Baden-Württemberg Manche mögen es herb
Im Taubertal entstehen vor historischen Gemäuern Weine mit Charakter
Lieblich – das klingt schon mal gefährlich, wenn man auf Weinreise geht. Aber da gibt es diesmal kein Entrinnen. Die Gegend heißt »Liebliches Taubertal«; so steht es auf jedem Prospekt. Auch der Radweg, der durch die Weinorte führt, will ein lieblicher Radweg sein. Mit einer restsüßen Stadt geht es schon los: Rothenburg ob der Tauber.
Eigentlich wird hier, wo die Tauber nur ein Bach ist, noch kein Wein angebaut. Doch in den Schaufenstern türmen sich die Bocksbeutelflaschen. Die japanischen Reisegruppen müssen die Deutschen für ein Volk von Alkoholikern halten. Im Reichsstadtmuseum, einem ehemaligen Kloster, wird der Kurfürstenhumpen aufbewahrt. Der Sage nach rettete er im Dreißigjährigen Krieg die Stadt vor der Zerstörung. Der Bürgermeister stimmte die Belagerer milde, indem er den weingefüllten Krug, Fassungsvermögen 13 Schoppen, in einem Zug leerte. Rothenburg ist diese Heldentat bis heute jährliche Festspiele wert.
Wenn man Albert Thürauf darauf anspricht, macht er einen knurrenden Laut. Ein Märchen sei das, nur gepflegt, »um den Tourismus zum Glühen zu bringen«. Mit Weingeschichte kennt der Winzer und Wirt der Gastwirtschaft Glocke sich aus. Er erzählt, dass die Menschen früher tatsächlich gewaltige Mengen tranken, etwa zwei Liter Wein am Tag. »Der hatte aber nur um die fünf Prozent Alkohol und wurde dann noch verdünnt.« Es herrschte also kein ständiges Saufgelage, bloß eine Abneigung gegen reines Wasser, das damals so rein ja nicht war.
Thürauf ist kein Freund der Mittelalter-Folklore, mit der die Stadt für sich wirbt: »Den Zirkus brauchen wir nicht.« Dabei ist er für Altes sehr zu haben, nur echt muss es eben sein. Er führt den Besucher hinter die Stadtmauer, wo er einen kleinen Weinberg bewirtschaftet, den einzigen in Rothenburg. Von hier hat man einen Blick in das Taubertal, der vor hundert Jahren wohl kaum anders war als heute. Am Ufer fädeln sich ein paar Mühlen und holzbraune Gehöfte auf. Thürauf nennt das andächtig »die stehen gebliebene Zeit«. Nur wenige Meter vom Touristentrubel hat er einen Lehrpfad angelegt. Vor den Rebstöcken prangen Erklärungstafeln. Das Übliche, denkt man und ist dann baff. »Ochsenauge«, »Geißdutte«, »Harthengst« – was für Trauben sollen denn das sein?
Albert Thürauf hat in seinem Weinberg unglaubliche 120 Rebsorten gepflanzt. Einige sind uralt und so selten, dass der Winzer, ein argwöhnischer Mann, die Schilder vertauscht hat, damit sie ihm niemand klaut. Aus den Trauben aller Rebstöcke gewinnt er eine Cuvée. Ein Unikum, auch wenn einem nach der Verkostung schwant, warum die vergessenen Sorten vergessen worden sind. »Kein großer Wein«, meint auch Thürauf. »Aber leicht und bekömmlich. Darauf kommt es mir an. Meine Kunden trinken drei, vier Viertel am Tag.« Man ist in Rothenburg dem Mittelalter wohl doch näher als anderswo.
Hinter der Stadt wird es immer stiller, jedenfalls um diese Jahreszeit. Man radelt allein über Herbstlaub und manchmal über Äpfel und Zwetschen, das Fallobst eines Herbstes, der es gut mit den Bauern meinte. Man muss nicht einmal treten, nur rollen, um nach einer halben Stunde das erste Weindorf Tauberzell zu erreichen.
Dann allerdings geht es rapide bergauf – zumindest falls man sich traut, Christian Mittermeier in seinen Weinberg zu begleiten. Wenn er sichtlich vergnügt seinen Unimog den Steilhang hinauftreibt, tun Beifahrer gut daran, die Hände zwischen ihren Kopf und das Wagendach zu bringen. Oben angelangt, wird er ruhiger und genießt den »Modelleisenbahnlandschaftsblick«. Die Hügel über der Tauber sind von Steinwällen durchzogen. Weinbauern vergangener Jahrhunderte haben sie als Grenzmauern aus dem Geröll ihrer Böden aufgeschichtet. Die Taubertäler sind stolz auf diese sogenannten Steinriegel, den sichtbaren Beweis dafür, wie fleißig ihre Vorfahren waren. Zusammen sollen sie länger sein als die Chinesische Mauer. Mittermeier sagt: »Wenn ich mich ärgere, komme ich hier rauf und schaue die Schafe an.«
Der gelernte Koch ist noch nicht lang Winzer. Im Hauptberuf führt er ein Designhotel in Rothenburg. Um dort auch etwas Eigenes ausschenken zu können, hat er mit zwei Kollegen ein paar Hektar Rebland gekauft. Tauberzeller Hasennestle heißt die Lage. Aber das klang Mittermeier zu hinterwäldlerisch, darum hat er den Wein Tauberhase genannt. Es handelt sich um einen Rotling, also ein Gemisch aus weißen und roten Trauben – rustikal, sehr süffig und sauber. »Wir wollten die perfekte Bratwurst unter den Weinen«, sagt Christian Mittermeier, was bescheiden klingt, aber nur der Anfang ist. Der Weinberg ist schon eingebunden in ein Marketingkonzept mit Grillpartys, Konzerten und Hüttenvermietung. Es gibt Tauberhasenhonig, Tauberhasentraubenschorle und etwas Seltenes: Verjus. Das ist, wie der Name sagt, »grüner Saft« aus unreifen Trauben. Ein vergessenes Säuerungsmittel, milder als Essig. »Es wurde mal viel damit gekocht«, sagt Mittermeier. Wann? Man kann es sich schon denken. Natürlich im Mittelalter.
