Da wurde also vor 550 Jahren Jakob Fugger geboren, und bei der Zeitungslektüre kann man fast die Glocken läuten hören. »Er war ein Vorbild«, titelt die Welt. »Kreativität und Offenheit« bescheidet der Bayernkurier dem Jubilar. Dann kommt immer wieder dieselbe Geschichte von der Fuggerei. Dass der alte Jakob in seiner Heimatstadt 52 Sozialwohnungen eingerichtet habe. Dass er deswegen ein großer Sozialreformer gewesen sei. Und sowieso ein frommer Mensch.

Sollte man, ehrlich gesagt, schnell wieder vergessen. Der Fugger-Clan kontrollierte zeitweise an die zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Sie waren weit und breit die größten Grundbesitzer, wichtigsten Bankiers, vernetztesten Händler, einflussreichsten Bergbauer. Die paar Sozialwohnungen, mutmaßt der Autor Günter Ogger in seiner etwas polemischen Fugger-Biografie Kauf Dir einen Kaiser, waren bloß ein »Propagandatrick, um ein schwebendes Verfahren wegen schwerer Vergehen gegen die Antimonopolgesetze zu unterlaufen«. Jedenfalls konnte Jakob der Reiche dergleichen aus der Portokasse bezahlen.

Aber apropos Portokasse. Was Jakob Fugger besaß – und was deutschen Unternehmern heute irgendwie abgeht – ist eine ganz seltene Art von Kaufmannsgenie: Er hatte die Sache mit der New Economy im Griff. Der Mann erkannte, studierte und perfektionierte damals die fortschrittlichsten Dienstleistungstechnologien, und er setzte sie im großen Stile ein.

Jakob F. hat in der Montanbranche angefangen. Er ließ Silber in den Tiroler Alpen schürfen und später Kupfer in Oberungarn. Er schuf Monopole und manipulierte die Preise – was besonders gut funktioniert, wenn man stets rundum informiert ist. Er verlieh riesige Geldsummen an Regenten, die eine teure Leidenschaft für Kanonen und große Söldnerheere pflegten, und im Gegenzug erhielt der Fugger stets weitere Silberschürfrechte oder neue Handelsprivilegien. Toll also, guten Zugang zu Nachrichten von der Front zu haben.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Man kann recht weit gehen und sagen: Das Erfolgsgeheimnis Jakob Fuggers lag in der Kommunikation und Datenverarbeitung. Er pflegte die beste Finanzbuchhaltung weit und breit, die nach venezianischem System, ein echter Durchbruch in der Bürotechnik.

Über die Fuggerschen Faktoreien in Venedig , Mailand , Nürnberg oder Antwerpen organisierte er den Geldverkehr und den Austausch von Briefen und Warenmustern, Wertpapieren und Edelsteinen. Er hielt Kontakt. Er betrieb Networking mit Kaufleuten und Kirchenmännern, mit Politikern und Feldherren.

Mithilfe der Post übrigens. Die war damals neu. Maximilian I. hatte sie aufgebaut, ein alter Buddy von Jakob und zudem der Regent in Tirol . Maximilian holte 1490 den Fuhrunternehmer von Taxis nach Innsbruck , der einen Kurierdienst nach Antwerpen einrichtete. 1515 bekam Augsburg die erste Postmeisterei auf deutschem Boden. 

Man muss also sagen: Jakob Fugger hat etwas gemacht aus den Geschäftschancen und der Spitzentechnik seiner Zeit. Und heute kann man sich ja umschauen in Deutschland. Da tobt eine technologisch-wirtschaftliche Revolution; Computer, Internet, Mobilfunk. Brave deutsche Physiker und Ingenieure haben einiges beigetragen, aber wo sind die Unternehmen, die absahnen? In den USA , in Finnland sogar und zum Teil noch in Fernost . An einem Fraunhofer-Institut wurde der MP3-Standard zur Musikkompression miterfunden, aber das Riesengeschäft mit dem iPod haben sie dann in Kalifornien gemacht.

Jakob Fugger, das sei jetzt mal einfach spekuliert, wäre das wohl nicht durchgegangen.

Weitere Informationen:
Offizielle Fugger-Website
Programm zum Jubiläumsjahr 550 Jahre Jakob Fugger (pdf)