Hannah Arendt hat sich immer dagegen gewehrt, als Philosophin bezeichnet zu werden. Sie war stolz darauf, bloß Politische Theorie zu treiben. Das ist ungewöhnlich für jemanden, der in der Welt der deutschen Universität intellektuell groß geworden ist – in Marburg, Freiburg, Heidelberg. Aber in ihrer Bevorzugung des geringeren Begriffs liegt auch schon ein Grund dafür, warum wir sie heute mehr denn je brauchen: Hannah Arendt ist der ganz und gar unwahrscheinliche Fall einer deutschen Intellektuellen, welche die Liebe zur Politik lehrte. Und dies nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts – nach dem Totalitarismus (dem sie den Namen gab), nach der Judenverfolgung (vor der sie sich ins Exil rettete), nach dem Eichmann-Prozess (dessen Deuterin sie wurde).

Wie erstaunlich ist nach all dem die weltzugewandte Leidenschaft für das Politische, die Arendt nicht nur lehrte, sondern verkörperte. Sie hätte ja wahrlich Grund gehabt, an der Politik zu verzweifeln. Doch ihr Werk begründet die besondere Würde und Notwendigkeit des gemeinsamen Handelns in der und für die Öffentlichkeit.

Was mich an ihr vor allem fasziniert, sind ihre geistige Unabhängigkeit und Unerschrockenheit. Sie hat sich nie bange machen lassen: Sie hat es sich nicht nehmen lassen, im Begriff des Totalitären die Regime des Stalinismus und des Nationalsozialismus zu vergleichen – wodurch sie bei der Linken in Verruf kam, die bei aller Kritik am Stalinismus doch immer zögerte, die Gemeinsamkeiten von Stalin und Hitler ins Auge zu fassen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Ebenso wenig hat sie sich den Mund verbieten lassen, als ihr Buch über Eichmann in Jerusalem zum Ziel einer politischen Kampagne wurde. Sie hatte den Prozess gegen den Architekten der "Endlösung" beobachtet und war zu dem Schluss gekommen, dass der verschnupfte dünne Mann in dem Glaskasten des israelischen Gerichts nicht zu dem Dämonenbild passte, das man sich von seinesgleichen gemacht hatte. Das Böse trat nicht voller Sadismus, Brutalität und Hass vor das Auge der Reporterin, sondern in Form der "Gedankenlosigkeit": Adolf Eichmann war der Monstrosität der Konsequenzen seines eigenen Handelns beim "Verwaltungsmassenmord" des NS-Regimes nicht gewachsen. Arendts Beobachtungen zur "Banalität des Bösen" und ihre teils recht scharfen Bemerkungen zur Mitarbeit der "Judenräte" an der Erfassung der Opfer des Holocaust wurden zum Anlass einer Hasskampagne gegen sie. Ausgerechnet die frühe Zionistin Arendt wurde von der israelischen Rechten als Feindin Israels hingestellt. Sie hat sich davon nicht beirren lassen.

Es ist ein Wunder, dass diese Frau es unternahm, den Menschen von seinen Möglichkeiten her zu denken – nicht von seinen Grenzen oder gar seiner Sterblichkeit her wie ihr Lehrer und Geliebter Martin Heidegger. Wo dieser das Dasein als "Vorlauf zum Tode" begriff, dachte sie vom Beginn her, von der "Geburtlichkeit": Jeder Mensch ist ein neuer Anfang, begabt mit der Freiheit zum gemeinsamen Handeln.

Hannah Arendt hatte – nicht zuletzt durch die Beobachtung des politischen Sündenfalles ihrer großen Liebe Heidegger – einen starken Sinn für die "Tyrannophilie" der Intellektuellen. Sie hatte erleben müssen, wie hochintelligente Menschen sich die kompliziertesten Begründungen einfallen ließen, um links wie rechts der absoluten Macht zu huldigen. Unter den großen Denkern des letzten Jahrhunderts gehört sie zu den sehr wenigen, die davon frei blieben.

Ihre Antwort auf das politische Versagen der Intellektuellen war nicht die Flucht ins Un- oder Überpolitische – sondern, gerade im Gegenteil, der stets riskante Weg in die Öffentlichkeit, verstanden als den Möglichkeitsraum des politischen Handelns. In Zeiten wie diesen mit ihrer grassierenden Politikverachtung hat Hannah Arendt uns etwas zu sagen.

Weitere Informationen:
Hannah Arnedt Zentrum
Berlin Arendt Networking Group
Hannah Arendt Institut