Rumänien Weltstars im Hinterhof

Tubas brummen, und Cymbalspieler lassen die Klöppel fliegen – in den rumänischen Dörfern spielen sich berühmte Romamusiker in den Rausch. Und manch einer klappt für den Gast sogar sein Sofa aus

Musiker der Band Taraf de Haidouks

Musiker der Band Taraf de Haidouks

Ein, zwei knarrige Probetöne aus der Tuba, ein paar tastende Klarinettenläufe – und unversehens donnert die Musik los: Von null auf hundert in die rumänische Nacht. Dumpf dröhnen die Tuben, warm leuchten die Baritonhörner, hell schmettern die Trompeten. Schnell, schneller, die Instrumente treiben sich zu immer wilderen Läufen an.

»Das ist die Musik, die wir lieben«, sagt der Mann von Adel. Der 79-Jährige, Curd Jürgens wie aus dem Gesicht geschnitten, sitzt mit stocksteifem Rücken auf einem Plastikstuhl im Hof eines unfertigen Neubaus. Ihm gegenüber stehen, in Lederjacke oder Pullover, die Musiker, an seiner Seite die zehn Mitreisenden, die gleich bei den ersten Takten aufgesprungen sind. Finger schnipsen, Schultern zucken, Füße wippen: Welchen Sog so eine rumänische Volksweise entwickeln kann!

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Zece Prăjini, im Osten Rumäniens nahe der moldawischen Grenze gelegen, ist berühmt für seine Musik. Aus dem Romadorf stammen die elf Mitglieder der Fanfare Ciocărlia, die seit 1997 mit zerbeulten Instrumenten die Konzertbühnen der Welt eroberte. Zwei der Fanfare-Musiker sind auch heute dabei, beim Auftaktkonzert einer ungewöhnlichen Rundreise: »Romamusik live« führt neun Tage lang in die Welt der Zigeuner, wie sie sich selbst nennen. Der Roma, wie sie von anderen genannt werden wollen, weil das Wort Zigeuner von fremden Mündern zu oft mit Verachtung ausgestoßen wird.

Der Besuch in Zece Prăjini hatte mit einem Rundgang begonnen. Über die Hauptstraße, die von neuen Ziegelbauten und ein paar alterskrummen Lehmhäuschen gesäumt ist, spaziert eine buntgemischte Truppe. Zwei ältere Schwestern mit Leicas und einem gewissen Hang zum Überschwang wieseln herum, knipsen rotznasige Kinder und den »schönsten jungen Mann der Welt«. Eine indische Musikwissenschaftlerin sorgt im Dorf für helles Entzücken. Sie stammt aus dem »alten Land«, aus dem die Roma vor vielen Jahrhunderten nach Europa aufgebrochen sind, hält sich für die »Inkarnation einer Roma« und spricht als Einzige aus der Gruppe einige Brocken Romanes. Neben einem pensionierten Berufsschullehrer im schlabbrigen T-Shirt, der zu Hause in Schwaben in einer Balkankapelle spielt, schlendert der Adelige im Sakko und betrachtet amüsiert das Geschehen. Er sagt, er sei mit dem Rumänienfieber infiziert, seit er vor 30 Jahren für Geschäfte hierherreiste.

Wer gut verdient, steckt den anderen auch mal etwas zu

Sie besuchten dieses Land fast jedes Jahr, sagen auch die Schwestern. So dauert es nur Minuten, bis Einheimische und Fremde sich näher kommen: Ein paar Frauen winken die Gäste in ihr Haus und sehen gespannt zu, wie sie die Kissenberge auf den Sofas mustern, die bunten Wandteppiche mit Tigern und Pfauen, das Bild vom »guten Hirten« Jesus und das angepinnte Foto des Ehemanns, der gerade, wie so viele, in Italien »in den Tomaten« arbeitet. Ob die Gäste schon bemerkt hätten, wie wenig Müll auf den Straßen liege, fragt ein Mädchen. Zece Prăjini sei ein sauberes, ein ruhiges Dorf. Hier lebten nur friedliche Zigeuner, Ursari genauer, benannt nach den Bärenführern auf Jahrmärkten, die ihre Vorfahren einst waren. Die, die stehlen und sich prügeln: Das sind die anderen – fahrendes Volk.

