Lob des EigensinnsRomy Schneider

Fehler? Viele. Falsche Filme, falsche Männer, Alkohol, Tabletten, Schulden. Aber was für ein Herz! von 

Romy Schneider (1938-1982): Keine Angst vor dem Leben

Romy Schneider (1938-1982): Keine Angst vor dem Leben  |  © F. C. Gundlach

Als Romy Schneider sich auf den Weg machte, Paris zu erobern, war sie 19 Jahre alt und sprach kein Wort Französisch; sie hatte gerade diesen zwielichtigen Herzensbrecher Alain Delon eingefangen und ließ alles hinter sich, was ihr Leben damals ausmachte: ihre Mutter und ihren Stiefvater, alle wohlmeinenden Agenten, den klebrigen Ruhm der Sissi- Filme. Sie war jetzt eine Verräterin.

Das größte Missverständnis über Romy Schneider ist wohl, dass sie ein Opfer war, eine unschuldig Gejagte. Vielmehr war sie selbst eine Jägerin. Schon als 13-Jährige notierte sie in ihr Tagebuch: »Ich muss auf jeden Fall einmal eine Schauspielerin werden. Ja! Ich muss!« Sie war der absoluteste Mensch, den ich je kennengelernt habe, sagt ihr Lieblingsregisseur Claude Sautet. Eine Million Mark hatte man ihr für einen weiteren Sissi- Film geboten, aber sie lehnte ab. Spielte stattdessen in Frankreich Theater, experimentierte mit Filmen, die niemand sehen wollte. Und war am Ende die größte Schauspielerin Frankreichs.

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Und das ist der Grund, warum man sie vermisst: Schneider war stur, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, und sie war hemmungslos unvernünftig – nicht Delon wählte damals sie, Schneider wählte Delon. Flog nach Abschluss der Dreharbeiten spontan nach Paris und teilte ihm mit, dass sie zusammengehören. Sie war es auch, die sich für ihren ersten Mann, Harry Meyen, entschied. Das wird sich doch wohl regeln lassen, sagte sie angesichts von Meyens Ehe und zahlte dessen Frau, der Schauspielerin Anneliese Römer, 200.000 Mark für die Freigabe. Ihren letzten Ehemann, den viel jüngeren Daniel Biasini, lernte sie auf einem Filmset kennen, er gefiel ihr – also machte sie ihn erst zu ihrem Privatsekretär, dann zu ihrem Ehemann.

Sie kümmert sich nicht um das, was andere denken. Bei den Proben mustert sie Komparsen mit den Worten »Ich suche mir meine Kerle selber aus«. Und als ihr Filmpartner Yves Montand sie begehrt, beginnt sie eine heftige Affäre mit seiner Frau Simone Signoret. Am Set von Nachtblende brüllt sie den Regisseur Zulawski an: »Frauen sind nicht mehr eure Laufburschen!«

Wer traut sich das noch? Heute, wo jede Szene in der nächsten Stunde auf YouTube erscheinen, wo jeder Satz das Image beeinträchtigen kann. Wo alles glatt sein muss. In einer Zeit, in der es vor allem darum geht, Fehler zu vermeiden, wirkt Schneider wie eine romantische, wilde Figur aus längst vergangener Epoche. Eine Frau, die mit der Radikalität eines Kindes alles wollte: schon damals Kinder und Karriere, Selbstgestricktes und Chanel ; eine Frau, die sich nackt vor einer Kamera inszenierte und trotzdem Feministin war, die sich jüngere Männer hielt – lange bevor Madonna das zum Trend machte.

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Fehler? Hat sie ständig gemacht. Falsche Männer, falsche Filme, Alkohol, Tabletten, Steuerschulden. Was ist so schlimm an Fehlern, würde eine wie Schneider fragen. Und ja, was wäre eigentlich so schlimm, würde zum Beispiel Josef Ackermann zugeben, dass er sich geirrt hat, würde Frank-Walter Steinmeier sich bei Murat Kurnaz entschuldigen, würde Angela Merkel endlich einmal erklären, was sie will?

Romy Schneider war ein Herzensmensch. Herzensmenschen leben gefährlich, sie machen sich verletzlich, angreifbar. Bei ihren Rollen war nie das Geld ausschlaggebend, sondern ob eine Figur sie reizte. Sie hat ihr Herz vorausgeworfen und ist hinterhergesprungen. Jedes Mal. Auch wenn sie notorisches Lampenfieber hatte. Wenn sie fast zugrunde ging vor Angst und Zweifel.

Junge Schauspielerinnen sprechen heute ehrfürchtig von Romy Schneider. Es ist Schneiders Konsequenz, die beeindruckt. Ihre Zerrissenheit, die sie nicht versteckte. Widerborstig und verwundbar, angriffslustig und anschmiegsam. Merkwürdig. Diese Frau hatte keine Angst vor dem Leben. Deshalb liebten die Franzosen sie abgöttisch, deshalb war sie in Deutschland bis zu ihrem Tod nur die Sissi.

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    • Schlagworte Romy Schneider | Alain Delon | Angela Merkel | Frank Walter Steinmeier | Chanel | Film
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