Museumsbau in Rom Wirbeln und WogenSeite 3/3

Verwirrenderweise ist diese Architektur ungemein körperlich und ungemein grafisch zugleich. Sie ist durchzogen von Lichtbändern, Schattenfugen, von Rillen und gleisartigen Spuren, und manchmal wird dieses Liniengeflecht derart dicht, dass es unsere Augen täuscht: Was eben noch real war, erscheint als Abbild, als Abstraktion seiner selbst.

Die Kunst ist mindestens so welthaltig, wie die Welt bildhaltig ist, davon erzählen Hadid und Schumacher mit ihrer Architektur. Hier werden die Exponate nicht einfach verabreicht, das übliche Objekt-Subjekt-Denken der westlichen Welt scheint aufgeweicht, das Museum versucht sich an einer neuen Balance: Manchmal ist es, als würde das Gebäude selber handeln, und wir wären sein Objekt; dann wieder ist es umgekehrt. Und je länger wir uns in dieser Architektur bewegen, desto eindringlicher spüren wir: Die Wirklichkeit ist nicht erstarrt, sie ist veränderlich!

Anzeige

Früher sahen Hadids Bauten oft aus, als hätte jemand einen Bombenanschlag auf die orthogonale Weltordnung verübt, alles schien Beton gewordene Wut. Das Museum in Rom hingegen strömt in Sanftmut dahin. Doch bedeutet Verflüssigung hier nicht Verflüchtigung: Bei aller Vielförmigkeit, die sich in diesem Museum entspinnt, findet es doch zu einem Ganzen zusammen. Der alte Traum von einer Einheit in Vielheit scheint zum Greifen nah. Zumindest diesem alten Ideal der Moderne halten Hadid und Schumacher die Treue.

Sie begreifen es als eine großartige Freiheit, dass der postfordistischen Gesellschaft das Verbindende abhandenkommt und der Mainstream sich auflöst in lauter Gerinnsel. Und doch bauen sie an einer Architektur der Verbindlichkeit, in dem das Auseinanderstrebende zusammenfindet zu einem neuen Größeren. Ein utopischer Geist durchweht dieses Museum.

Und schon deshalb müssen Hadid und Schumacher den Vergleich mit den römischen Klassikern nicht fürchten. Michelangelos Liebe für das Unfertige, Borrominis Begeisterung für offene, schwelgende Formen – all das findet sich in dem neuen Museum wieder. Es feiert die Moderne als verwandelnde Kraft, es sucht neue Formen des Zusammenspiels. Und ist, was Rom schon immer war: gut für das Unvorhergesehene.

 
Leser-Kommentare
    • Guido3
    • 16.11.2009 um 0:01 Uhr

    Liebe Zeit-Redaktion,

    Zara Hadid hat mal wieder ein fantastisches Gebäude mit sehr spannender Architektur geschaffen. Architektur ist generell etwas sehr Visuelles. Könnte es Sinn machen, das auch visuell - d.h. mit vielen Fotos - zu zeigen? 3 Seiten Text garniert die Zeit mit einem einzigen Bild - und zwar dem schlechtesten und fehlerhaftesten Bild (u.a. stürzende Linien) das von diesem Gebäude existiert.

    Wer das Gebäude noch nicht kennt, wird den begeistert klingenden Artikel lesen und dann vergeblich versuchen, dass mit dem drögen Bild in Einklang zu bringen. Wenn Sie denn über dieses Stück wunderbarere Architektur berichten wollen, dann doch bitte richtig, d.h. mit qualitativ zum Text passenden Bildmaterial. So funktioniert das nicht...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Stürzende Linien in der Architekturfotografie generell als "fehlerhaft" zu bezeichnen ist fragwürdig. Mehr Bilder hätten tollen Artikel aber tatsächlich gut getan. Hier der Link zu einem Artikel, welcher von einer schönen Bildstrecke begleitet wird:
    http://www.art-magazin.de...