Gegen 20 Uhr ist das Hofkonzert in vollem Gang. Ganz dunkel ist es geworden, nur ein paar Glühbirnen leuchten trüb. Die Frauen von Zece Prăjini trippeln die Hora, einen Ringelreihen. Und dann stehen da auf einmal die anderen, mitten im Hof. Die Männer riechen nach Schweiß, die golddurchwirkten Kopftücher der Frauen schimmern und ihre Goldzähne blitzen. Es sind Caldera, fahrende Kesselmacher, die für ein paar Tage ihre Zelte an der Hauptstraße aufgestellt haben.

Plötzlich liegt Spannung in der Luft. Die Dörflerinnen in Trainingsanzug und Strickjacke blicken ungehalten auf die farbenprächtige Konkurrenz. Der Missmut nimmt zu, als eine Touristin den ungeladenen Gästen einen Becher Wein bringt. In diesem Moment hakt der Berufsschullehrer den Sohn eines der Kesselmacher unter, stolpernd suchen sie einen gemeinsamen Rhythmus. Körper wirbeln, Beine fliegen – wie tanzende Derwische drehen sie sich im Kreis. Die Musiker ziehen amüsiert ihre Augenbrauen hoch, die Frauen halten sich vor Staunen die Hände vor den Mund. Dann ist, mit einem letzten Brummer aus der Tuba, die Musik zu Ende, und die fremden Besucher verschwinden im Dunkel, so lautlos, wie sie gekommen sind.

Die Nacht verbringen die Gäste in den Häusern der Musiker, ein Hotel gibt es im Dorf nicht. Gisneaca Ursu, der 42-jährige Percussionist der Fanfare, nimmt fünf der elf Gäste auf. Mariana, seine Frau, mollig und liebenswert, führt sie durch den Bungalow. In einer Schrankwand erinnern eine chinesische Vase, ein Plastik-Weinfässchen aus Italien und ein Hologramm des Opernhauses von Sydney an die Tourneen des Hausherrn. Die Gäste sind in den Zimmern der drei erwachsenen Söhne einquartiert. Mariana klappt die Sofas aus und bezieht die Betten, Gisneaca zeigt das Badezimmer: Stolz dreht er den Hahn auf – »es gibt fließendes Wasser, kalt und warm«. La buda, das Plumpsklo, steht im Garten.

»Natürlich sind manche Nachbarn neidisch«, sagt Gisneaca, als die Besucher eine halbe Stunde später auf der Veranda bei Hähnchenschnitzel mit Kartoffelbrei zusammensitzen. Fast jeder Mann hier spielt ein Instrument. »Söhne lernen das von ihren Vätern, seit Generationen schon.« Doch nur die Mitglieder der Fanfare, die deutsche Konzertveranstalter einst aus den besten Musikern des Dorfes auswählten, brachten es zu einem gewissen Wohlstand. »Wer gut verdient, steckt den anderen etwas zu, wenn es bei ihnen knapp wird«, sagt Gisneaca. Auch das nagelneue orthodoxe Kirchlein hat die Fanfare spendiert.

Während der 400 Kilometer langen Fahrt zum nächsten Spielort zieht hinter dem Busfenster ein bäuerliches Rumänien vorbei. Rot prunken die Äpfel an den Bäumen, verwilderte Weinberge wechseln mit Hopfenplantagen. In den Dörfern mit den sonnenrissigen braunen Holzhäusern und den schnatternden Gänseherden lassen gebeugte Frauen den Tag verstreichen. In Bratei in Transsilvanien macht der Bus einen Zwischenstopp. Schimmernde Kupferkannen baumeln an Gestellen neben der Straße. In einer Hütte hämmern Schmiede mit mächtigen Bärten und Bäuchen auf Metallplatten ein. Ein bisschen feilschen, ein Milchtöpfchen für umgerechnet 20 Euro erstehen und weiterfahren – so läuft ein Touristenbesuch üblicherweise ab. Nicht bei den Romaphilen. Die wollen hinein ins Dorf. Und finden sich in einem Betonschloss mit Türmchen und Giebelchen wieder. Dort sind erst zwei Räume eingerichtet. Im Schlafzimmer kleiden gleich fünf Roma-Frauen die Besucherinnen in immer neue Kopftücher und Schürzen. Dass sie am Ende doch nichts kaufen, ist zwar unendlich schade; aber Hauptsache, man hatte seinen Spaß.

