Film Festival Wie ich Mormone wurdeSeite 2/2
Wir plaudern über dieses und jenes, schenken uns das ein oder andere Lächeln; und dann bitte ich Jane um einen Kommentar über den Artikel in der Times. Ich muss ja schließlich irgendwas fragen. Auf einen Schlag wird die Stimmung im Raum hitzig, die Lautstärke steigt, scharfe Anschuldigungen fliegen umher. Die Assistentinnen gehen auf mich los, als sei ich ein gefährlicher Terrorist. »Die New York Times veröffentlichte letzte Woche einen Artikel von Larry Rohter, falls Sie sich auf den beziehen, in welchem das NICHT stand«, sagt eine Assistentin. »Es stimmt nicht, und es wurde nie geäußert!« Ruhig frage ich Jane erneut, ob sie bereit sei, einen Kommentar abzugeben. Nein, ist sie nicht. Sofern ich nicht das Zitat rausnähme, welches »nicht existiert«, würde es keinen Kommentar geben.
Diese Art von Ausbruch hatte ich nicht erwartet. Ich dachte, sie würde etwas Nettes sagen in der Art von »Wir lieben alle Menschen«, und das wäre es dann gewesen. Aber diese nervöse Reaktion macht mich überaus argwöhnisch. Was verbirgt das TFF? Ich maile ihnen den Link zur Webseite der Times, welche die von mir erwähnten Zeilen Wort für Wort enthält. Neurotische Mails strömen auf mich ein, aber Jane spricht nicht. Ich weiß, hier ist etwas faul. Aber was? Haben Jane und das TFF ihre Seelen an Dohas gut gefüllte Taschen verkauft? Vielleicht sollte ich tatsächlich ein Mormone werden. Ich meine ernsthaft. Ich schlafe einmal drüber und nehme nach dem Aufstehen ein traumhaftes Frühstück im Hotel ein. Ich plaudere mit einem ägyptischen Küchenangestellten und frage ihn, ob er dieses köstliche Essen jeden Tag esse. Nein, tut er nicht. »Wir bekommen anderes Essen«, sagt er, »nicht wie Ihres. Ihres ist gut.« Er verdiene hier sehr wenig Geld, sagt er, aber er sei nicht neidisch auf die Reichen von Katar. »Seitdem ich hier bin«, sagt er zu mir, »bin ich sehr stolz auf meine ägyptische Kultur geworden.« Wäre nett gewesen, wenn das TFF diesen Mann zu seinem Obersten gemacht hätte. Was für ein Verlust.
Aber es gibt auch Gewinner. Am letzten Tag des DTFF stehen Jane Rosenthal und Robert De Niro auf der Bühne, um Najaw Najjar den Publikumspreis für den besten arabischen Film zu verleihen. Najaw dankt wie bei einer Oscar-Zeremonie allen und jedem und verleiht ihrem Wunsch Ausdruck, dass man sich in einem befreiten Palästina wiedertreffen möge. Das Publikum bricht in Applaus aus. Ich war vorher schon mal in diesem Teil der Welt und weiß, was »Groß-Israel« oder »Befreites Palästina« bedeuten: zwei Optionen, die endlosen Terror nach sich ziehen. Irgendein Kommentar vonseiten J.s & R.s? Nichts.
Morgen verlasse ich Katar. Soll ich meine neue amerikanische Identität übernehmen? Ich werfe einen letzten Blick auf Jane und Robert, die in die Kameras lächeln und entscheide: Nein.
Der Autor lebt in New York und ist dort Leiter des Jewish Theater
Aus dem Englischen von Christiane Behrend
- Datum 16.11.2009 - 12:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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das muss ich mir nochmal durchlesen.
Ganz grosses Kino!
Aber es wuerde mich auch interessieren, welche Filme auf Israelischen Festivals gezeigt werden =(
Danke für diesen brillianten Artikel. Sehr gut aufgepasst!
Dank für die Freilegung der Kompromisse von Menschen, die andere unfassbar kompromittieren. Und für den so schlicht schön geschriebenen Artikel.
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