Carl von Carlowitz (1645-1714), Edelmann und Ökologe © dpa

Wörter können sich leider nicht wehren, wenn ihnen im Mühlwerk politischer Auseinandersetzungen die Bedeutung allmählich abhandenkommt. »Nachhaltigkeit«: Kaum hatten sich die Vereinten Nationen beim »Erdgipfel« in Rio 1992 auf den Anspruch geeinigt, in den Grenzen des Wachstums und mit Rücksicht auf kommende Generationen zu wirtschaften, da wurde der Begriff auch schon verwässert, verbogen, verkürzt oder als Tensid fürs greenwashing missbraucht. Mittlerweile gelten selbst Atomkraftwerke als nachhaltig, deren Müll ewig strahlt. Klaus Töpfer, langjähriger Chef der UN-Umweltorganisation, sagte einmal mit bitterem Spott: Wem zu den globalen Krisen gar nichts mehr einfalle, der rede von Nachhaltigkeit.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Wenn es nur der Verschleiß des Begriffs wäre, doch er spiegelt die Unzulänglichkeit des Handelns. Dabei wird inmitten der eskalierenden Klima- und Hungerkrisen jeden Tag wichtiger, was sustainability auch bezeichnet: Umwelt, Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit zusammenzuführen. Anlass genug, jenem Mann unter die Augen zu treten, der das Konzept ursprünglich erdachte; sich an der Nachdenklichkeit und Strenge zu orientieren, mit der er auf alten Kupferstichen unter der Lockenpracht einer französischen Allongeperücke seinen Nachfahren im metallenen Brustpanzer entgegenblickt, prinzipienfest.

Kaum ein brasilianischer Sojaplantagen-Zertifizierer, indischer Klimaschützer oder selbst deutscher Nachhaltigkeitsabteilungsleiter hat den Namen des Edlen Hans Carl von Carlowitz je gehört, der 1645 als Spross einer uralten Ritterdynastie auf Burg Rabenstein bei Chemnitz geboren wurde und zu einem der wirkungsmächtigsten Beamten Kursachsens aufstieg.

Auch seinerzeit war es eine Energiekrise, die Besinnung beim Umgang mit der wichtigsten Ressource erzwang. In Sachsen lag eines der wichtigsten europäischen Montanreviere. Raubbau an den Wäldern des Erzgebirges drohte den Holznachschub zu ersticken, den man brauchte, um die Schmelzhütten zu befeuern, Erz und Silber aus den Minen zu holen. Diese Rohstoffe lieferten August dem Starken das wirtschaftliche Rückgrat, um seinen Griff nach Polens Krone, prunkvolle Bauprojekte und ein ausschweifendes höfisches Leben zu finanzieren. Carlowitz diente diesem Popstar unter den deutschen Königen kritisch, aber loyal als Vize-, später als Oberberghauptmann in Freiberg.

Nach seinem Studium in Jena war der Edelmann weit gereist, wie damals in seinen Kreisen üblich, um der Erziehung den letzten Schliff zu geben. Während der fünf Jahre währenden Grand Tour hatte er erlebt, dass auch im übrigen Europa »mehr Holtz abgetrieben worden, als in etzlichen Seculis erwachsen« war. Zugleich hatte er unterwegs Gegenmaßnahmen kennengelernt, wie sie beispielsweise in Frankreich der Reformer Jean Baptiste Colbert in strenge Verordnungen fasste. Die bedeutendsten Erkenntnisse seines Lebens aber erfuhr er vom Wald, die Familie besaß ja genug. 1713, ein Jahr vor seinem Tod, verfasste er sein forstwissenschaftliches Schlüssel- und Standardwerk: Sylvicultura oeconomica, oder h außwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht. Darin kritisierte er die Ausrichtung des Wirtschaftens auf kurzfristige Gewinne und legte dar, dass der Holzeinschlag gezielt beschränkt und der Wald wieder aufgeforstet werden müsse. In aller Anschaulichkeit schildert von Carlowitz, wie »der wilde Baum-Saamen zu sammeln, der Grund und Boden zum Säen zuzurichten, solche Saat zu bewerckstelligen, auch der junge Anflug und Wiederwachs zu beachten sei«.