Das Wohnzimmer ist mit einer neongrünen Decke aus Tropfbeton versehen. Der junge Hausherr lässt sich stolz darunter ablichten und fragt beim Hinausgehen an, ob man sich nicht mit einer Spende am Ausbau des Schlosses beteiligen wolle. Die Besucher danken anders: Der Mann von Adel und die Schwestern stellen sich auf die Straße und singen Nikolaus Lenaus Lied von den drei Zigeunern: »Dreifach haben sie mir gezeigt, wenn das Leben uns nachtet, wie mans verraucht, verschläft, vergeigt und es dreimal verachtet.« Mehr davon, verlangen die Roma-Frauen und klatschen.

In der Abenddämmerung erreicht der Bus Mediaş, eine Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern im Herzen Rumäniens. Hier sollen die Gäste ungarisch beeinflusste Lăutarimusik kennenlernen. Das Konzert findet in einer Pizzeria statt. Fünf Männer in akkurat gebügelten weißen Hemden haben sich mit ihrer Verstärkeranlage hinter einer kleinen Tanzfläche aufgebaut. Der Geiger trägt eine schwarze Samthose mit silberner Gürtelschnalle und ein goldenes Kreuz im offenen Kragen. Er sägt und schrammt und fräst sich ungerührt durch die Stücke. Dann stehen sechs halbwüchsige Jungs und Mädchen vom Tisch auf und geben Schuhplattlereinlagen, die jeden Tiroler erbleichen ließen. »Eine Touristenvorführung«, tadelt der schwäbische Lehrer.

Umso höher sind die Erwartungen an das Konzert in Clejani. Der kleine Ort liegt mitten in der Walachei und wird überwiegend von Rumänen bewohnt. Nur in zwei Straßen leben Roma. Sie sind durch eine unsichtbare Grenze vom übrigen Dorf getrennt. Die Roma-Kinder bleiben an ihr stehen. Aus einer der beiden Straßen, der Strada Lăutarilor, kommt die zweite Roma-Gruppe mit Weltgeltung, die Taraf de Haidouks.

Zwischen vielen baufälligen Häusern fällt ein Neubau auf. Auf seiner Betonterrasse haben sich Musiker versammelt. Die Gäste setzen sich an Tische und lauschen gebannt: Der Cymbalspieler lässt die Klöppel fliegen, der Bassist zupft sich in Schweißbäder. Ein 75-Jähriger singt mit hoher Stimme und dem schwermütigen Charme des Immer-noch-Verführers, begleitet von einem virtuosen Geiger und einem entfesselten Akkordeonisten. Schmerzlich und ausgelassen zugleich klingen die Balladen. Was immer die Texte besagen mögen, Stolz auf eine strahlende Braut oder Trauer um ein totes Kind, im Grunde variieren sie alle bloß die eine große Klage: in eine Welt geworfen zu sein, in der es nur eine Heimat gibt – die eigenen Leute.

Sie kommen als Musiker und gehen als Zigeuner, sagt der Reisebegleiter

Obwohl die Roma seit Jahrhunderten in Rumänien leben, sind sie nie Teil der Gesellschaft geworden. Zwar ist nach einer aktuellen Umfrage die Toleranz der Bürger ein wenig gestiegen: Jetzt sind noch 20,8 Prozent dagegen, dass Roma in Rumänien leben, statt der 28,3 Prozent vor sieben Jahren. Aber einen Rom oder eine Romni in die Familie einheiraten lassen? Davon halten zwei Drittel aller Rumänen nach wie vor nichts. Wirklich beliebt sind die Roma nur als Spielleute auf Festen. »Und auch da gilt oft: Sie kommen als Musiker und gehen als Zigeuner«, sagt der Reisebegleiter Helmut Neumann, der das Land seit vielen Jahren kennt.

