Bis heute wird Deutschland vom konfessionellen Limes gequert. Auf Reisen besuche ich meistens katholische Kirchen, denn der Protestantismus verschließt alltags seine Gotteshäuser. Außerdem tendiert er zur unsinnlichen Intellektualität, zur metaphysischen Dürre. (Liebe Frau Käßmann, ändern Sie das?) Etliche Filme des Pastorensohns Ingmar Bergman , besonders Fanny und Alexander, und jüngst Michael Hanekes Das weiße Band zeigen eine autoritäre, lutherisch gewandete Gewissensfolter, die Luthers Freiheit zurück in die Seelenknechtschaft zerrt. Ich erfuhr es anders. Auf meine kindliche Frage, was uns von den Katholiken unterscheide, sprach Vater nicht über Papst oder Abendmahl. Der Beichtzwang, sagte er. Alle Sünden persönlich beichten, begangen in Gedanken, Worten und Werken – Junge, das schafft keiner, das macht den Menschen kaputt.

Die Beichte im evangelischen Gottesdienst ist Stille, sodann ein kollektives Vergebungsgebet. Ich höre noch das Murmeln der bäuerlichen Gemeinde, angeführt von Vaters Stimme: »...sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr.« Auf diese Befreiung baut der lutherische Cantus firmus Ein feste Burg: »Der Fürst dieser Welt / wie saur er sich stellt / tut er uns doch nicht / das macht, er ist gericht’ / ein Wörtlein kann ihn fällen.«

Dieses Wörtlein enthält mir den ganzen Luther. Es lautet: Nein. Damit beginnt jede Emanzipation.

Weitere Informationen:
Martin Luther
Heiligenlexikon
Reformationstag