Zehn Tage nach Friedrich Schillers Tod am 9. Mai 1805 präsentierte der weimarische Hofmedikus Wilhelm Ernst Christian Huschke das Obduktionsergebnis. »Folgendes Merckwürdige« habe er mitzuteilen: Die Rippenknorpel Schillers seien »starck verknöchert«, die rechte Lunge sei mit dem Rippenfell und dem Herzbeutel derart verwachsen, »daß es kaum mit dem Messer gut zu trennen war. Diese Lunge war faul u. brandig, breiartig u. ganz desorganisirt.« Das Herz? Ein »leerer Beutel«, runzelig und »ohne Muskelsubstanz«. Die Ränder der Leber »brandig«. Die Gallenblase »noch einmal so groß als im natürl. Zustande u. strotzend von Galle«. Auch die Milz übergroß. Die Nieren in »ihrer Substanz aufgelöst«, die Därme mit dem Bauchfell verwachsen. Blase und Magen indes in bester Ordnung. »Bey diesen Umständen«, so der Arzt knapp, »muß man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können.«

Zur medizinischen Vorgeschichte: Schon in jungen Jahren plagen Schiller die Folgen einer Malaria-Erkrankung, er leidet häufig unter heftigem Schüttelfrost, Bronchialkatarrh, Kopfschmerzen. Die seinerzeit empfohlenen Medikamente, in Unmengen eingenommen, verschlimmern die Übel. 1791 erleidet Schiller, der gefeierte Sturm-und-Drang-Autor der Räuber und mittlerweile Professor in Jena, schwere Fieberkrämpfe während eines Konzerts. Man diagnostiziert eine folgenreiche Lungenentzündung, die niemals vollständig ausheilen sollte, und man verordnet allerlei Nutzloses: Aderlässe, Blasenpflaster, Einläufe. Die Geschichte der Heilkunst kennt ihre Irrtümer.

In den letzten sechs Jahren seines Lebens, die Schiller in Goethes Nähe, in Weimar , verbringt, kränkelt er unablässig und ist unablässig produktiv. Es entstehen im Aufbegehren gegen den verfallenden Körper die Maria Stuart, Die Jungfrau von Orleans, Die Braut von Messina, der Wilhelm Tell. Schiller beginnt den Demetrius, leitet Theaterproben zu Stücken von Shakespeare, Voltaire, Lessing, die er für die Bühne bearbeitet hat, er übersetzt Racine und Diderot, schreibt Gedichte und allerlei mehr. Unterbrochen wird das überreizte, das disziplinierte Arbeiten nur von lästigen Krankheitsschüben. Als der letzte sich ankündigt, sind es zunächst nur die üblichen Misslichkeiten, die Schiller mit wenigen Sorgen verspürt: brennende Lungenschmerzen und »Katarrhfieber«. Nach wenigen Tagen aber spricht der Dichter, wie man sich erinnert, nur noch »unzusammenhängende Worte, meistens Latein«. Goethe schweigt drei Wochen lang und schreibt, er habe mit Schiller die Hälfte seines Daseins verloren.

Es wurde oft gerätselt, weshalb eine deutsche Weltliteratur mit Goethes und Schillers Werken, reichlich verspätet ohnehin, im 18. Jahrhundert machtvoll auf die Bühne trat. Alles sprach dagegen, wie schon in den Jahrhunderten zuvor: Kein Zentrum geistiger Kultur war vorhanden, keine Großstadt, die Wirtschaft rückständig, politisch unbefreite Verhältnisse, die Straßen voll Schlamm. Die Antwort kann nur heißen: Gerade weil alles so schlimm war, musste alles so schön werden. Die Deutschen, sich gefangen wähnend in den Ketten des Feudalismus, schufen sich ein idealistisches Geisterreich qua Kunst.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Die Nation, die es nicht gab, wurde im Theater vorweggenommen. Es war der Ort, in dem die Stände, sich ihrer Herkunft emanzipierend, zueinanderfanden. Hier sahen sie die Stücke des »Dichters der Freiheit«, wie man Schiller bald nannte, sahen sie die Maria Stuart, die ihre Todesangst überwindet, den freiheitsliebenden Räuber Karl, die gesellschaftlich unerwünschte Liebe als Passion zwischen einem Adligen und der zarten Musikertochter Luise Miller in Kabale und Liebe. Im Theater entwand man sich illusorisch der als drückend empfundenen Wirklichkeit.

So wie es den Körper des Staates à la longue zu bessern galt, zu heilen, galt es, über den individuellen mit seinen ungeheuren Unzulänglichkeiten zu triumphieren. »Es ist der Geist, der sich den Körper baut«, heißt es im Wallenstein in der wohl prägnantesten Formulierung dessen, was Idealismus meint. Und wer heute, 250 Jahre nach Schillers Geburt, sich an ihm ein Vorbild nehmen möchte, darf gerne eines sich vornehmen: eiserne, heitere Disziplin, bis der Pfarrer kommt. Ihr entsprang jene Kunst, die wir heute allzu leichthin klassisch nennen.

Weitere Informationen:
Stiftung für Weimarer Klassik
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