Als Rahel Varnhagen am 19. Mai 1771 in Berlin geboren wird, heißt sie noch Rahel Levin. Sie ist die Tochter des jüdischen Bankiers Markus Levin und wohnt in der Jägerstraße 54, nur wenige Schritte von einem der schönsten Plätze der Stadt entfernt, dem Gendarmenmarkt mit seinen beiden Kirchen, dem Französischen und dem Deutschen Dom. Die Levins gehören zu den etwa ein Dutzend Juden Berlins, denen König Friedrich II. eine privilegierte Stellung zubilligt. Zur Gesellschaft gehören sie nicht.

Trotzdem gelingt es Rahel Varnhagen, ihre eigene Gesellschaft zu gründen: in ihrem roten Salon in der Jägerstraße. Dort treffen sich Adelige und Bürger, Juden und Christen, Künstler und Politiker. Der Preußenprinz Louis Ferdinand ist dabei, die Humboldts, Schlegel und Brentano kommen gern; Chamisso, Schleiermacher und Jean Paul machen ebenfalls regelmäßig ihre Aufwartung. »Nichts freut mein Herz so sehr, als wenn sich meine Freunde anerkennen, und ich kann triumphierend sitzen und denken, du bist die Erste, du hast den entdeckt«, schreibt die Meisterin der kurzen Form zufrieden.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Wer bin ich, wenn ich nirgendwo dazugehöre? Diese Frage beschäftigt die Schriftstellerin, die vor allem Briefe und Tagebuch schreibt, ihr Leben lang. Wenn man nicht wie der Adel etwas ist, weil man etwas repräsentiert; wenn man keinem Stand angehört, der in der Öffentlichkeit Bedeutung hat; wenn man ohne Bildung aufwächst, weil der Vater darauf keinen Wert legt; wenn man noch nicht einmal schön anzusehen ist – ja, wer ist man dann? »Sie hat etwas unangenehm Unansehnliches, ohne dass man besonders auffallende Difformitäten im Einzelnen gleich entdeckt«, schreibt einer ihrer Zeitgenossen. Und Varnhagen selbst sagt über sich: »Ich habe keine Grazie; nicht einmal die, einzusehen, woran das liegt.« Sie ist eine Außenseiterin unter Etablierten.

Was sie dagegen tut? Sie beginnt, Menschen zu sammeln. Menschen, die sie an die Welt heranführen: Im Salon der Jägerstraße gibt es keine Frage, die nicht gestellt werden darf, keine noch so emotionale Meinung, die nicht geäußert werden darf. Solange man »ist« und nicht »repräsentiert«, bleibt alles erlaubt. Nur begriffsstutzig darf man nicht sein. Und man muss zuhören können. Sogar Antisemiten empfängt sie. Sie ignoriert die Vorurteile ihrer Besucher – es zählt nur der Witz, der Geist. Es zählt nur der Mensch.

Politik meidet sie. Erst als sie sich durch die späte Heirat mit dem Diplomaten Varnhagen von Ense in gesellschaftlicher Sicherheit wähnt, den »Makel« der Jüdin scheinbar losgeworden ist, lässt sie die politische Gegenwart in ihr Leben.

Varnhagen ist eine Geselligkeitskünstlerin. Sie stellt den Salon und den Tee, den Rest besorgen die Gäste. Sie unterhalten sich, brauchen keine Unterhaltung, kein Spektakel. Wieder mehr von dieser Kultur des Gesprächs und der Geselligkeit, das wäre schön.

Weitere Informationen:
Wikipedia
Varnhagen Gesellschaft