Vorbilder, Vordenker, Visionäre Vorbild – das ist ein großes Wort

Und Dürer? Bach, Beethoven, Kant? Hegel, Heine, Wilhelm Busch? Wo ist Blum? Bismarck, Bebel, Stresemann? Ja, in der Tat, da fehlen doch ein paar ganz, ganz wichtige Namen auf unserer Liste, da fehlen etliche Namen! Und andere wiederum –Karl Valentin, Marlene Dietrich, Stan Libuda –, gehören die wirklich da drauf?

Doch. Genau so soll es sein. Denn unsere Auswahl ist keine Bestenliste mit knallhartem Ranking und kein marmorner Klassikerkanon, kein Katalog für die Welterbekommission der Unesco und kein Walhall der teutschen Helden und Meister. Sie ist inspiriert von der Frage, wen wir uns zurückwünschen, so wie sich Goethe im Gespräch mit Eckermann Lessing zurückwünschte: »Ein Mann wie Lessing thäte uns Noth!« Oder wie Hans Magnus Enzensberger einst sehnsuchtsvoll nach dem genialischen russischen Anarchisten Bakunin verlangte: »Kehr wieder, Bakunin, kehr wieder, kehr wieder!«

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Bewundernswert sind die Betenden Hände und die Vier Apostel, überwältigend ist die Matthäus-Passion – so überwältigend wie der Isenheimer Altar. Ein Klassiker bleibt die Kritik der reinen Vernunft und Weltliteratur der Romanzero, daran sei nicht gerührt und nicht geschüttelt.

Doch hier geht es nicht allein um das grandiose Lebenswerk. Sondern um die Frage: Was an diesem Menschen, seinem Leben, seinem Werk, bewegt uns über die Bewunderung der historischen, über den Genuss der künstlerischen Leistung hinaus? Welches Wort, welche Tat, welche Charaktereigenschaft, welche Kraft, welchen Kunstgriff, welche seiner Ideen haben wir heute nötiger denn je?

So wird unser Gesellschaftsspiel im Handumdrehen zur Gesellschaftsdiagnose: Was brauchen wir? Welche Ziele, Werte, Techniken und Tricks? Welche Eigenschaften brauchen Bürgerin und Bürger? Brauchen sie nicht viel mehr Witz als Ernst? Mehr Eigensinn als Ehrgeiz? Mehr Mut als Tapferkeit? Vielleicht auch mehr Talent zum Teilen als zum Haben, mehr Talent zum Zorn als zum stillen Bescheiden? Ja was, so blitzt die Frage auf, erhoffen wir uns denn in Zukunft von der Wissenschaft und von der Wirtschaft? Der Kunst? Und von der Politik?

Vorbild – das ist ein großes Wort. Das klingt ein bisschen nach Helden und Heilige, jener frommen Legendenkompilation, die einst in keinem katholischen Haushalt fehlen durfte. Oder nach dem bekannten Lexikon Demokratische Wege, in dem sich von Wendel Hippler, dem kühnen Bauernkanzler des Jahres 1525, bis zu den Widerstandskämpfern gegen die Diktaturen des 20. Jahrhunderts all jene finden, die zur Tradition unserer Republik gehören (und das selbstverständlich in keinem deutschen Haushalt fehlen darf!). Vorbilder … das klingt immer nach Heroisierung und Idealisierung, ja Idolisierung und Heiligsprechung. Jeder weiß, wie rasch dergleichen Verehrung, ob sie nun einem großen Denker oder ganz familiär dem Onkel Walter gilt, bei näherem Studium respektive wachsender Einsicht in die Dinge des Lebens zu bitterer Enttäuschung führt – »Das hätt ich nie von dem gedacht!«

Thema: 50 deutsche Vorbilder
Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen

So haben wir denn auch im Kreis der fünfzig ZEIT- Autoren nicht so sehr nach Vorbildern gefragt als nach »fünfzig Deutschen von gestern für die Welt von morgen«. Nach Menschen der Vergangenheit, die man nicht nur ihres Werks wegen, sondern auch als Charaktere verehrt. Oder um einer gewissen Eigenschaft, vielleicht sogar Schwäche willen. Die man eines bestimmten biografischen Moments oder einer besonderen avantgardistischen Idee wegen für sehr zeitgenössisch hält. Und vor allem für – wie lautet das kuriose Wort? – »zukunftsfähig«.

Die Diskussionen waren hitzig, die Antworten höchst subjektiv, wie könnte es anders sein. Doch wer wissen will, was wir von Karl Valentin lernen können oder von Emma Herwegh, von Robert Bosch oder Albert Einstein – über die gewiss höchst großartige Relativitätstheorie hinaus –, der lasse sich überraschen. Auch warum Maria Sibylla Merians Blick auf die Natur aktuell bleibt, ist zu erfahren, warum sich Carl von Carlowitz’ Idee von der Nachhaltigkeit als global lebensrettend erweisen wird, was Willy Brandt heutige Politiker lehren kann und heutige Journalisten Herbert Riehl-Heyse (dessen Kollegin Gräfin Dönhoff zu ihrem 100. Geburtstag die ZEIT in zwei Wochen noch eigens vorbildmäßig feiern wird). Zu den bekannten Gestalten kommen weniger bekannte, wie die geniale Mathematikerin Emmy Noether oder der Soziologe Adolph Lowe.

