Man stelle sich vor, ein Forscher würde sich um den ganzen aktuellen Ranking- und Eliterummel nicht scheren, sich weder um Drittmittel noch seinen citation index kümmern, sondern lediglich eines tun: gründlich nachdenken; und dann besäße er auch noch die Frechheit, im Alleingang die größten Rätsel seiner Disziplin zu lösen! Allen modernen Rankingfetischisten und Eliteförderern wäre zu denken gegeben.

Dies wäre eine der Lehren, die uns Albert Einstein heute zuteilwerden ließe. Er hat schließlich in seiner Karriere all das versäumt, was man jungen Forschern heute ans Herz legt. Statt schon während des Studiums akademische Netzwerke aufzubauen, philosophierte er und spielte zur Entspannung Geige. Und nach seinem Examen bekam der Eigenbrötler nicht einmal eine Assistentenstelle, sondern musste sich mit einem Job als »Experte dritter Klasse« an einem Patentamt in der Provinz durchschlagen. Auch sein intellektuelles Umfeld sprach allen Empfehlungen moderner Forschungspolitik Hohn. Statt einem hochkarätigen Exzellenzcluster beizutreten, gründete der Privatgelehrte mit seinen Nachhilfeschülern einen Debattenzirkel, ironisch-anmaßend »Akademie Olympia« genannt. Doch hier, im heiteren Gespräch, reiften jene bahnbrechenden Ideen, die im Jahre 1905 die Grundfesten der Physik erschütterten.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Nun könnte man einwenden, dass Einsteins Genie eben selbst unter widrigen Bedingungen zum Vorschein kam. Dabei ist das Gegenteil richtig: dass revolutionäre Ideen vor allem der Freiheit bedürfen; der Freiheit, auch abseits ausgetretener akademischer Pfade zu denken. Denn allen Arbeiten, die der Einmann-Thinktank in seinem Wunderjahr 1905 veröffentlichte – die Relativitätstheorie, die Lichtquantenhypothese und die Erklärung der molekularen Bewegung –, ist eines gemeinsam: Sie überschritten die Grenzen des damaligen Fachwissens. Und nur ein Freigeist wie Einstein, der sich nicht im akademischen Betrieb behaupten musste, hatte die Courage, scheinbar weit entfernte Gebiete der Physik zusammenzuführen und damit völlig neue Sichtweisen zu eröffnen.

Doch nicht allein diese Querköpfigkeit wäre im heutigen Forschungsbetrieb erfrischend. Dazu kam ja noch die menschliche Tiefe des überzeugten Pazifisten sowie die Gabe, seine Theorien so unterhaltsam zu erklären, dass jedermann meinte, sie zumindest ansatzweise zu verstehen. »Eine Stunde mit einem hübschen Mädchen vergeht wie eine Minute, aber eine Minute auf einem heißen Ofen scheint eine Stunde zu dauern. Das ist Relativität.« Mit solchen Bonmots weckte Einstein selbst bei jenen Interesse, die die Physik ansonsten scheuten. Welcher deutsche Physik-Nobelpreisträger hat heute noch solche Qualitäten? Wer versteht es, der Wissenschaft ein Gesicht zu geben und seine Forschung weltweit zum Gesprächsthema zu machen?

Sicher, was Einstein zum Star werden ließ, waren nicht nur seine wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch die Zeitumstände. Der jüdische Pazifist, der sich im Ersten Weltkrieg dem deutsch-nationalen Taumel widersetzte und später in die USA emigrierte, wurde wegen seiner unbeugsamen Haltung für viele zum Vorbild. Zudem spiegelt sein Leben die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts: physikalische Revolution und atomarer Schrecken, Nazi-Wahn, Ohnmacht und Verantwortung der Wissenschaft.

Doch an wissenschaftlichen und politischen Herausforderungen ist auch heute kein Mangel. Und an Menschen wie ihm, die Genie mit Leichtigkeit, Wissenschaft mit Humor und politisches Engagement mit Menschenliebe verbinden, ist zu allen Zeiten Bedarf. An dem Aufruf, den Einstein seinerzeit an die »liebe Nachwelt« richtete, müssen wir uns jedenfalls bis heute messen: »Wenn ihr nicht gerechter, friedlicher und überhaupt vernünftiger sein werdet, als wir sind bzw. gewesen sind, so soll euch der Teufel holen.«

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