Musiker der Band Taraf de Haidouks © Frank Perry/AFP/Getty Images

Ein, zwei knarrige Probetöne aus der Tuba, ein paar tastende Klarinettenläufe – und unversehens donnert die Musik los: Von null auf hundert in die rumänische Nacht. Dumpf dröhnen die Tuben, warm leuchten die Baritonhörner, hell schmettern die Trompeten. Schnell, schneller, die Instrumente treiben sich zu immer wilderen Läufen an.

"Das ist die Musik, die wir lieben", sagt der Mann von Adel. Der 79-Jährige, Curd Jürgens wie aus dem Gesicht geschnitten, sitzt mit stocksteifem Rücken auf einem Plastikstuhl im Hof eines unfertigen Neubaus. Ihm gegenüber stehen, in Lederjacke oder Pullover, die Musiker, an seiner Seite die zehn Mitreisenden, die gleich bei den ersten Takten aufgesprungen sind. Finger schnipsen, Schultern zucken, Füße wippen: Welchen Sog so eine rumänische Volksweise entwickeln kann!

Zece Prăjini, im Osten Rumäniens nahe der moldawischen Grenze gelegen, ist berühmt für seine Musik. Aus dem Romadorf stammen die elf Mitglieder der Fanfare Ciocărlia, die seit 1997 mit zerbeulten Instrumenten die Konzertbühnen der Welt eroberte. Zwei der Fanfare-Musiker sind auch heute dabei, beim Auftaktkonzert einer ungewöhnlichen Rundreise: "Romamusik live" führt neun Tage lang in die Welt der Zigeuner, wie sie sich selbst nennen. Der Roma, wie sie von anderen genannt werden wollen, weil das Wort Zigeuner von fremden Mündern zu oft mit Verachtung ausgestoßen wird.

Der Besuch in Zece Prăjini hatte mit einem Rundgang begonnen. Über die Hauptstraße, die von neuen Ziegelbauten und ein paar alterskrummen Lehmhäuschen gesäumt ist, spaziert eine buntgemischte Truppe. Zwei ältere Schwestern mit Leicas und einem gewissen Hang zum Überschwang wieseln herum, knipsen rotznasige Kinder und den "schönsten jungen Mann der Welt". Eine indische Musikwissenschaftlerin sorgt im Dorf für helles Entzücken. Sie stammt aus dem "alten Land", aus dem die Roma vor vielen Jahrhunderten nach Europa aufgebrochen sind, hält sich für die "Inkarnation einer Roma" und spricht als Einzige aus der Gruppe einige Brocken Romanes. Neben einem pensionierten Berufsschullehrer im schlabbrigen T-Shirt, der zu Hause in Schwaben in einer Balkankapelle spielt, schlendert der Adelige im Sakko und betrachtet amüsiert das Geschehen. Er sagt, er sei mit dem Rumänienfieber infiziert, seit er vor 30 Jahren für Geschäfte hierherreiste.

Wer gut verdient, steckt den anderen auch mal etwas zu

Sie besuchten dieses Land fast jedes Jahr, sagen auch die Schwestern. So dauert es nur Minuten, bis Einheimische und Fremde sich näher kommen: Ein paar Frauen winken die Gäste in ihr Haus und sehen gespannt zu, wie sie die Kissenberge auf den Sofas mustern, die bunten Wandteppiche mit Tigern und Pfauen, das Bild vom "guten Hirten" Jesus und das angepinnte Foto des Ehemanns, der gerade, wie so viele, in Italien "in den Tomaten" arbeitet. Ob die Gäste schon bemerkt hätten, wie wenig Müll auf den Straßen liege, fragt ein Mädchen. Zece Prăjini sei ein sauberes, ein ruhiges Dorf. Hier lebten nur friedliche Zigeuner, Ursari genauer, benannt nach den Bärenführern auf Jahrmärkten, die ihre Vorfahren einst waren. Die, die stehlen und sich prügeln: Das sind die anderen – fahrendes Volk.

Gegen 20 Uhr ist das Hofkonzert in vollem Gang. Ganz dunkel ist es geworden, nur ein paar Glühbirnen leuchten trüb. Die Frauen von Zece Prăjini trippeln die Hora, einen Ringelreihen. Und dann stehen da auf einmal die anderen, mitten im Hof. Die Männer riechen nach Schweiß, die golddurchwirkten Kopftücher der Frauen schimmern und ihre Goldzähne blitzen. Es sind Caldera, fahrende Kesselmacher, die für ein paar Tage ihre Zelte an der Hauptstraße aufgestellt haben.

Plötzlich liegt Spannung in der Luft. Die Dörflerinnen in Trainingsanzug und Strickjacke blicken ungehalten auf die farbenprächtige Konkurrenz. Der Missmut nimmt zu, als eine Touristin den ungeladenen Gästen einen Becher Wein bringt. In diesem Moment hakt der Berufsschullehrer den Sohn eines der Kesselmacher unter, stolpernd suchen sie einen gemeinsamen Rhythmus. Körper wirbeln, Beine fliegen – wie tanzende Derwische drehen sie sich im Kreis. Die Musiker ziehen amüsiert ihre Augenbrauen hoch, die Frauen halten sich vor Staunen die Hände vor den Mund. Dann ist, mit einem letzten Brummer aus der Tuba, die Musik zu Ende, und die fremden Besucher verschwinden im Dunkel, so lautlos, wie sie gekommen sind.