Architektur

Wirbeln und Wogen

Ein Wunder der Gegenwart: Zaha Hadid hat im stillen Flaminio-Quartier Roms ein neues Museum gebaut, das mit allen Dogmen der Moderne bricht

Das neue Museum von Zaha Hadid in Rom

Das neue Museum von Zaha Hadid in Rom

Rom, die aufgescheuchte, die ewig knatternde Stadt, ist seltsam verstummt. Nur ein paar Schritte sind’s bis zur Piazza del Popolo, das Zentrum ist nah, und doch liegt Vorstadtfriede über den Straßen des Flaminio-Quartiers, vor morschen Fensterläden blühen Alpenveilchen, und auf den Dächern sprießt der Antennenwald. Ausgerechnet hier will Rom nun einen neuen Anfang wagen. Ausgerechnet hier will sich die Stadt von ihren Traditionen lösen, bricht auf in eine Moderne, wie sie bislang niemand kannte.

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Lange schon fühlen sich die Künstler Roms erdrückt. Sie ächzen unter einem Erbe, das reicher und schöner nicht sein könnte. Denn wozu braucht eine Stadt die zeitgenössische Kunst, wenn sie Raffael hat, Michelangelo, Caravaggio? Und welcher Künstler von heute würde es mit diesen Heroen aufnehmen wollen?

Zaha Hadid hat damit keine Probleme. Als vor gut zehn Jahren der linksliberale Bürgermeister Walter Veltroni den Plan fasste, Roms uraltem Stadtkörper eine Dosis Jetztzeit zu injizieren, als er Architekten wie Richard Meier und Renzo Piano beauftragte, neue Ausstellungshallen und ein neues Konzerthaus zu bauen, da zögerte auch die aus dem Irak stammende Hadid keinen Augenblick. Sie bewarb sich für den Auftrag eines neuen Kunstzentrums – und gewann, weil sie mehr bauen wollte als nur ein Gebäude. Weil ihre Architektur die Leitideen unserer Gegenwart befragt und sie verändern möchte. Herausgekommen ist eines der erstaunlichsten Gebäude des beginnenden 21. Jahrhunderts. Am kommenden Wochenende wird es dem Publikum erstmals vorgestellt.

Die Geschichte einer Verwandlung wartet auf die Besucher: Hadid hat einen Ort, der lange vom Drill bestimmt war, an dem es uniformiert zuging, rigide hierarchisch, in sein Gegenteil verkehrt. Wo lauter Kasernen in Reih und Glied standen, da wogen und wirbeln heute freie architektonische Formen. Wo das Militär sich inmitten der Stadt eingebunkert hatte, da öffnet nun ein weiter Platz den ganzen Block, lädt ein zu urbanem Leben.

Und es ist nicht so, wie viele befürchtet hatten, Hadid hat kein Beliebigkeitsbauwerk über der Stadt abgeworfen, sie veranstaltet kein blitzendes Spektakel, noch nicht einmal als werbeträchtiges Stück Stararchitektur lässt sich ihr neues Museumszentrum vermarkten. Es taugt nicht zur Ikone und nicht zum Werbelogo. Hadid übt sich zur Überraschung aller in Zurückhaltung.

Wer eilig vorüberfährt, könnte den Neubau glatt übersehen, so niedrig, so bescheiden fügt er sich in die Umgebung. Nur die beiden mächtigen Betonstutzen, die sich über dem frisch geweißten Altbau erheben, signalisieren die Ankunft des Neuen. Und selbst wer das Gebäude umrundet, trifft nirgends auf das Zentrum dieses Zentrums. Obwohl der mächtige Betonleib des Baus uns entgegendrängt, sich wölbt und kragt und schwellt, entzieht er sich zugleich. Er zeigt kein eindeutiges Gesicht, sondern viele Gesichter.

Während Politiker und Manager überall auf der Welt davon träumen, sich von Architekten wie Hadid, Koolhaas oder Libeskind ein neues Wahrzeichen bauen zu lassen und ihrer Stadt so zu »neuer Identität« zu verhelfen, verweigert sich das römische Museum jeder Art von zuverlässiger Identitätsstiftung. Es ist eine multiple Persönlichkeit. Es kann sich für nichts mehr begeistern als für die Auflösung alles Erstarrten.

