Also lissen tu mi: Der scheue Elf mit dem melancholischen Vogelgesicht ist erfüllt von einer nicht zu enttäuschenden Liebe zum Leben und einer kaum zu stillenden Abenteuerlust. Fort, fort, nur fort – keine 17 Jahre alt, lässt Hans Bötticher das bürgerliche Elternhaus in Wurzen bei Leipzig und die geliebten Eltern hinter sich, um als Schiffsjunge auf einem Segler anzuheuern. Aber nicht jugendliche Naivität, nicht Unreife, sondern eine quälende innere Unruhe lässt ihn die Grenzen ausloten, die ihm Herkunft, Persönlichkeit und die Welt, wie sie ist, setzen. Von Anfang an ist er auf der Suche nach dem Wesentlichen. Weiter, weiter, nur weiter! Darum begibt er sich in Gefahr. Darum hat er gehungert und gefroren, darum hat er ein wildes, wirres Leben geführt, sich ausgesetzt.

Joachim Ringelnatz nannte er sich seit 1919. Gelehrt war dieser deutsche Dichter nicht, aber frei und freigeistig, als Schriftsteller und als Mensch. Seine spielerisch leichten Versen, seine frechen, reimfrohen Miniaturen wurden gern als skurril und unkonventionell abgetan. Aber sie sind ja so viel mehr: feinsinnig und undogmatisch, voller Empathie und nicht weit vom Wahnsinn und doch so nah am lebensprallen Dasein. In den Gedichten, aber auch in seiner Prosa stecken viele Ringelnatze: Ringelnatz als Halbstarker, Landstreicher, Matrose, als Schaufensterdekorateur, Bibliothekar, Gefangener, als Marineleutnant, Liebender, Student, als Zigarrenhändler, Bohemien, Zauberer und Ehemann. Das alles war er.

Spät, nicht zu spät, in den Zwanzigern, wurde er ein fleißiger Vortragskünstler und diszipliniert arbeitender Schriftsteller. Mit Kuttel Daddeldu erfindet er sich ein Alter Ego, das von unglaublichen Abenteuern auf See erzählt, in seinen Kindergedichten stiftet er zum Bergmannspielen (in weißen Anzügen) und Omahauen an, und die Turngedichte geben jegliche Bürgerlichkeit preis.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Natürlich wird ein solcher – in seiner Zeit – verkannt: Schon als Schüler gilt Ringelnatz als schwer erziehbar, wird gepeinigt von zu reger Fantasie und ist als charmanter Bengel im Samtanzug hübsch anzusehen. Später trinkt er zum Frühstück Schnaps und putzt sich – das hat der Hamburger Autor Hans Leip überliefert – mit Bier die Zähne.

Ringelnatz liebt die Welt: zu Wasser, in der Luft und an Land; in jammervollen Absteigen und Bordellen, unter sadistischen Kapitänen, in Strapazen und Gefahr. Und das alles mit seinem tollen Vogelgesicht. Bei seinen Auftritten als Kabarettist brauchte er nicht viel: Matrosenanzug und Mimik – und schon reimte er im Münchner Künstlerlokal Simpl die Welt untergangsreif. Der traurige Clown, der Seiltänzer auf zu hohem Seil: Vor zu tiefem Fall bewahrten ihn die Lyrik, die Malerei und Muschelkalk – seine große Liebe Leonharda Pieper, mit der er 14 Jahre in München und Berlin zusammenlebte. Und so gehören seine Liebesgedichte wohl zum Schönsten, was er geschaffen hat: »Ich hab dich so lieb! / Ich würde dir ohne Bedenken / Eine Kachel aus meinem Ofen / Schenken!«

Ringelnatz war Romantiker, Schalk, Abenteurer – und die sind heutzutage viel zu selten geworden. Über das Seepferdchen, das Ringelnass, das ihn zu seinem Künstlernamen inspirierte, reimt er schwärmerisch: »Als ich noch ein Seepferdchen war, / Im vorigen Leben, / Wie war das wonnig, wunderbar / Unter Wasser zu schweben.« Das Gedicht aber endet: »Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen? / Es ist beinahe so, dass ich weine – / Lollo hat das vertrocknete, kleine / Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.« Und so stirbt Ringelnatz viel zu früh, von den Nazis von der Bühne vertrieben, mit nur 51 Jahren.

Ach, triebe er doch noch seinen Schabernack,
die Welt wär bunter, verdammt und zickezack.

Weitere Informationen:
Ringelnatz Verein
Ringelnatz Stiftung