Am heutigen Abend aber sind es die eigenen Leute, die für Unmut sorgen. Frauen aus der Nachbarstraße stehen schimpfend hinter dem Zaun. Die Inderin, stellt sich heraus, hat Geld verteilt. Jetzt fordern die Leerausgegangenen ihren Anteil. Die Hausherrin hält dagegen. Beschimpfungen fliegen hin und her, und während die Gäste sich ratlos ansehen, bricht offenbar vieles auf: Neid auf den wohlgedeckten Tisch und auf den erfolgreichen Nachbarn. Fragend sehen die Besucher sich an, ratlos nach der Erfahrung einer Fremdheit, die nicht einfach wegzulächeln ist.

Helmut Neumann weigert sich, die Flüche zu übersetzen. »Auf Deutsch klingt alles viel zu dramatisch. Streit flackert hier öfter mal auf, und kurze Zeit später ist alles vergessen.« Tatsächlich ist der Wutausbruch nach wenigen Minuten vorbei. Der Bassist verstaut sein Instrument auf dem Dach des winzigen Dacia und braust nach Hause ins Nachbardorf. Der Akkordeonist und der Geiger treten vor die Tische und überbieten sich mit immer rasanteren Soli.

Am nächsten Tag geht es nach Bukarest, in die musikalische Gegenwart. In einer Diskothek wird Manele-Musik gespielt, der allgegenwärtige Klangteppich des Balkans. Um die Umstellung zu erleichtern, verteilt der Reiseleiter Ohropax. Schwester eins hat die Speicherkarte voll, Schwester zwei will noch eine Rotmähnige mit einem Top aus Goldlamé erwischen. Der Berufsschullehrer gönnt sich eine letzte Sause, die Inderin erklärt noch einmal die Sache mit dem Offbeat, der bei Romamusik so unwiderstehlich zum Tanzen zwingt. Und der Mann von Adel mahnt, auf »das Janitscharische in dieser Musik« zu achten: »Die türkischen Militärkapellen, hört ihr sie nicht?«

So endet um drei Uhr morgens eine Reise, die alle, die sie machten, in Erinnerung behalten werden. »Alle!«, bekräftigt Schwester eins. »Und zwar ein Leben lang!«

Rumänien

Veranstalter: Die geführte Rundreise »Romamusik live« dauert neun Tage und kostet pro Person 1190 Euro inklusive Übernachtung im Doppelzimmer und Halbpension. Nächster Termin: September 2010, weitere Termine auf Anfrage möglich. Information und Buchungen über transilvania. aktiv- und kulturreisen, Fleetstraße 26, 28219 Bremen, Tel. 0421/3804460, www.transilvania-aktiv.de

Musik: Über Konzerte und CDs der Band Fanfare Ciocărlia informiert die Webside www.asphalt-tango.de/fanfare/artist.html

Die Tourdaten der Band Taraf de Haidouks erfährt man unter www.divanoprod.com

Auskunft: Rumänisches Touristenamt, Tel. 030/2419041, www.rumaenien-tourismus.de

 
Leser-Kommentare
  1. Auch wer nicht auf organisierter Musikreise unterwegs ist, kann in Rumänien Entdeckungen machen, im Bauernland am Kartpatenbogen, wo Rumänen, Ungarn, Sachsen (die deutschstämmigen Siebenbürger) und Roma
    auf Tuchfühlung leben. Die größten Romaburgen mit ihren bizarren "Pagoden"dächern habe ich in Hermannstadt/Sibiu gesehen. Die eine gehört dem Roma-Kaiser, die andere dem -König. Auch die Sachsen haben ihre Burgen. Die mittelaterlichen Wehrkirchen mit Tor, Turm und Mauerring stehen in fast jedem Dorf. Wer mehr erfahren möchte, lese den Blog: "Stille Tage in Siebenbürgen" auf meiner Homepage www.edithwerner.com

  2. So sind die Musiker aus Zece Prajini die Stars einer wachsenden Fan-Gemeinde und das Weltweit. Die Musik ohne Noten ist ein neuer Stil der traditionellen Tanzmusik mit orientalischem Einflüssen. Bei Hochzeiten oder Familienfeiern als auch bei Erntefesten zu Spielen ist nach wie vor eine eine gern nachgegangene Beschäftigung nach einer Tournee. http://www.romamusik.blog...

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