Eine Emma Herwegh zur Präsidentin!, möchte man rufen, jetzt, da Europa sich endlich zu einer Verfassung durchgerungen hat, die es kleinlaut den Vertrag von Lissabon nennt und der begeisterte Akteure und ein entzücktes Publikum abhandengekommen sind. Für ein Europa des Volkes! Für ein Europa, das in der Tradition der Freiheit steht – der Revolution von 1848, die zwar scheiterte, aber von Männern und Frauen gelebt wurde, deren Begriff von Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Europa noch nicht auf den Hund gekommen war. Von Frauen wie Emma und Männern wie Georg Herwegh, dem berühmtesten Dichter der Revolution: »Durch Europa brechen wir der Freiheit eine Gasse!«

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Emma Siegmund, Berliner Großbürgertochter, 1817 geboren, sind »die Duckmäuser und Aufsteiger, das sogenannte juste milieu, diese Zwitternaturen, halb liberal, halb royal«, zuwider. Die französische Juli-Revolution von 1830, der polnische Aufstand, das Hambacher Fest prägen ihr politisches, der Weberaufstand in Schlesien von 1844 prägt ihr soziales Bewusstsein. Sie ist gebildet, spricht Englisch, Französisch, Russisch, Polnisch, Italienisch und wird von ihrer Heirat mit Georg Herwegh bis zu ihrem Tod im Exil leben: Paris, Genf, Nizza, Zürich und wieder Paris. Sie wird in der europäischen Emigrantenszene zur Freiheitskämpferin; unterstützt polnische und italienische Revolutionäre. Sie übersetzt, verfasst Flugblätter, besorgt Waffen, kämpft für die polnischen Freunde in Berlin-Moabit um Hafterleichterungen und gegen die Todesstrafe – »aber stehen Sie zu Ihrer Überzeugung«, mahnt sie Freunde, »keine Gnadengesuche!«

Im Februar/März 1848 – Frankreichs König muss abdanken, Wiens Metternich wird gestürzt, in Berlin brennen Barrikaden, in Baden braucht Friedrich Hecker Unterstützung – gründen Emigranten in Paris die Deutsche Demokratische Legion mit Georg Herwegh an der Spitze. 649 Männer und eine Frau, Emma, ziehen gen Rhein; sie ist Kundschafterin hinter den feindlichen Linien und schließlich sogar Truppenführerin. Doch die Hilfe kommt zu spät. Hecker und die Seinen sind geschlagen.

In den fünfziger Jahren, nach all dem bitteren Scheitern, setzt sie auf Italiens Freiheitsbewegung, ihre Hoffnung bleibt die Europäische Republik, alles Nationale ist ihr zu engstirnig. Sie unterstützt Garibaldi; Felice Orsini, Revolutionär und geliebter Freund, wird von ihr höchst abenteuerlich aus dem Gefängnis befreit.

Georg Herwegh stirbt 1875 mit 58 Jahren, Emma lebt noch 29 Jahre in Paris, arm, angesehen, einflussreich. Der junge Frank Wedekind ist fasziniert von ihrem Witz, wird ihr enger Freund. 1904 stirbt sie und wird im Städtchen Liestal bei Basel beerdigt, an der Seite von Georg Herwegh. »In freier Erde« – wie es einer Kämpferin für ein demokratisches Europa gebührt.

Weitere Informationen
Wikipedia
Deutschland & Europa: Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution