Seine Beurteilung der aktuellen Zeitläufte ließe sich unschwer erahnen, der erhobene Zeigefinger inklusive. Wie Konrad Adenauers berühmter Ausspruch »Die Lage war noch nie so ernst« keine Legende ist, sondern in vielfältiger Variation beinahe zum Leitmotiv seiner Kanzlerschaft wurde, fiele gewiss auch sein Verdikt zur derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise aus: warnend, eindringlich warnend.

Aber fände er auch Gehör? Das ist durchaus möglich, trotz veränderter Umstände. Als 73-Jähriger mit formenden Erfahrungen im Preußischen Staatsrat und auf dem Posten des Kölner Oberbürgermeisters war Adenauer bereits als Patriarch ins Kanzleramt gelangt. Die Westdeutschen beeindruckte die respektheischende Patina, außerdem waren sie noch nicht völlig geheilt vom Glauben an die Obrigkeit. Heute hätte es der Greis im höchsten Regierungsamt schwerer, Autorität zu gewinnen. Sein bescheidener Wortschatz wäre der Mediengesellschaft nicht gewachsen, und selbst seine überaus robuste Natur müsste vor den Anstrengungen des mobilen Führens in der Ägide der Globalisierung wohl kapitulieren (aus dem Mittagsschläfchen zu Hause in Rhöndorf würde nichts).

Und doch… Beharrlichkeit unter Druck wäre ein Plus, Altersweisheit, gepaart mit List und Tücke, könnte Resonanz finden. Ein Kanzler muss keinen Heiligenschein tragen, er muss erfolgreich sein. Und das war Konrad Adenauer. Seine Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft wie um die Aufnahme und Verankerung Westdeutschlands in der atlantischen Welt zeugen von Geschmeidigkeit und Durchsetzungswillen; sein Ringen um Wiedergutmachung an den Juden beweist Einsicht und Einfühlungsvermögen; die umstrittene Gründung der Bundeswehr verlangte Mut.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Das alles sind Tugenden, die in der Politik nach wie vor gebraucht und doch häufig vermisst werden. Die heute womöglich komplizierteren Zeiten sind keine Entschuldigung. Auch vor dem Großvater der Republik lag nicht immer eine leichte Strecke. Er hat sie gemeistert mit bekennend einfachem Denken (vulgo für gesunder Menschenverstand) und blendenden Instinkten. Sein Misstrauen in die politische Reife des deutschen Volkes hat ihn häufig mit Vorsicht agieren lassen. »Keine Experimente« mag sich als Losung heutzutage wirklich nicht empfehlen, einleuchtend ist es dennoch. Weil »der Alte« überzeugt war, so zu denken und zu fühlen wie der Großteil der Deutschen, wusste er: Das Wahlvolk will von der Politik nicht überfordert werden. Und diese Einsicht gilt weiterhin (siehe zum Beispiel die Aufregung um die Agenda 2010).

So behutsam Adenauer mit den Wählerinnen und Wählern umging, so gnadenlos begegnete er oft genug den politischen Gegnern, den Sozialdemokraten zumal. Vor schändlichen Unterstellungen scheute er sich nicht, Boshaftigkeit gehörte zu seinem Repertoire. Im 17. Deutschen Bundestag fiele er zweifellos unangenehm auf. Das wäre für ihn wahrscheinlich kein Grund, in Sanftmut zu verfallen, denn den Kampf in der Politik fand er »schön, vor allem, wenn man Erfolg hat«. Und hatte er nicht recht? Härte im politischen Wettstreit kann durchaus für mehr Klarheit sorgen, sie muss ja nicht unbedingt in Infamie (»Brandt alias Frahm«) umschlagen.

Trotz seiner persönlichen Unebenheiten hat sich das Bild Konrad Adenauers längst verklärt. Er ist der beliebteste Deutsche. Dabei spielte es keine Rolle, dass er sich schon im fünften seiner 14 Amtsjahre nachweislich für unersetzbar hielt: »Mein Gott, was soll aus Deutschland werden, wenn ich nicht mehr bin.« Nun, es ist eine ganze Menge daraus geworden. Auch dank der Starthilfe des ersten Kanzlers der Bundesrepublik.

Weitere Informationen:
Wikipedia
Konrad Adenauer Stiftung