Kurt Tucholsky (1890-1935): Theobald Tiger alias Ignaz Wrobel alias Kasper Hauser alias Peter Panter alias Kurt Tucholsky © bpk

Man habe ihn »falsch geboren«, hat Kurt Tucholsky im Rückblick auf sein viel zu kurzes Leben geschrieben. Falsch: 1890 in Berlin, hinein in das von sich selbst besoffene deutsche Kaiserreich. In der Schule herrscht hackenknallende Disziplin; der junge Tucholsky reimt seine ersten Zeilen deutsch-national – Gehorsam, Pflicht, Kaiser und Staat. Bis es ihm dämmert: Nein!

Richtig wäre Frankreich gewesen. Als Korrespondent der linksliberalen Weltbühne, für die er seit 1913 schreibt (als sie noch Schaubühne hieß), darf er in den Zwanzigern für ein paar berauschende Jahre nach Paris. Deutschland lässt ihn allerdings auch hier nicht los; kaum ein Bericht endet ohne sein Amen: Schließt endlich Frieden mit Euren Nachbarn! Er hängt an Deutschland, liebt es sogar – solange es nicht brüllend und in Horden auftritt oder elitär demokratieverachtend. Als die Weimarer Demokratie dann vollends untergeht, weilt Tucholsky in der Schweiz; später findet er in Schweden ein Exil. Die Nazis bürgern ihn aus. So einer passt nicht ins Glied: Jude, linker Literat und Journalist, Pazifist, unermüdlicher Verteidiger der Republik und Gegner der »Bewegung«.

Zum Schluss lebt er am Rand der Resignation; was hatten die Hunderte Texte denn gebracht, in denen er seine Pointen gegen Weimars Feinde verschossen hatte? Tucholsky ist im Innersten ein trauriger Mensch. Sein Witz ist nicht selten der Depression abgerungen, unterm Heiteren gähnt ein Abgrund, selbst noch in seinem Liebesroman Schloss Gripsholm. Am 21. Dezember 1935 stirbt er in Schweden, schwer erkrankt, an einer Überdosis Schlaftabletten.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

»Wenige werden wissen, daß hinter Ihrer scharfen Feder und Ihrer unverwüstlichen Kampfeslust ein so warmblütiger und in jedem Sinne menschlicher Freund steckte«, schrieb 1948 der Verleger Ernst Rowohlt an den Toten: »Jede Zeile, die ich von Ihnen gedruckt habe, war mir aus dem Herzen gesprochen, denn Sie waren ein Kämpfer gegen jegliche Reaktion, gegen jeden Blödsinn der Politiker und gegen jede spießige Gefühlsduselei... Sie, lieber Kurt Tucholsky, bräuchten wir heute.« In den Fünfzigern, als alles neu und doch beim Alten war (eine neue Demokratie, die alten Nazis), wäre Tucholsky indes kaum glücklich geworden – auch wenn er sich fraglos für den Westen entschieden hätte: Die linke Diktatur hat er früh als solche erkannt, und an Adenauer hätte er den offenen Blick nach Westen, nach Frankreich, geschätzt. Gegen den Muff der Fuffziger hätte er lustvoll wütend angeschrieben – er, von dem man sagte, seine Chansons brächten selbst Perverse zum Erröten.

2010 wird man Tucholskys 120. Geburtstag feiern. Er wäre fremd in unserer Welt, in der die Ironie, die er so treffend einzusetzen verstand, nur mehr Ausdruck eines beliebigen Unernstes ist. Er würde feststellen, dass die Idiotie, sich brüllend das eigene Deutschsein beweisen zu müssen, kein Ende hat und dass unverändert gilt, was er vor 80 Jahren schrieb: »Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung.« – »Wer glaubt einem politischen Schriftsteller Humor? Dem Satiriker Ernst? Dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches?«, beklagte er einst. Er wäre wohl der Einzige, der heute von sich sagen dürfte, dieses Problem zu haben.

Als Autor der Weltbühne löste er es, indem er sich verfünffältigte: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Kaspar Hauser, Peter Panter hießen die »homunculi«, die er sich zugesellte, um zwischen so vielen Stühlen wie möglich zu sitzen. Kaspar Hauser war das sprechendste dieser Pseudonyme: Wer die Welt nicht versteht, muss wachsam sein; wer wachsam ist, rennt keiner Fahne hinterher; und wer keiner Fahne hinterherrennt, muss achtgeben, dass er keine übergezogen bekommt.

»Ich bin wohl zu klein, meine Zeit steht mir bis zum Halse...« Mit diesen Worten wandte sich Tucholsky 1926 an einen Leser in ferner Zukunft und fantasierte dessen Reaktion: »Da, ich wusste es: du lächelst mich aus.« Da hat er sich aber geirrt: Wir haben genug »Innenseiter der Gesellschaft« (Tucholsky). Sie sitzen in Redaktionen, Vorständen und Parteien und machen mit. Wir haben zu wenige, die wie er die Welt mit Kaspar-Hauser-Augen bestaunen und ihre Krallen ausfahren, die sich auch einmal trauen, was Walter Benjamin Tucholsky einst bitter vorgeworfen hat: »links vom Möglichen« zu stehen.

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Tuchosky-Gesellschaft