Ich stamme aus Lutherland. Mein Vater war Pfarrer in Sangerhausen am Südharz. 1979 kam Westbesuch, eine Abordnung der evangelischen Partnergemeinde aus Steinheim am Main. Die Ärmsten vegetierten dort fern von Luther . Deshalb führte Vater sie an etliche St.-Martins-Stätten – nach Eisleben, wo Luther 1483 geboren wurde und 1546 starb, und ins Mansfelder Elternhaus.

Dort prangte an der Wand ein historischer Stich: Luthers Lebenswende. 2. Juli 1505, Gewitter bei Stotternheim. Luthers Freund Alexius, vom Blitz gemordet, liegt à la fromme Helene verkokelt im Acker. Luther, panisch, gelobt der heiligen Anna, im Falle seiner Rettung Mönch zu werden. Vater erklärte die Szene zur Legende. Falls überhaupt, sei Luthers Freund in einem anderen Gewitter gestorben. Flammender Protest! Nein!, rief eine Glaubensschwester. Nein, Herr Pfarrer! Es war wie auf dem Bilde! Meinen Luther lass ich nicht!

»Meinen Jesum lass ich nicht«, so beginnt ein evangelischer Choral. Die Episode mag illustrieren, dass Luther als protestantischer Heiliger gilt und als volksgeschichtliche Ikone. Der hämmernde Mönch von Wittenberg, der Trutzheld von Worms , der Ahnvater des protestantischen Pfarrhauses – bildstark lässt sich erzählen, wie dieser sächsische Augustiner die europäische Neuzeit auslöste. Aber was bleibt, was ist Luthers Erbe?

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Zum einen seine Sprache, dieses zartbrausend orgelnde Deutsch, in dem das himmlische Jerusalem über thüringischen Äckern leuchtet. Gibt es ein größeres Stück deutscher Literatur als Luthers Übersetzung des 90. Psalms? »...der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!« Mein Petersdom ist die Wartburg – eine Arche, die hoch auf heimatlichen Wäldern schwimmt. Sie birgt eine Kajüte, in welcher der writer in residence M. L. 1521 das Neue Testament verdeutschte. Doch derselbe Luther, dessen Choräle das Fliegen und Lieben lehren, hat auch säuische Hetzpostillen in die Welt gejagt: Von den Juden und ihren Lügen oder sein Nun-haut-und-schlaget-alles-tot Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern.

So gilt auch für den Unheiligen Martin die Mahnung aus Paulus’ erstem Brief an die Thessalonicher: »Prüft aber alles, und das Gute behaltet.« Ich behalte Luthers Goldene Regel, die Doppelbestimmung christlichen Lebens als Freiheit und Verantwortung. »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.«

Gestorben ist Luther mit den Worten: »Wir sein pettler. Hoc est verum.« Wir sind Bettler. Das ist wahr, im Verhältnis zu Gott. Postum wurde Luther sehr irdisch instrumentalisiert, zuletzt als arischer Glaubensführer der Deutschen Christen. Das staatsfromme Bündnis von Thron und Altar war bereits in seinem Leben angelegt. Der Reformator und das protestantische Bekenntnis bedurften politischer Protektion. Markant zeigt das in Worms Ernst Rietschels Skulpturenpark von 1868. Luther ragt, umgeben von Genossen, zu denen nicht nur Melanchthon und Bugenhagen zählen, sondern auch sein kursächsischer Schutzfürst Friedrich der Weise und Philipp von Hessen . Dem hatte Luther opportunistisch die Zweitfrau gesegnet, auf dass ihm Philipp huldig bleibe.

 

Bis heute wird Deutschland vom konfessionellen Limes gequert. Auf Reisen besuche ich meistens katholische Kirchen, denn der Protestantismus verschließt alltags seine Gotteshäuser. Außerdem tendiert er zur unsinnlichen Intellektualität, zur metaphysischen Dürre. (Liebe Frau Käßmann, ändern Sie das?) Etliche Filme des Pastorensohns Ingmar Bergman , besonders Fanny und Alexander, und jüngst Michael Hanekes Das weiße Band zeigen eine autoritäre, lutherisch gewandete Gewissensfolter, die Luthers Freiheit zurück in die Seelenknechtschaft zerrt. Ich erfuhr es anders. Auf meine kindliche Frage, was uns von den Katholiken unterscheide, sprach Vater nicht über Papst oder Abendmahl. Der Beichtzwang, sagte er. Alle Sünden persönlich beichten, begangen in Gedanken, Worten und Werken – Junge, das schafft keiner, das macht den Menschen kaputt.

Die Beichte im evangelischen Gottesdienst ist Stille, sodann ein kollektives Vergebungsgebet. Ich höre noch das Murmeln der bäuerlichen Gemeinde, angeführt von Vaters Stimme: »...sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr.« Auf diese Befreiung baut der lutherische Cantus firmus Ein feste Burg: »Der Fürst dieser Welt / wie saur er sich stellt / tut er uns doch nicht / das macht, er ist gericht’ / ein Wörtlein kann ihn fällen.«

Dieses Wörtlein enthält mir den ganzen Luther. Es lautet: Nein. Damit beginnt jede Emanzipation.

Weitere Informationen:
Martin Luther
Heiligenlexikon
Reformationstag