Den Arm emporgereckt, ein flehender Blick, den Mund zum Ruf geöffnet, daneben in steiler Handschrift der Appell: »Nie wieder Krieg«. Seit bald einem Jahrhundert wird dieses Plakat von der deutschen Friedensbewegung getragen und nachgedruckt. Doch Käthe Kollwitz, die Malerin und Bildhauerin, die Mahnerin, die Unbeugsame, gehört nicht nur wegen plakativer Appelle zu den ganz Großen. Sie hat sich vielmehr, wie wenige Künstler den Problemen ihrer (und unserer) Zeit zugewandt: dem Elend, dem Hunger, dem Krieg. Und sie hat die Opfer ins Zentrum ihrer Kunst gerückt und damit in die Öffentlichkeit geholt: die Geschundenen, die Betrogenen, die Kranken. »Ich will, dass meine Kunst Zweck hat«, sagte Käthe Kollwitz. »Ich will wirken.« Ihre Werke macht dies so aktuell wie unzeitgemäß. Denn ist nicht auch unsere Zeit, wie die ihre, eine, in der man gern wegschaut – weil man das Elend nicht erträgt, den Krieg nicht verhindern kann oder weil man sich einfach nicht interessiert? Kollwitz schaute hin und malte, was sie sah. Es war ihr mitnichten peinlich, unmittelbar zu wirken, das Gefühl des Betrachters schneller anzusprechen als den Intellekt. Kunst, geschaffen nur um der Kunst willen, war ihr fremd. Sie wollte aufrütteln.

Schon im Elternhaus hatte Käthe Kollwitz das freie Denken gelernt. Geboren in Königsberg in ein bürgerliches und sozialdemokratisches Milieu, hört sie früh von den Ideen der sozialistischen Bewegung. Die begabte Tochter wird von den Eltern gefördert, sie darf Malerei studieren, die Aufbruchstimmung des Münchner und Berliner Künstlermilieus genießen und den Autor Gerhart Hauptmann kennenlernen. Dessen Drama Die Weber gibt ihr ein paar Jahre später den entscheidenden Impuls. Inzwischen wohnt sie mit ihrem Mann in Berlin, er arbeitet als Armenarzt, sie malt die Armen. Dann aber inspiriert sie das Theater, motiviert sie zur Arbeit am Weberaufstand, einer Serie über das Elend der arbeitslosen Proletarier. Mit einem Schlag wird sie bekannt, ihre Kunst vom Hof naserümpfend übersehen, sie aber wird zum ersten weiblichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Kollwitz verändert mit ihren Arbeiten den Fokus der bildenden Kunst. Ganz intuitiv wendet sie sich mit Zeichnungen, Lithografien und Holzschnitten den Menschen zu. Sie malt die Verzweiflung der Weber, das Elend der Mütter, den Hunger der Kinder. Sie erkennt im Privaten das Politische. Schon zu ihrer Zeit finden das manche zu gegenständlich, zu wenig intellektuell, unmodern. Dabei ist es die Stärke dieser Frau, unzeitgemäß zu sein. In den goldenen zwanziger Jahren erinnert sie an die grauen Hinterhöfe. In den Dreißigern malt sie gegen den Krieg. In den Vierzigern, als Frauen auf das Mutterkreuz stolz sein sollen, bleibt sie Künstlerin – trotz Ausstellungsverbot und Schikanen.

Immer wieder stört sie auch mit dem größten Thema ihres Lebens: dem Tod. Seit ihr jüngster Sohn zu Beginn des Ersten Weltkrieges gefallen ist, verarbeitet Kollwitz ihre Trauer durch ihre Kunst. Noch in ihren letzten Jahren – inzwischen ist auch ihr Enkel im Krieg gestorben, und sie hätte sich darüber leicht der Depression ergeben können – findet sie die Energie zur Arbeit. Kurz vor ihrem Tod malt sie eine Frau, die unter ihrem Mantel ihre Kinder versteckt: ein stiller Protest dagegen, dass nun auch Jugendliche an die Front müssen.

Die Pieta, eine 40 Zentimeter große Bronze einer Mutter, die sich über den toten Sohn beugt, bleibt ihre wohl bekannteste Plastik – auch weil Helmut Kohl, damals noch Kanzler, einen Abguss in Übergröße in die Neue Wache in Berlin stellen ließ, die Zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Das Unterfangen wurde viel kritisiert, es blende Opfergruppen aus, setze Täter und Opfer gleich. Inzwischen weisen Tafeln auf alle Opfer der Nazis hin. Und die Skulptur hat dafür gesorgt, dass die Standbilder der preußischen Generäle Scharnhorst und Bülow nicht wieder vor der Wache aufgestellt wurden. Die Mutter mit dem toten Sohn bleibe nur, so hatten die Erben der Malerin als Bedingung für die Reproduktion der Plastik gefordert, wenn die Generäle dauerhaft verschwänden.

Den Frieden in der Welt schafft das nicht. Aber ein kleiner, später Sieg der friedensbewegten Malerin ist es schon.

Weitere Informationen:
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Käthe-Kollwitz-Museum Berlin