Schumann gehört. Geweint. Im Leben jedes Klassikverrückten gibt es Komponisten (meist nicht sehr viele), die ihn, wenn ihre Musik nur schön genug gespielt wird, zu Tränen rühren. Man kann nichts dagegen tun. Bei mir gehört Robert Schumann dazu. Er kann einen auf rätselhafte Weise weit weg und über alle Dinge hinausführen. Die Ergriffenheit, die seine Musik auszulösen vermag, hat etwas Hochfliegendes, sie bewegt sich jenseits der Tränen: wenn etwa die vermeintlich naiven (tatsächlich aber tiefgründig erwachsenen) Kinderszenen vorüberziehen und im letzten der Charakterstücke schließlich Der Dichter spricht, frei rezitierend, sich erinnernd, fragend, innehaltend, um das Unsagbare in Tönen zu denken . Schumann entführt den Zuhörer in die blaue Stunde der reinen Poesie und schließt ihm eine andere Welt auf.

Sind das nicht lebensrettende Momente, die wir im so existenzkühl heraufdämmernden 21. Jahrhundert auf keinen Fall missen wollen? Nur die Kunst spendiert sie uns und besonders die Musik, über die der von Schumann heißgeliebte Jean Paul in seiner Erzählung Leben des Quintus Fixlein schreibt, sie bestehe aus Tönen, »die mit Kräften ohne Körper unser Herz umfließen« und »unsere Seele so verdoppeln, dass sie sich selber zuhört«. Schöner kann man es nicht formulieren.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Aber es ist nicht nur das Romantische und Poetische, das uns von Schumann nicht loskommen lässt. Wie kaum ein anderer steht er bis heute quer zur Welt. Mozart- und Bach-Jubiläen werden groß gefeiert, von Wagner, Brahms und Beethoven quellen die Opernspielpläne und Konzertprogramme über, aber um Robert Schumann ist es still. Noch immer leidet unser Bild von diesem Komponisten darunter, dass er entweder als herzallerliebster romantischer Schwärmer oder als armer Irrer verkannt wird, der am Ende nur noch geistesverwirrte Musik schrieb. Schumann starb mit 46 Jahren in der Nervenheilanstalt Bonn-Endenich, er war Syphilitiker.

Man muss sich den Schumann der letzten Jahre nur als Typen vorstellen, um das Querständige sofort vor Augen zu haben: Seine Haut war teigig, sein Gesicht gedunsen, das Haar klebte ihm glatt und fettig am Schädel, Kurzsichtigkeit behinderte ihn. Er war introvertiert und schweigsam, und wenn er sprach, sprach er leise und undeutlich.

Was aber dieser Außenseiter gerade in seiner letzten Lebensphase geschrieben hat, treibt die Komponisten bis heute um. Schumann fordert heraus, und die Liste der Komponisten, die direkt auf ihn bezogene Werke geschrieben haben, ist lang: György Kurtag und Elliot Carter, Aribert Reimann und Wilhelm Killmayer, Dieter Schnebel und Hans Zender, Wolfgang Rihm, Heinz Holliger, Jörg Widmann und viele andere mehr.

Rihm hat in einem Essay treffend das Charakteristische am späten Schumann benannt: »Das Nebeneinander von Klarheit und trüben Stellen, die schnellen Wechsel von Dichten und Gemütszuständen, die quälenden Stellungskriege der musikalischen Gedanken, das Kreiseln ohne Ziel und Wille.« Heinz Holliger, in dessen kompositorischer Arbeit Schumann eine ganz besondere Rolle einnimmt, sagt: »Es ist eine Musik des extremen Differenzierens. Es braucht sehr feine Seelen, die das überhaupt hören können.« Die Behauptung sei gewagt: Es gibt keinen anderen Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts, mit dem sich die Gegenwartsmusik so intensiv auseinandersetzt wie mit Robert Schumann. Mit ihm sind wir auch im 21. Jahrhundert noch lange nicht fertig.

Weitere Informationen:
Schumann-Portal
Schumann Gesellschaft
Schumann in Zwickau