the Moon auf dem Bühnenboden hin und her rollt, doch dank eines Spiegeltricks schwerelos durchs Universum zu schweben scheint, verkörpert die Utopie, dass alles möglich ist. Lepages Aufführungen sind alle von Menschenliebe geprägt, kommen dabei aber ohne Pathos und Betroffenheitskitsch aus. Dafür sorgt schon sein sarkastischer, niemals zynischer Humor. Lepage ist ein Begeisterter, der begeistert. Er ist ein Zauberer, der aus dem Widerspruch Funken zu schlagen versteht.

Sein Kompass ist die Intuition, seine Richtschnur das Chaos. Und natürlich endet das Chaos nicht mit der ersten Premiere – danach wird weiter experimentiert. Ein berühmter Insiderwitz geht so: Zwei Festivaldirektoren treffen sich. Sagt der eine: »And then I have Robert Lepage!« Darauf der andere: »Oh, great! Do you have the World Premiere or do you have the show?« Lepages Aufführungen sind immer im Fluss. Er versteht die Vorstellungen als Korrektiv, die Zuschauer als Komplizen, mit denen gemeinsam er seine Arbeit vollendet.

Seine Fantasie funktioniert wie ein Feuerwerk – sie knallt die Assoziationen heraus, und jede einzelne gebiert ein Dutzend neue. So inszeniert er, so denkt er, so spricht er, fröhlich von einer Idee zur nächsten hüpfend, und je stärker der Druck, desto größer die Sprunghöhe. Seine Theaterfamilie ist es gewohnt, mit seinen vielen Einfällen zu jonglieren – es ist eine Lust zu beobachten, wie sie sich die Ideenbälle zuwerfen.