Eine neue WeltMartin LutherSeite 2/2

Bis heute wird Deutschland vom konfessionellen Limes gequert. Auf Reisen besuche ich meistens katholische Kirchen, denn der Protestantismus verschließt alltags seine Gotteshäuser. Außerdem tendiert er zur unsinnlichen Intellektualität, zur metaphysischen Dürre. (Liebe Frau Käßmann, ändern Sie das?) Etliche Filme des Pastorensohns Ingmar Bergman , besonders Fanny und Alexander, und jüngst Michael Hanekes Das weiße Band zeigen eine autoritäre, lutherisch gewandete Gewissensfolter, die Luthers Freiheit zurück in die Seelenknechtschaft zerrt. Ich erfuhr es anders. Auf meine kindliche Frage, was uns von den Katholiken unterscheide, sprach Vater nicht über Papst oder Abendmahl. Der Beichtzwang, sagte er. Alle Sünden persönlich beichten, begangen in Gedanken, Worten und Werken – Junge, das schafft keiner, das macht den Menschen kaputt.

Die Beichte im evangelischen Gottesdienst ist Stille, sodann ein kollektives Vergebungsgebet. Ich höre noch das Murmeln der bäuerlichen Gemeinde, angeführt von Vaters Stimme: »...sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr.« Auf diese Befreiung baut der lutherische Cantus firmus Ein feste Burg: »Der Fürst dieser Welt / wie saur er sich stellt / tut er uns doch nicht / das macht, er ist gericht’ / ein Wörtlein kann ihn fällen.«

Dieses Wörtlein enthält mir den ganzen Luther. Es lautet: Nein. Damit beginnt jede Emanzipation.

Weitere Informationen:
Martin Luther
Heiligenlexikon
Reformationstag

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Leserkommentare
    • th
    • 16. November 2009 22:30 Uhr

    mag sein, dass das lutherische christentum zur "unsinnlichen Intellektualität, zur metaphysischen Dürre" tendier, obwohl mir heute eher eine Tendenz zur Beliebigkeit vorzuliegen scheint.
    Aber dafür gibt es auch die Kirchenmusik, den lutherischen Choral - und das ist einfach eine grossartige Sache. Wenn man dann noch dazunimmt, was J.S.Bach daraus gemacht hat - dann nimmt man eine gewisse Kargheit des Wandschmucks doch gerne in Kauf.

    Natürlich war Luther kein Heiliger, und hat in seinem Leben manches böse geschrieben - aber zeigen Sie mir einen hohen Vertreter des Glaubens jener Zeit, für den das nicht gilt?
    Etwa die damaligen Päbste und Kardinäle? Was wurd aus dem armen Hus auf dem Konzil von Konstanz? Wie hat Calvin in Genf "regiert"? Und nun gar der Gründer der anglikanischen Kirche, Heinrich VIII?

    Wie gesagt, Heiligenverehrung ist hier überhaupt nicht angebracht -

  1. Protestanten behaupten wenigstens nicht, dass die katholische Kirche eigentlich gar keine Kirche ist.... . Ich würde den Schwerpunkt dessen, was Luther mit angestoßen hat, auf die zumindest theoretisch demokratischere Verfasstheit der protestantischen Kirchen legen, sowie auf die freiwillige Verantwortung, die jeder einzelne Gläubige für seinen Glauben hat. Da darf kein Priester, kein Papst und niemand anders dem Einzelnen hineinreden (zumindest im Prinzip). Weniger durch seine (meiner Ansicht nach wohltuenden) Trockenheit gerät der Protestantismus aber durch die evangelikalen Strömungen in Misskredit, die gewiss nicht zur Glaubensfreiheit beitragen und erst recht nicht zur Mündigkeit im Glauben.

  2. Wenn ich einen Schrank aufbauen möchte, muss ich dann den Bauplan instrumentalisieren?

    Der Historiker Deschner hat zu Luther folgendes gesagt:

    "Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation."

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