Wege der FreiheitGotthold Ephraim Lessing

Er träumt von einem christlichen Christentum und einer Toleranz ohne Gleichgültigkeit. Er weiß, wie begrenzt die Vernunft, wie zerbrechlich das Leben ist, und lehrt uns die Freiheit von 

Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Dichter, Aufklärer, Weiser  |  © Anton Graff/dpa

Nein, leugnen hilft nicht, denn die Wahrheit liegt offen zutage. Die ehrenwerten Schriftsteller aus dem Zeitalter der Aufklärung – also auch ihr bedeutendster Sohn Gotthold Ephraim Lessing – sind keine Zeitgenossen mehr. Sie sind uns fremd geworden, sie sind Pflichtstoff für Pflichtschuldige. Wir rühmen einen Lessing, wenn er einen runden Geburtstag feiert, aber das Herz des Lesers brennt nicht mehr für ihn. Warum ist das so? Lessing war ein Aufklärer, ein Genie der Kritik, der sein rhetorisches Florett kunstvoll gegen die Mächtigen führte. Aber kritisch – das sind wir längst selbst. Auf dem Stoppelfeld der Kritik lassen wir uns durch niemanden übertreffen; wir haben unsere Lektion gelernt. Kurzum: Lessing brauchen wir dafür nicht mehr.

Und was ist mit dem Kirchenkritiker Lessing, dem Gegner der »Pfaffen« und der »Laffen«? Zeitlebens kämpfte der Pfarrerssohn aus Kamenz gegen die klerikale Orthodoxie und trug dabei manch schönen Sieg davon. Doch leider, auch diese Schlacht ist mit Lessings Hilfe längst geschlagen. Der klerikale Gegner, so könnte man sagen, ist in unseren supersäkularen Gesellschaften nahezu verschwunden. Wenn heutzutage schöne Dorfkapellen in hässliche Diskotheken umgewandelt werden, dann geht dem Kirchenkritiker einfach der Stoff aus.

Anzeige

Bleibt ein anderes Erbe, Lessings 1780 erschienene Schrift über die fortschreitende (Selbst-) Erziehung des Menschengeschlechts. Gewiss, Lessing war kein Geschichtsphilosoph, für ihn war der Fortschritt nicht garantiert. Indes, schon bei der Idee des »Fortschreitens« zucken wir zusammen und denken sofort an Umweltzerstörung und Klimakatastrophe. Hat uns der Fortschritt nicht beinahe umgebracht? Und haben wir nicht alle Hände voll zu tun, um die schlimmsten Folgen unseres »Fortschreitens« in den Griff zu bekommen? Und bestünde heute der Fortschritt des Menschengeschlechts nicht gerade darin, den Fortschritt zu mäßigen?

So bliebe uns zuletzt noch Lessings literarisches Genie, seine Theaterkunst, seine berühmten Dramen, zum Beispiel die Komödie Minna von Barnhelm oder die Tragödie Emilia Galotti . Diese Stücke bewegen noch heute Herz und Verstand; sie zeigen die seelische Despotie der damaligen Klassen- und Ständegesellschaft. Und doch – auch sie sind historisch, im Zeitalter der beschleunigten Partnerschaftsvermittlung, des Speed-Datings, scheint ihr Glutkern erloschen.

Wenn es uns nicht mehr gelingen will, Lessing zu aktualisieren; wenn er uns umso fremder wird, je näher wir ihn an unsere Gegenwart heranzerren, dann müssen wir versuchen, diesen »starken Charakter« (Hugo von Hofmannsthal) aus der Ferne zu betrachten. Und tatsächlich – es ist die Historisierung, die Lessing aktuell macht. Wenn wir zum Beispiel seine politisch-philosophischen Gespräche Ernst und Falk (1778/1780) lesen, dann lernen wir etwas über die mühsam erkämpfte Vorgeschichte unserer Staatsform, über das Realisierungsdrama der Freiheit. Wenn wir Lessing lesen, dann wird uns schlagartig bewusst, wie viel Unerschrockenheit, Wagemut und Tapferkeit es die Menschen gekostet hat, um dem demokratischen Geist zum Durchbruch zu verhelfen – und wie viel Opfer gebracht werden mussten, damit jeder Mensch ein Recht hat, Rechte zu haben. Pathetisch gesagt: Die Schriften des glühenden Republikaners und Staatsträumers Gotthold Ephraim Lessing öffnen uns die Augen für die Tragik der Demokratie, für ihre Vergesslichkeit.

Thema: 50 deutsche Vorbilder
50 deutsche Vorbilder

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen  |  © Corbis

Tragisch an der Demokratie ist, dass ihr die Freiheit durch den täglichen Gebrauch selbstverständlich wird und dass sie dabei all die Opfer vergisst, die es zu ihrer Durchsetzung bedurft hat. Lessings Schriften kurieren uns von unserer Vergesslichkeit. Er war es, der ein Staatsverständnis zu Fall brachte, in dem der Staat als weltlicher Arm der Religion fungiert – und nicht als ein Institut zur Ermöglichung von Freiheit und »Glückseligkeit«. Lessing war es, der den religiösen Fanatismus so weit abkühlen wollte, dass sich der Gottesglaube endlich mit den Gottesrechten des Menschen verträgt. Lessing träumte von einem christlichen Christentum, er wollte die monotheistischen Religionen humanisieren und ihnen in seinem Nathan der Weise (1779) Toleranz lehren. Wohlgemerkt – Toleranz, und nicht Gleichgültigkeit. Den fundamentalistischen Eiferern rief er zu: Seht, auch andere Religionen kennen einen Weg zu Gott. So relativierte Lessing den religiösen Absolutismus, ohne deshalb ein Kulturrelativist zu werden. Goethe schrieb über den Nathan: »Möge das darin angesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben.«

Und doch war Lessing kein Götzendiener der Vernunft, kein Absolutist der Aufklärung. Die Vernunft, so musste man Lessing verstehen, ist ein Gottesgeschenk. Sie lässt uns erkennen, wie unvernünftig die Welt ist, damit wir sie verbessern können. Zugleich macht sie demütig. In hellem Licht der Vernunft sehen wir, wie wenig wir selbst in der Hand haben, wie kurz und wie zerbrechlich das Leben ist. Diese Demut, das war Lessings Credo, ist aber nichts ohne die Freiheit. Erst in Freiheit, ohne Sklavenmoral und ohne die Herrschaft der alten Mächte können wir uns demütig verneigen – und vernünftig Einsicht nehmen in die Grenzen unserer Vernunft.

Weitere Informationen
Lessing-Museum Kamenz
Wikipedia

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Wikipedia | Hugo von Hofmannsthal | Gotthold Ephraim Lessing | Religion | Schrift | Vernunft
    Service