Es gibt ein berühmtes Profilfoto, auf dem sieht Karl Valentin so aus, als habe ein Comiczeichner ihn aufs Papier geworfen: Ein groteskes wandelndes Zeichen, eine verbogene lebende Antenne ist da zu erkennen, aber gewiss kein glückliches Menschenkind.

Karl Valentin war eine knochige Gestalt auf riesigen Füßen, von der man sich vorstellen kann, dass sie lange in irgendeinem Halbdunkel gestanden hat, ehe sie entdeckt wurde. Der Mann ging, das sah man gleich, im Leben nicht auf; das Leben war ihm ein unlösbares Problem. Der Kritiker Alfred Polgar schrieb über ihn: »Seine Verlegenheit ist ein Stück Ur-Verlegenheit der Kreatur darüber, daß sie da ist.« Die Urverlegenheit haftete an ihm ein Leben lang. Der Münchner Komiker Valentin begriff die Welt nicht, und er bewies, dass sie nicht zu begreifen war.

So wurde Karl Valentin, ohne dass es ihn groß interessiert hätte, ein Pionier der Kunst. Dem absurden Theater und dem modernen Film hat er die Wege gebahnt, die wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, Bert Brecht und Samuel Beckett, hat er beeindruckt und beeinflusst.

Beckett sah den Bayern Karl Valentin 1937 auf der Bühne, und manche Valentin-Dialoge wirken wie vorausgenommene Sätze aus Becketts Endspiel, beispielsweise dieser: »Finden Sie die Welt nicht schön?« – »Nein! – was soll denn da schön sein? – Das Unschöne geht doch schon mit der Geburt an.« Oder dieser: »Wenn alle so denken würden wie Sie, dann wäre doch niemand auf der Welt.« – »Dann wäre es doch schön.« – »Für wen?« – »Für die Menschen, welche nicht auf der Welt sein müssten!«

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Von dem französischen Schriftsteller Paul Valéry stammt der Satz »Durch den Körper wird das Denken erst ernst«, und wenn man sich mit Valentin beschäftigt, wird einem der Satz plausibel. Sein Denken hat eine Genauigkeit, der kein Körper und keine Sprache gewachsen sind. Valentins gekrümmter Leib ist nur dazu da, die inneren Kämpfe zwischen einem Gedanken, der nach Ausdruck ringt, und einer Sprache, die dazu nicht in der Lage ist, nach außen zu melden.

Wenn Valentin erklärt, wo er früher gewohnt hat, geht das so: »...in der Sendlinger Straße könnt man ja gar nicht wohnen, weil immer die Straßenbahn durchfährt, in den Häusern hab ich gewohnt in der Sendlinger Straße. Nicht in allen Häusern, in einem davon, in dem, das zwischen den andern so drin steckt, ich weiß net, ob Sie das Haus kennen...«

Er beschreibt die Welt, als habe das vor ihm noch keiner getan. Es ist, als sei die Sendlinger Straße gerade erst plastisch geworden und als lägen die Münchner Verhältnisse im Schöpfungsfrühnebel und seien noch nicht gültig benannt. Valentin benennt sie also, und je genauer er es tut, desto größer wird das Chaos, das er stiftet.

Er ringt sprachlich um Halt und stürzt. Aber im Sturz bewahrt er Haltung. »Es ist schon alles gesagt. Nur nicht von jedem.« Das ist ein Valentin-Befund, den andere ihm geklaut haben. »Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut«: Dieses geniale Allzweck-Klappmesser von einem Satz verlacht vorauswissend den modernen Psycho-Jargon. Und wenn er einem Menschen befiehlt, sich nicht zu rühren, sagt er es so: »Du bleibst hier, und zwar sofort!«

Valentin kräht seine Pointen nicht mit jenem stolzen Grunzen heraus, das heutige »Comedians« so schwer erträglich macht, er bringt sie beiläufig und eher betrübt, als sei jeder Witz nur ein weiteres Indiz für die Absurdität des Lebens. Die Wiener Floskel »Weißt eh B’scheid« beziehungsweise »Kennst di eh aus«, welche suggeriert, dass es eine Hochebene menschlicher Erfahrung gebe, über die nicht gestritten, ja nicht mal gesprochen werden müsse, ist zur Leitfloskel unserer Talkshow-Gesellschaft geworden – die Unterstellung, es existierte ein gesunder Menschenverstand. Valentin zeigt, dass Menschenverstand mit Gesundheit weit weniger zu tun hat als mit deren Gegenteil. Valentin sagt: There is no sense in common sense!

Man sieht ihm zu, wie er denkend ins Nichts, man könnte auch sagen: ins Freie hinaustanzt. Am Ende steht man mit ihm draußen im All – und sieht den Heimatplaneten für einen Moment von außen.

Warum er eine Uhr ohne Zeiger an seiner Kette trage, wird er gefragt. Darauf hat er drei Antworten. Zuerst eine absurde Antwort: Soll er vielleicht einen Hund an die Kette hängen? Dann eine pragmatische: Eine Uhr ohne Zeiger ist besser als gar keine Uhr. Zuletzt eine metaphysisch-spirituelle: Vielleicht geht sie ja doch, innen!

Er war ein Hypochonder, ein Apokalyptiker, ein Angstneurotiker. Und doch, in seinem Schatten lernt man das abenteuerliche Denken. Vielleicht geht die kaputte Uhr ja doch, innen! Nur ein Sisyphus, der den Felsen sein Leben lang gerollt hat, kann für möglich halten, dass der Fels im Innersten lebt.

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Valentin Museum
Familie Valentin