Wege der Freiheit
Erich Mühsam
»Sich fügen heißt lügen« – das ist sein Credo, Unerschrockenheit sein Lebensprinzip: Ein Anarchist im edelsten Sinne des Wortes
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Erich Mühsam (1878-1934), Dichter, Bohemien und Revolutionär
Kein Bürger darf seines Lebens und seines Eigentums mehr sicher sein, so allein kann die moralische Widerstandskraft der Kapitalisten gebrochen werden«: Einen, der so etwas schrieb, wünscht man sich den als Zeitgenossen herbei? Oh ja! Ihn – nicht seine Zeit, das schreckliche 20.Jahrhundert: nicht die fünfjährige Haft, in der er Revolutionen herbeisehnte; nicht die Zensur seiner Schriften und die Ermordung seiner Freunde durch Reichswehr und rechtsnationale Freikorps. Aber ihn sehr wohl, der vor 75 Jahren von den Nazis im Konzentrationslager Oranienburg umgebracht wurde: den Freigeist Erich Mühsam.
Geboren 1878 in Berlin, aufgewachsen in Lübeck, gab er lange Zeit den Schwabinger Bohemien, war witzig, antiautoritär und doch eher kleinbürgerlich (Jahrzehnte später, in den sechziger Jahren, sollte es in West-Berlin einen Wiedergänger namens Fritz Teufel geben, Habitus inklusive). Doch das Clowneske täuschte. Der Schriftsteller und Sozialaktivist war von einer ernsten Idee ergriffen, dem Anarchismus, über den er 1912 schrieb: »Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Wer den Begriff mit keinem Gedanken verbinden kann, ehe er ihn nicht zur Zügellosigkeit umgedeutet hat, beweist damit, dass er mit den Empfindungsnerven eines Pferdes ausgerüstet ist.« Man müsse freilich »bei sich selber und in seinem nächsten Umkreis mit dem Befreiungswerk beginnen«. Das ist der ganze Mühsam, aktueller denn je: Befreiung als Leben und nicht bloß als Politik.
Doch auch als Politik! – gegen den Krieg und die Sozialdemokraten, die im Reichstag für die Kriegskredite gestimmt hatten. Nur wie ein Ende machen? Mühsams Freunde glaubten nicht an eine Revolution, »weil dazu bestimmte Ziele aufgestellt und organisatorisch vorbereitet sein müssten«, wie es in seinem Tagebucheintrag vom 19. Juni 1916 heißt. »Diese Ansicht teile ich ganz und gar nicht. Das Ziel einer Revolution wäre jetzt einfach Friede. Ist der erreicht, dann hat das Volk ein moralisches Plus, das es für die Vorbereitung größerer und sozialistischer Dinge sehr aufnahmefähig machen müsste.«
Dann kam sie wirklich, die Revolution. Sie stürmte vor und fiel zurück; 1918 stritt Mühsam für die Räterepublik des Freistaats Bayern, die blutig niedergeschlagen wurde. Mühsam überlebte, musste ins Gefängnis. Es folgten Einzelhaft, seelische und körperliche Qualen, doch keine Verzweiflung. Wohl aber Enttäuschung, etwa über »Lenins Fiasko, das seinen Grund eben darin hat, dass er aus der Sowjetrepublik wieder einen Obrigkeitsstaat gemacht hat«. Für solche Sätze hassten ihn die »Patentkommunisten«.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen
»Sich fügen heißt lügen«, dichtete er, und vor allem handelte er danach. Denken wir uns die Kriegs- und Revolutionszeiten weg, dann riefe ein Mühsam heute wohl kaum zu den Waffen. Doch wir hätten in ihm einen Unerschrockenen, der Gemeinheiten Gemeinheiten, Lügner Lügner und Frömmler Frömmler nennen würde. Und der den von Wellness und Hipness weichgespülten Zeitgenossen seine »Lebensregel« entgegenhalten würde: »An allen Früchten unbedenklich lecken / vor Gott und Teufel nie die Waf- fen strecken / Künftiges missachten, Früheres nicht bereuen / den Augenblick nicht deuten und nicht scheuen / dem Leben zuschaun; andrer Glück nicht neiden / stets Spielkind sein, neugierig noch im Leiden / am eignen Schicksal unbeteiligt sein / das heißt genießen und geheiligt sein.«
Im September 1910 notierte Mühsam: »Zeppelins Luftschiff Nr.6 ist in der Halle verbrannt. Unter sieben Ballons der fünfte, der zerstört ist: Aber die guten Deutschen sind so zeppelinbegeistert wie nur je. [...] Ein sonderbares Volk, das sich immer an der verkehrten Stelle begeistert.« Es sollte bald schlimmer kommen. »Mit dem Faszisten-Aufstand ist ein furchtbares Novum in die Weltgeschichte getragen worden«, erkannte Mühsam bereits 1922. Nach der Machtergreifung schrieb er weiterhin offen gegen die Nazis an. Er, den auch die Kommunisten mit dem Tod bedroht hatten, sah 1922 voraus: »Möge mich schließlich an die Wand stellen, wer mag – erschossen kann ich immer nur von rechts werden.«
Weitere Informationen:
Wikipedia
- Datum 12.11.2009 - 13:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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