Marbach
Schillers verlorene Ehre
Eine ärgerliche Enttäuschung: Nach dreijähriger Renovierung ist das Schiller-Nationalmuseum in Marbach mit Pomp wiedereröffnet worden. Die neu konzipierte Ausstellung vermeidet jede Deutung und jeden Anflug von Stolz auf die deutsche Geistesgeschichte
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Großer Andrang bei der Eröffnung des Schiller-Museums
Es geht um Grundsätzliches. Wozu sich überhaupt noch mit deutscher Klassik, mit Goethe und Schiller beschäftigen? Wozu mit Mäzenatentum und Steuergeldern zeit- und kostenaufwendig das Schiller-Nationalmuseum in Marbach renovieren, die Ausstellung neu aufbereiten, wie es gerade geschah? Für die letzten Bildungsbürger, denen die Lektüre des Faust und Schillers Glocke noch wohliges Vergnügen bereitet? Zur Beförderung zweckfreier Lust von Doktoranden an ihrer Forschung? Doch vor allem, möchte man meinen, weil im 18. Jahrhundert qua Literatur der Grundstein gelegt wurde für die menschenfreundlicheren Züge deutscher Geschichte, die auch noch heute nicht nur Philologen etwas angeht. Weil genau das, was in den Sonntagsreden zum Mauerfalljubiläum gepredigt wird, damals seinen Ursprung hatte: ein sich von den Ketten staatlicher Obrigkeit befreiendes Bürgertum, ein Gemeinschaftsgefühl unter dem Primat der Gleichheit und Freiheit, zelebrierte Brüder-, Schwesterlichkeit, Freundschaft. Das sind so die hehren Großbegriffe, die, obgleich nicht zuletzt in nationalistischer Hinsicht vielfach missbraucht, durchaus Zutreffendes umreißen.
Man hatte, vordergründig naheliegend, den Klassikern vorgeworfen, zur Entpolitisiertheit des Bildungsbürgertums beigetragen zu haben. Schillers Antwort auf die Französische Revolution war bekanntermaßen die »ästhetische Erziehung des Menschen« gewesen. Der Terror der Revolutionäre, Tumulte und eilig gezimmerte Guillotinen zeigten ihm »nicht freie Menschen, die der Staat unterdrückt hatte, nein, es waren bloß wilde Tiere, die er an heilsame Ketten legte«.
Der Augenblick der Freiheit, so Schiller, traf den Menschen unvorbereitet, ihn gilt es, durch Kunst, durch Spiel zunächst zu veredeln. Erst der Homo ludens, vom Diktat der Nützlichkeit befreit, für Schönheit empfänglich, wird eines Tages für die Freiheit sittlich gerüstet sein. Die heranbrechende Moderne dagegen, die Schiller missmutig erblickt, ist eine der Arbeitsteilung, der Technik, der Wissenschaft, geprägt von Spezialistentum und »Maschinenwesen«. Der Mensch, der Arbeit von Genuss säuberlich abtrennt, die Anstrengung von der Belohnung, ist nur noch »Abdruck seines Geschäfts«. Der verstümmelte Mensch, der sich ihm in der Französischen Revolution offenbart, instrumentalisiert die Vernunft und etabliert seine Schreckensherrschaft.
Die in scheinbar weite Ferne entrückte politische Reife verbarg nur notdürftig, dass sich in Deutschland sehr wohl eine, wenngleich unblutige Revolution ereignet hatte. Sie lässt sich nicht in Jahreszahlen von Großereignissen angeben, sie verläuft mentalitätsgeschichtlich. Die Literatur nahm eine Nation vorweg, die es nicht gab. Bücher, nunmehr massenweise produziert, vereinten die durch schlammige Straßen getrennten Leser zu einer imaginären Gemeinschaft. Im Theater fanden die Stände, sich ihrer Herkunft emanzipierend, dann auch tatsächlich zueinander, hier erblickten sie einen Adligen, den eine bürgerliche Musikertochter entflammt (Kabale und Liebe), den Freiheitskampf der Schweizer (Wilhelm Tell), eine schottische Königin, die, innerlich geläutert, sich ihrer Hinrichtung fügt (Maria Stuart).