Fünfzig Huldigungen, Liebeserklärungen, Selbstbefragungen. Das Mosaik, das so entstanden ist, zeigt keinen Katalog aus dem historischen Persönlichkeitsbaumarkt, sondern ein lebendiges Bild der Gegenwart. Und der Wünsche an unsere Zukunft.

 
Leser-Kommentare
    • rabin
    • 12.11.2009 um 15:03 Uhr

    Wernn man die Kriterien liest,frage ich nur nach Robet Schumann.

    Vorweg, dieser Mensch hat Musik für die Ewigkeit geschaffen.

    Keine Frage.

    Aber als "Vorbild".

    Ein Mensch, der immer zerissen war, damit sich und seine Umwelt gequält hat. Der jede Menge Kinder hinterliess, um die er sich-natürlich nicht-gekümmert hat.

    Einer, der vielleicht durch seine Psyche gehindert war, mit Menschen angemessen uzmzugehen.

    Was nehme ich zum Vorbild ? Gegen Zweifel dem Alkohol zusprechen ?
    Mich, wenn ich mehr weiterweiß, in den Rhein stürzen ? Eione Frau mit sieben Kindern sitzen lassen ?

    Welches Vorbild soll mir Robert Schumann sein ?

  1. In meinem ausführlichen ZEIT online - Beitrag mit dem Titel "Ist OSKAR SCHINDLER kein deutsches Vorbild?" habe ich meine Verwunderung ausgedrückt. Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass im Hildesheimer Georg Olms Verlag (www.olms.de) demnächst die deutsche Übersetzung des sehr interessanten Buches von Prof. Skotnicki "OSKAR SCHINDLER in the eyes of Cracovian Jews rescued by him" (Krakau, 2008) erscheinen wird. OSKAR SCHINDLER ist also in Deutschland doch nicht ganz vergessen!

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM
    www.twitter.com/klmmetzger
    www.talker.co.il/klmmetzger

  2. Romy Schneider, September 1938 in Wien als Tochter der Österreicher Wolf Albach Retty und Magda Schneider geboren, wird auf Grund des Anschlusses Österreichs an Hitlerdeutschland ein halbes Jahr davor automatisch deutsche Staatsbürgerin, der kleine Wurm. Das ist schon wahr. Nur: sie knapp 70 Jahre später als "deutsches Vorbild" in Ihre Liste aufzunehmen, hat Filbingerhafte Logik: Was damals Recht war, kann heute nicht falsch sein. Ein für alle Mal: Romy ist Österreicherin und wer etwas anders behauptet, stellt heute geistig den Anschluss Österreichs noch mal nach.

    Schöne Grüße

    Walter Hönigsberger, Stuttgart/Wien

  3. 4. o wei

    Ich werde es wohl aller Voraussicht nach nicht zum Vorbild bringen. Ich bin weder aristokratischer, noch grossbuergerlicher, noch juedischer Abkunft.

  4. Carl von Ossietzky; Georg Elser

    • th
    • 16.11.2009 um 22:56 Uhr

    aber - abgesehen von M. S. merian: wie wärs mit ein bissel Weltoffenheit? z.B: (Wikipedia)
    "Johann Georg Adam Forster (* 27. November 1754 in Nassenhuben bei Danzig; † 11. Januar 1794 in Paris) war ein deutscher Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist, Essayist und Revolutionär. Er nahm an der zweiten Weltumsegelung James Cooks teil, lieferte wichtige Beiträge zur vergleichenden Länder- und Völkerkunde der Südsee und gilt als einer der Begründer der wissenschaftlich fundierten Reiseliteratur. Als deutscher Jakobiner gehörte er zu den Protagonisten der kurzlebigen Mainzer Republik."

    • th
    • 16.11.2009 um 22:57 Uhr

    (Wikipedia)
    "Anton Wilhelm Amo (* um 1703 in Nkubeam bei Axim, heute Ghana; † nach 1753 vermutlich im heutigen Ghana) ist der erste bekannte Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland."

    • th
    • 16.11.2009 um 22:58 Uhr

    (wikipedia)
    "Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt (* 14. September 1769 in Berlin; † 6. Mai 1859 in Berlin) war ein deutscher Naturforscher mit weit über die Grenzen Europas hinausreichendem Wirkungsfeld. In seinem über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahrzehnten sich entfaltenden Gesamtwerk schuf er „einen neuen Wissens- und Reflexionsstand des Wissens von der Welt“[1] und wurde zum Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft."

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