Damit hat Thorsten Frahm nicht gerechnet: Gerade noch hat er seine Laudatio abgelesen, den Innovationsstandort Deutschland gelobt und Michael Braungart sowie seiner Firma Epea Umweltforschung den Preis für einen "Ort im Land der Ideen" überreicht. Und jetzt steht sein frisch gelobter Laureat Braungart auf der Bühne und zieht über den angeblich innovationsfreundlichen Standort her: "Deutschland ist vielleicht das Land der Ideen, für deren Umsetzung passiert aber nichts!"

Frahm bemüht sich, ein Lächeln aufzusetzen. Der Mitarbeiter der Deutschen Bank ist nur deshalb Laudator, weil sein Unternehmen die Initiative "365 Orte im Land der Ideen" mitträgt. Hätte er mehr über Braungart gewusst, als auf seinem Zettel stand, hätte ihn der Auftritt des Preisträgers kaum gewundert.  

Man versucht, weniger schlecht zu sein, weniger schlecht ist aber noch lange nicht gut!
Michael Braungart, Chemiker

Denn sein Heimatland kommt selten gut weg bei Michael Braungart. Der 51-jährige Chemiker und Umweltvisionär nutzt jede Gelegenheit, sich darüber auszulassen, wie viel in Sachen Umweltschutz in Deutschland falsch läuft. "Hier herrscht ein Ökologismus! So wie der Sozialismus nie sozial war, werden hier nur Scheinlösungen umgesetzt." Deutschland und die EU erweckten mit ihren kleinteiligen Regulierungen und Grenzwerten zwar den Eindruck, etwas für den Umweltschutz zu tun. In Wirklichkeit optimierten sie nur falsche Systeme.

Braungart dagegen will das System richtig umbauen. Seine Idee: Produkte sollten am Ende ihres Lebens nicht mühsam entsorgt, aufbereitet oder verbrannt werden, sondern so konzipiert sein, dass sie sich mühelos in anderer Form weiterverwenden lassen. "Cradle to Cradle", von der Wiege zur Wiege, so nennt er dieses Konzept, das er zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough vor acht Jahren entwickelt hat.

Schon bei der Geburt eines Produktes sollte dessen zweites Leben eingeplant sein. Nehmen wir beispielsweise Verbrauchsgüter wie Schuhsohlen, Bremsbeläge und Verpackungen: Sie nutzen sich ab und gehen kaputt. Das macht sie aber nicht automatisch reif für die Müllentsorgung, sie könnten auch als Nährstoffe in einem biologischen Kreislauf dienen – vorausgesetzt, sie sind so konzipiert, dass sie organisch und ohne umweltschädliche Rückstände abgebaut werden.

Ähnlich revolutionäre Ideen hat der Chemiker für den Umgang mit Gebrauchsgütern parat: Wie wäre es, wenn wir Fernseher, Möbel oder Teppiche nicht kaufen und nach Gebrauch wegwerfen, sondern sie von den Herstellern nur für eine bestimmte Betriebszeit leihen? Danach könnten sie zurückgegeben und von diesen fachgerecht auseinandergenommen werden; die verwendeten Rohstoffe oder ganze Bauteile könnten wieder in den technischen Kreislauf eingespeist werden und blieben in einem ewigen Fluss.

"Müll ist Nahrung", lautet Braungarts Credo. Sein Cradle-to-Cradle-Konzept (kurz C2C genannt) sei damit etwas völlig anderes als die Kultur des Verzichts, die man in Deutschland so gerne predige. Die ständigen Appelle, den ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, führten nur zu einem schlechten Gewissen. "Man versucht, weniger schlecht zu sein, weniger schlecht ist aber noch lange nicht gut!" Deshalb müsse man von Grund auf anders an die Müllproblematik herangehen.

"Hierzulande werden Dinge recycelt, die nie dafür gemacht wurden", kritisiert der Chemiker. Beim viel gelobten Papierrecycling etwa entstünden riesige Mengen giftiger Papierschlämme, die verbrannt werden müssten. Im Schlamm sammelten sich Schwermetalle aus Druckfarben, Weichmacher und Bleichmittel. Auch Recyclingtoilettenpapier belaste das Abwasser mit Schwermetallen.