Innerhalb weniger Jahrzehnte schloss Deutschland an die Weltliteratur an
Die sich etablierende bürgerliche Gesellschaft hatte im Theater ihre »moralische Anstalt« gefunden, der Zuschauer sollte noch in den hässlichsten Intrigen der dargestellten Potentaten allgemein menschliche Züge erblicken. Die faktische Politik wurde damit von einer als universal gedachten Moral, die man auf der Bühne verhandelte, abgetrennt. »Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an«, so Schiller, »wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt.« Diese Entgegensetzung von moralischer Kunst und hässlicher Politik wirkte indirekt durchaus emanzipatorisch. Die Sittlichkeit, die man dem Privatleben eines jeden Einzelnen anempfahl, stellte umso heller die scheinbare Unmoral des von allerlei realpolitischen Zwängen bedrängten Herrschers heraus. Ausgerechnet die unpolitische Gesinnung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrem Fetisch der Moral provozierte somit die Kritik an aristokratischer Staatsräson – wenngleich eine demokratische Verfassung noch lange auf sich warten ließ in diesem rückständigen deutschen Gebilde unzähliger Provinzen, das keine Großstadt hatte, kein intellektuelles Zentrum, dessen Wirtschaft unterentwickelt war, das aber innerhalb weniger Jahrzehnte Anschluss an die Weltliteratur gefunden hatte. Schiller sprach optimistisch von einer Kulturnation.
Man muss an diesen glühenden Kern deutscher Geistesgeschichte derart umständlich erinnern, weil die Ausstellung und das Museum, die es hier zu besprechen gilt, diesen nicht im Ansatz freilegen. Drei Jahre lang hatte man in Schillers Geburtsort Marbach das 1903 in historistischem Jugendstil erbaute und zwischenzeitlich arg heruntergekommene Schloss, das das Schiller-Nationalmuseum beherbergt, saniert. Mitgewirkt an dem Projekt haben unter anderem Ulrich Raulff, der Direktor des Literaturarchivs, Heike Gfrereis, die Museumsleiterin, und die Architekten des Büros David Chipperfield. Nun kann es gemeinsam mit dem benachbarten Literaturmuseum der Moderne wieder als einer der wichtigsten Erinnerungsorte deutscher Literaturgeschichte entdeckt werden.
Über eine fein geschwungene Treppe gelangt man sogleich ins Herzstück des Museums, in den einst mit Bildern und allerlei Exponaten bestückten Schillersaal, der nunmehr nahezu leer geräumt ist. Durch hohe Fenster erblickt man die heitere Weite der schwäbischen Landschaft. In der Mitte steht eine Vitrine auf Rollen, damit man sie, falls Veranstaltungen stattfinden, rasch wieder entfernen kann. Sie beherbergt Schillers kleine Bettklingel, die, so die Museumsleiterin, das eherne Lied der Glocke ironisch zu brechen vermag. Besser ist auch gar nicht auf den Punkt zu bringen, welchem Diktat die Neukonzeption der Ausstellung unterliegt: dem der Pathosvermeidung, die mit einem beinahe mutig zu nennenden Verzicht auf jedwede Didaktik einhergeht.
- Datum 13.11.2009 - 09:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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Grazie, Sie haben mir etwas aufgeschlossen, und mit Gewinn. Erlauben Sie mir dazu bitte eine Meinung: Ihr Beitrag umgeht nicht das Problem sondern steuert mit guten Fragen darauf zu, um Wesentliches zu erfassen. Darum ist dieser für mich ein lesenswerter Artikel. Bitte weiter so ..
Um sich Schiller in dieser bezaubernden Ausstellung mit Gewinn zu nähern, braucht man weder Bildungsbürger noch Experte zu sein. Das Museum ist ein Geschenk an die Menschen, die gerne lesen. Und diese gibt es- dem Kulturpessimismus der „Zeit“ zum Trotz! Sofern man bereit ist, sich auf die ausgestellten Schriften einzulassen, erfährt man nebenbei auch die biografischen Stichpunkte (die ich zur Allgemeinbildung zählen würde), die Soboczynski aber in Form von Infotafeln vermisst. Er selbst benötigt diese Hilfestellung als Experte selbstverständlich nicht, seine Sorge gilt hier dem literarisch Unkundigen. Dieser wäre mit der Lektüre eines Gedichts oder einer Erzählung als Einstieg vermutlich besser beraten, welche durch die Besichtigung von Schillers Geburtshaus sinnvoll ergänzt werden könnte. Im Kontrast zu dem Ehrfurcht erheischenden Steindenkmal auf der Schillerhöhe, werden im Innern des Nationalmuseums vielschichtige Bilder des Dichters gezeichnet. Da wird der Besucher Zeuge des sensiblen und teils zerbrechlich wirkenden Dichters, der seinem Freund berührende Gedanken anvertraut. All diese Spuren lassen sich in der Ausstellung problemlos mit den Büchern aus Schillers Bibliothek verknüpfen. Auch wenn der Laie nicht so schöne Worte für die Bedeutung des Dichters zu finden vermag wie Soboczynski, erschließt sich ihm dennoch, dass sich Schiller mit sehr bedeutsamen und richtungsweisenden Fragestellungen befasst hat. Autoren wie Kant oder Motive wie „Freiheit“ bezeugen dies.
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