Nur mal so gedacht: 12. Klasse, die Lehrerin bringt ihren Schülern ein Vorbild mit. »Eine ganz große Frau der Wissenschaft, eine berühmte deutsche Naturforscherin.« Müdes Lächeln bei den Teenagern. »Eine der Ersten, die den Zyklus von Ei zu Raupe zu Puppe zu Schmetterling beschrieben hat. Im 17. Jahrhundert, als die meisten Leute noch dachten, Insekten entstünden in einer Urzeugung aus Schlamm.« Demonstrative Ignoranz, höchstens über den altertümlichen Namen mokieren sich die Schüler: Maria Sibylla Merian. Die Lehrerin versucht sich an einem Gag: »Wir haben sie unzählige Male abgeschleckt, ihre gummierte Rückseite wenigstens.« Denn MSM prangte auf einer Briefmarke zu 40 Pfennig. »Und auch auf dem 200-Mark-Schein.«

Weiter gedacht: Was hätte MSM denn wohl selbst erzählt? Zeitlebens geizte sie mit Persönlichem. Aber vor 17-Jährigen könnte man ja offen sprechen. Über das Leben eines bürgerlichen Mädchens, das 1647 in eine gut situierte Frankfurter Kupferstecherfamilie hineingeboren wird. Über die kreative Umgebung, musisch, handwerklich. Über Lebensmodelle. Maria Sibylla fand früh ihren eigenen Stil: Pflanzendarstellungen mit Raupen und Schmetterlingen, ästhetisch und akkurat. Als sie 1665 einen Schüler aus der stiefväterlichen Werkstatt heiratete, mit ihm nach Nürnberg zog, war sie eine aufstrebende Künstlerin. Ihre Bücher machten sie bekannt. Aber statt Reputation und Vermögen zu mehren, flüchtete sie 1685 aus ihrem bürgerlichen Leben. Sie schnappte sich ihre zwei jungen Töchter und zog für sechs Jahre in eine Landkommune engstirniger niederländischer Protestanten.

Hatten sie Erbstreitigkeiten in ihrer Familie entnervt? War ihr der Ehemann – die Biografen spekulieren über sexuelle Eskapaden und Seitensprünge – zuwider geworden? Nirgends rechtfertigte Merian sich für den Bruch. Klar ist nur, sie folgte ihrer Überzeugung. Nie verlor sie ein schlechtes Wort über die Frömmler, nachdem sie diese 1691 verlassen hatte, in Richtung Amsterdam. Ende des 17. Jahrhunderts war es die glänzende Metropole der modernsten Nation auf Erden. Die Alleinerziehende (sie gab sich als Witwe aus) lebte dort von Malstunden und Auftragsarbeiten, machte sich erneut einen Namen. Doch 1699 wieder dieser innere Antrieb: Nur mit der jüngeren Tochter Dorothea Maria bestieg sie ein Schiff nach Südamerika – als freischaffende Forschungsreisende. Ohne einen staatlichen Auftrag, ohne die Protektion eines Mächtigen und, natürlich, ohne ein Mann zu sein. Unbegleitete Auswanderinnen galten damals als Zuchthaushuren oder gar Diebinnen. Doch Merian focht das nicht an, zwei Jahre lang zog ihre Expedition samt einer Sklavin und einigen Indianern durch den Regenwald Surinams: sammelnd, notierend, skizzierend. Ein Triumph persönlicher Neugier!

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Erst eine Malaria zwang Maria Sibylla zurück nach Amsterdam. Selbstbewusst bezeichnete sie sich jetzt nicht mehr als Witwe, sondern schlicht als Juffrouw, als Jungfer. Sie war berühmt, empfing Gelehrte, veröffentlichte ihre Beobachtungen. Die Insekten Surinams stellte sie jeweils auf ihren spezifischen Wirtspflanzen dar, in allen Stadien ihrer Verwandlung, der Metamorphose. Diesen Kontext würden wir heute ökologisch nennen, er machte sie berühmt.

Zu Ende gedacht: An der Eigenwilligen aus dem frühen 18. Jahrhundert hätten die Schüler dann durchaus etwas gefunden. Zwar glaubt heute niemand mehr an die Urzeugung. Auch alleinreisende Frauen sind inzwischen völlig normal. Aber hören die Menschen – nicht nur 17-Jährige bei der Berufswahl – nicht unentwegt, wie wichtig ein geradliniger Lebenslauf ist, Zuverlässigkeit und Sicherheit? Hätte sich Maria Sibylla solchen Erwartungen gebeugt, sie hätte es nie bis nach Surinam geschafft!

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