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Leser-Kommentare

    • 16.11.2009 um 0:01 Uhr
    • Guido3

    Liebe Zeit-Redaktion,

    Zara Hadid hat mal wieder ein fantastisches Gebäude mit sehr spannender Architektur geschaffen. Architektur ist generell etwas sehr Visuelles. Könnte es Sinn machen, das auch visuell - d.h. mit vielen Fotos - zu zeigen? 3 Seiten Text garniert die Zeit mit einem einzigen Bild - und zwar dem schlechtesten und fehlerhaftesten Bild (u.a. stürzende Linien) das von diesem Gebäude existiert.

    Wer das Gebäude noch nicht kennt, wird den begeistert klingenden Artikel lesen und dann vergeblich versuchen, dass mit dem drögen Bild in Einklang zu bringen. Wenn Sie denn über dieses Stück wunderbarere Architektur berichten wollen, dann doch bitte richtig, d.h. mit qualitativ zum Text passenden Bildmaterial. So funktioniert das nicht...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Stürzende Linien in der Architekturfotografie generell als "fehlerhaft" zu bezeichnen ist fragwürdig. Mehr Bilder hätten tollen Artikel aber tatsächlich gut getan. Hier der Link zu einem Artikel, welcher von einer schönen Bildstrecke begleitet wird:
    http://www.art-magazin.de...

  1. Auch wenn ich meinem Vorgänger nur allzu gerne Recht gebe (es fehlt an passenden Fotos,) so ist an dieser Stelle dennoch über die Schönheit des Artikels zu sprechen:

    Einer so inspirativer und sich in die Höhe treibender Sprache gebührt Dank. Dank, der sich an der Autor richtet.

    Es gibt sie, die Momente beim Lesen, in denen man sich auf eine fast persönliche Art und Weise von einem Text so ergriffen fühlt, dass man sich um ein Stück reicher im Leben fühlt. Eben so ward es mir in diesem Moment, als ich den Artikel las. Ein Hochgefühl, welchem an dieser Stelle Ausdruck verliehen werden musste.

  2. 3.

    Seit dreissig Jahren baut Zaha Hadid immer den gleichen formalistischen Kram und immer noch heisst es, sie würde mit der Moderne brechen. Rossi hat bereits in den 70er Jahren mit dem modernistischen Funktionalismus aufgeräumt, ebenso wie tausende andere postmoderne Architekten.
    Für mich gibt es bei Hadid nicht viel zu entdecken und ich hab einige Gebäude von ihr besucht. Nicht nur in Rom nimmt sie auf nichts Bezug und deshalb bleibt am Ende ein Haufen beliebig geformter Stahlbeton übrig, der in ein paar Jahren ganz schlimm im Weg stehen und widerlich aussehen wird.

  3. Stürzende Linien in der Architekturfotografie generell als "fehlerhaft" zu bezeichnen ist fragwürdig. Mehr Bilder hätten tollen Artikel aber tatsächlich gut getan. Hier der Link zu einem Artikel, welcher von einer schönen Bildstrecke begleitet wird:
    http://www.art-magazin.de...

    Antwort auf "Fotos, Fotos, Fotos"
  4. Es ist einfach jedem Gebäude dass nicht nach tradierten und bewährten Vorstellungen von Raum, Zeit und Bild erstellt wurde Beliebigkeit und Willkür vorwerfen. Man kann andererseits jedem Gebäude dass nach gerade diesen Traditionen konzipiert und erstellt wurde vorwerfen dass es unzeitgemäß oder gar belanglos ist. Man sollte also diesem zeitgenössischen Museumsbau von Zaha Hadid in Rom und unseren Vorstellungen eines Museums in Rom die Möglichkeit geben sich anzunähern.

    Vordergründig könnten Fotos diesen Eindruck von Raum und Zeit in dieser Architektur vermitteln. Aber sind es nicht gerade die in diesem Artikel aufgezeigten Hintergründe, die diese Architektur kennzeichnen? Darüber hinaus erscheint es schwierig ein Gebäude das der Perspektive zu widersprechen scheint durch die fotografische Zentralperspektive zu dokumentieren.

    Ein Film der durch dieses nicht unbedingt Ordnung suggerierender Gebäude führt könnte ein Weg sein die Vielschichtigkeit der visuellen und akustischen Erfahrungen aufzuzeigen.

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