Schwer zu sagen, wo Markus Ulbig seine Gedanken verloren hat. Irgendwo im Dienstwagen unterwegs auf der Bundesstraße 172 muss es wohl gewesen sein, irgendwo zwischen Dresden und Pirna. Ulbig kommt an einem Abend der vergangenen Woche vom Landesamt für Verfassungsschutz. Dort haben ihm die Beamten erklärt, wie ihr Alltag aussieht, wie sie arbeiten, seit wenigen Wochen ist es seine Behörde. Eine seiner insgesamt 26 Behörden. Später dann steht der Minister in Pirna vor dem Rathaus, das jahrelang seines war. Ulbig wirkt müde.

Er hat an dem Abend noch etwas mit dem Komiker Tom Pauls zu regeln, der am Marktplatz mit öffentlichem Geld eine Privatbühne eröffnen will; es ist beider Projekt. Und für einen Augenblick liefert Ulbig selbst eine komische Vorstellung ab. Auf der Suche nach einem geöffneten Café, wo er kurz einkehren will, läuft er wie verloren durch die Altstadt, wo er doch eigentlich jeden Erker, jeden Laternenmast, jedes Schaufenster kennt. Es sieht so aus, als seien seine Gedanken zwischen sächsischem Verfassungsschutz und Pirnaer Kleinkunstbühne, zwischen dem neuen und dem alten Amt irgendwo auf der Strecke geblieben.

Seit Ende September, als die schwarz-gelbe Koalition in Sachsen die Regierungsgeschäfte übernahm, ist Markus Ulbig (CDU), Sohn eines Maurers, neuer Staatsminister des Innern. Ein schmaler, jungenhafter Mann, 1964 in Zinnwald geboren, einer, der lieblich sächselt. Er selbst beteuert, er habe mit der Berufung nicht gerechnet. In der 40.000-Einwohner-Stadt Pirna jedoch, wo der gelernte Fernsehmechaniker von 2001 an und zuletzt mit gut 65 Prozent Zustimmung auf dem Chefsessel saß, wurde schon länger die politische Scherzfrage kolportiert: »Warum schläft der Oberbürgermeister stets bei offenem Fenster? Damit er den Ruf aus Dresden nicht überhört.«

Der Ruf erging. Zu früh, sagen die Wohlmeinenden unter den Kritikern. Eine Fehlbesetzung, weil ohne landespolitische Erfahrung und ohne juristische Ausbildung, wittern manche in der Opposition. Noch wird dies alles nicht öffentlich geäußert, denn der politische Comment gebietet 100 Tage Schonfrist. Doch außer dem bemerkenswerten Ehrgeiz gibt es etwas, das alle dem neuen Mann im Kabinett bescheinigen: Er habe das Profil, um sich im Kampf gegen Rechtsextremismus in Sachsen zu bewähren.

Dieser Kampf hat den 45-jährigen Katholiken weit über seine Stadt hinaus bekannt gemacht. Mehr noch sogar als jene spektakuläre Aktion während des Jahrhunderthochwassers im August 2002. Da bestieg Ulbig einen Kahn und gondelte damit um das Rathaus herum. Die Fotos eines verzweifelt dreinblickenden Stadtoberhaupts in der verwüsteten Innenstadt gingen um die Welt und lösten Mitleid aus. Danach ergoss sich über Pirna eine Spendenflut.

Ulbig war gerade erst Stadtoberhaupt geworden, als 2001 die militante Kameradschaft »Skinheads Sächsische Schweiz« aufflog und verboten wurde. Damals, erinnert er sich, seien ständig Journalisten nach Pirna gefahren, hätten am Marktplatz angehalten und den jungen OB gefragt: Was tun Sie gegen Rechtsextremismus? Ulbig suchte nach Antworten. Als einer der ersten CDU-Bürgermeister weit und breit sprach er die Probleme mit den Neonazis offen und laut an. »Das war damals überhaupt nicht schick«, erinnert er sich. »Entweder es hieß: Gibt’s nichts Wichtigeres? Oder: Wir sind doch Touristenregion! Es war ein Irrsinn anzunehmen, dass sich so ein Problem unter den Teppich kehren lässt.«