    Stürzende Linien in der Architekturfotografie generell als "fehlerhaft" zu bezeichnen ist fragwürdig. Mehr Bilder hätten tollen Artikel aber tatsächlich gut getan. Hier der Link zu einem Artikel, welcher von einer schönen Bildstrecke begleitet wird:
    http://www.art-magazin.de...

  1. Auch wenn ich meinem Vorgänger nur allzu gerne Recht gebe (es fehlt an passenden Fotos,) so ist an dieser Stelle dennoch über die Schönheit des Artikels zu sprechen:

    Einer so inspirativer und sich in die Höhe treibender Sprache gebührt Dank. Dank, der sich an der Autor richtet.

    Es gibt sie, die Momente beim Lesen, in denen man sich auf eine fast persönliche Art und Weise von einem Text so ergriffen fühlt, dass man sich um ein Stück reicher im Leben fühlt. Eben so ward es mir in diesem Moment, als ich den Artikel las. Ein Hochgefühl, welchem an dieser Stelle Ausdruck verliehen werden musste.

  2. 3.

    Seit dreissig Jahren baut Zaha Hadid immer den gleichen formalistischen Kram und immer noch heisst es, sie würde mit der Moderne brechen. Rossi hat bereits in den 70er Jahren mit dem modernistischen Funktionalismus aufgeräumt, ebenso wie tausende andere postmoderne Architekten.
    Für mich gibt es bei Hadid nicht viel zu entdecken und ich hab einige Gebäude von ihr besucht. Nicht nur in Rom nimmt sie auf nichts Bezug und deshalb bleibt am Ende ein Haufen beliebig geformter Stahlbeton übrig, der in ein paar Jahren ganz schlimm im Weg stehen und widerlich aussehen wird.

  3. Stürzende Linien in der Architekturfotografie generell als "fehlerhaft" zu bezeichnen ist fragwürdig. Mehr Bilder hätten tollen Artikel aber tatsächlich gut getan. Hier der Link zu einem Artikel, welcher von einer schönen Bildstrecke begleitet wird:
    http://www.art-magazin.de...

    Antwort auf "Fotos, Fotos, Fotos"
  4. Es ist einfach jedem Gebäude dass nicht nach tradierten und bewährten Vorstellungen von Raum, Zeit und Bild erstellt wurde Beliebigkeit und Willkür vorwerfen. Man kann andererseits jedem Gebäude dass nach gerade diesen Traditionen konzipiert und erstellt wurde vorwerfen dass es unzeitgemäß oder gar belanglos ist. Man sollte also diesem zeitgenössischen Museumsbau von Zaha Hadid in Rom und unseren Vorstellungen eines Museums in Rom die Möglichkeit geben sich anzunähern.

    Vordergründig könnten Fotos diesen Eindruck von Raum und Zeit in dieser Architektur vermitteln. Aber sind es nicht gerade die in diesem Artikel aufgezeigten Hintergründe, die diese Architektur kennzeichnen? Darüber hinaus erscheint es schwierig ein Gebäude das der Perspektive zu widersprechen scheint durch die fotografische Zentralperspektive zu dokumentieren.

    Ein Film der durch dieses nicht unbedingt Ordnung suggerierender Gebäude führt könnte ein Weg sein die Vielschichtigkeit der visuellen und akustischen Erfahrungen aufzuzeigen.

  5. 6.

    Die paar Schritte sind zwei Kilometer.

    • rafax
    • 22.03.2010 um 11:26 Uhr

    Da "Die Zeit" in den letzten Jahren die zeitgenössische Architektur immer stärker vernächlässigt hat, ist es auch hier nicht verwunderlich, nur völlig unzureichendes Bildmaterial vorzufinden. Ich persönlich freue mich ja schon, wenigstens manchmal eine Architekturkritik in der Zeit zu finden.
    Am besten daher: Selber anschauen gehen! Gerade Rom ist immer wieder eine Reise wert, ob mit Hadid oder ohne.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service