Fräulein Noether war das bedeutendste kreative mathematische Genie seit der Einführung der höheren Bildung für Frauen«, schrieb Albert Einstein am 5. Mai 1935 in der New York Times, drei Wochen nachdem Emmy Noether an den Komplikationen einer Operation gestorben war, bei der man ihr eine Eierstock-Geschwulst entfernt hatte.

Einstein schrieb nicht »das bedeutendste weibliche mathematische Genie«, obwohl er das sicherlich gemeint hatte. Emmy Noether gehörte zu den brillantesten Vertretern ihrer Zunft, und wären Wissenschaft und Gesellschaft nur ein klein bisschen offener für Frauen gewesen am Anfang des 20. Jahrhunderts, dann wäre Emmy Noether heute vielleicht ein ähnliches Idol wie Einstein.

Parallelen gibt es jedenfalls genug: Auch Emmy Noether stammte aus einer jüdischen Familie, neigte linken und pazifistischen Gedanken zu und musste in der Nazizeit Deutschland verlassen. Und ähnlich wie der Erfinder der Relativitätstheorie legte sie wenig Wert auf ihr Äußeres und galt als etwas verschroben. Sie hatte einige Kilo zu viel, und mit Formalitäten wie Tischmanieren hielt sie sich nicht auf. Ihre Mathematiker-Kollegin Olga Taussky-Todd beschreibt ein Mittagessen, bei dem Noether »wild gestikulierte, sich ständig bekleckerte und dann völlig ungestört das Essen von ihrem Kleid wischte«.

Aber während Einstein zum ersten wissenschaftlichen Superstar des 20. Jahrhunderts wurde, kann man die Karriere von Emmy Noether nur als ein großes Trotzdem beschreiben. Zu jedem Zeitpunkt waren die äußeren Umstände gegen sie.

Das begann schon, als die 18-Jährige, die eine Ausbildung als Sprachenlehrerin (natürlich für Mädchenschulen) absolviert hatte, im Jahr 1900 an der Universität Erlangen Mathematikvorlesungen hören wollte, was Frauen damals nur als »Gasthörerin« erlaubt war. Sie war eine von zwei jungen Damen, für die man eine Ausnahme machte, und durfte sich als Exotin unter die rund 1000 Studenten mischen. Promovieren konnte sie danach, aber als David Hilbert, damals wohl der größte Mathematiker der Welt, Noether eine Professur in Göttingen beschaffen wollte, lehnte das zuständige preußische Ministerium ab; Professorinnen waren damals einfach nicht vorgesehen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Erst nach dem Ersten Weltkrieg stand Frauen eine akademische Karriere offen. Emmy Noether wurde 1919 habilitiert und konnte nun endlich unter eigenem Namen Vorlesungen halten – freilich unbezahlt als Privatdozentin, ein karges Gehalt bekam sie erst nach der Hyperinflation 1923, als ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht waren und sie ansonsten buchstäblich verhungert wäre. Wissenschaftlich ging es dafür kometenhaft aufwärts mit ihr. Sie scharte in Göttingen eine verschworene Gruppe von Studenten und jungen Wissenschaftlern um sich, die »Noether-Knaben«, und entwickelte mit ihnen wesentliche Teile der Algebra weiter.

Die Objekte, mit denen Noether jonglierte und die teilweise nach ihr benannt wurden, heißen Ringe, Ideale und Moduln. Sie wurden in die Mathematik eingeführt als Abstraktionen von Zahlen- und Funktionsräumen – aber für Emmy Noether waren sie keine Abstraktionen, sondern Objekte ihrer direkten Anschauung. »Sie konnte nur in Begriffen, nicht in Formeln denken, und darin lag gerade ihre Stärke«, schrieb einer ihrer Schüler, der bekannte Algebraiker Bartel van der Waerden, in einem Nachruf.