»Tauber heiß ich, Reben schwing ich / Trunken in dem Taubergrund«, dichtete Clemens Brentano. Dem ist aus heutiger Sicht zu widersprechen. An den Ufern schwingt höchstens mal ein Angler die Rute; die Bebauung hält respektvollen Abstand. Das liegt am Frost, der sich im Frühjahr gern im Tal festsetzt. Die Rebflächen sind so weit oben, dass man sie an einem diesigen Morgen vom Radweg aus kaum erkennt. »Wir halten uns hier für einen Weinort; aber manche Urlauber merken davon gar nichts«, sagt Jürgen Hofmann. Er ist Winzer in Röttingen, eine Fahrradstunde hinter Tauberzell, und selbst nicht gerade einer, der mit Weinlaub vor der Tür um Laufkundschaft wirbt. »Bis vor zwei Jahren hatte ich nicht mal einen Prospekt. Mich interessierte nur die Qualität.«
Hofmann ist einer der wenigen gelernten Winzer in einer Region, wo die meisten ihre Trauben bei den Genossenschaften abliefern. Er hat den familiären Betrieb radikal entrümpelt. Weg mit den Neuzüchtungen (»Ich hasse sie«), weg mit den hergebrachten Bocksbeutelflaschen (»Die gehen nur noch nach Rothenburg«). Aus dem Röttinger Feuerstein, seiner besten Lage, gewinnt er filigrane Rieslinge, mineralische, kühle Silvaner und breitschultrige Spätburgunder. Aber sein Paradewein ist der Tauberschwarz, eine alte heimische Rebsorte, die schon fast ausgestorben war. »Ein unterschätzter Klassiker«, findet Hofmann – kältebeständig und trotz der gar nicht so dunklen Farbe angenehm herb im Geschmack. »Erst wollte ich diesen zartbitteren Abgang wegkriegen, weil ich dachte, das sei ein Fehler. Inzwischen weiß ich: Gerade das gibt dem Wein Struktur und Haltbarkeit.«
Hofmanns beste Weine kosten über 20 Euro, und das sind sie wert. Aber es war schwer, diesen Anspruch durchzusetzen, selbst in der Familie. »Mein erstes Barrique habe ich für tausend Mark von meinem Taschengeld gekauft. Als ich es heimbrachte, wollte mein Opa mir verbieten, seinen guten Wein darin reifen zu lassen. Später trank er dann auch lieber von meinem. Aber er hat mir nie gesagt, dass er gut ist.«
Genussmenschen sind die Taubertäler nicht. Das merkt man, wenn man durch ihre Dörfer fährt. In den Heckenwirtschaften gibt es Deftiges: Grünkernsuppe oder auch mal Schweinezunge. Unter der Woche haben die meisten geschlossen, da wird gearbeitet. Die Fachwerkhäuser sind sauber und schmucklos; nur Bibelverse stehen auf manchen Mauern. In Edelfingen zitiert einer Schiller: »Die Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben.«
Eins fehlt dem Radwanderweg: Er verrät nicht, wie oft man zwischen zwei Bundesländern und drei Weinregionen wechselt. Das Taubertal ist nämlich weingesetzlich drei bekannteren Gebieten zugeteilt. Franken, Württemberg, Franken, Württemberg, Baden und wieder Franken – so geht es auf den hundert Kilometern von Rothenburg bis zur Taubermündung in Wertheim. Das ist unterhaltsam für den Reisenden, der von Dorf zu Dorf eine andere Mundart hört. Den Winzern macht es das Leben schwer.
Otto Geisel weist auf den Bad Mergentheimer Bahnhof. Links ein Zollhaus, rechts ein Zollhaus. »Hier verlief einmal die Grenze zwischen Baden und Württemberg.« Politisch hat sich das längst erledigt. Aber wer Trauben vom einen Ortsrand am anderen verarbeiten wollte, bekäme noch immer Scherereien. »Die Stückelung des Taubertals ist ein Hauptgrund dafür, dass unsere Weine kaum jemand kennt«, sagt Geisel. Der Mergentheimer Hotelier ist einer der bekanntesten deutschen Weinexperten. Das Taubertal sei früher das größte zusammenhängende Anbaugebiet Deutschlands gewesen, erzählt er.
Heute ist das einstige Zentrum eine dreifache Peripherie. »Weiter im Süden nennen sie uns ›Badisch Sibirien‹.« Aber gerade dass es ein paar Grad kühler ist, hält Geisel für eine Stärke der Gegend. An der Tauber müsse man keine Angst haben vor den heißen Sommern, die anderswo den Wein zu alkoholreich werden lassen. Gemeinsam mit Winzern aus Baden, Franken und Württemberg hat er vor zehn Jahren die Tauber-Edition ins Leben gerufen, eine Weinauswahl, die an die Stelle der Ländergrenzen einen rigiden Qualitätsanspruch setzt: Handlese, Ertragsbegrenzung, keine Herbizide. Kein Zweifel, Geisel will mehr als »Bratwurstwein«. Ihm geht es um die Ehrenrettung einer Region, der er Weine von Weltrang zutraut. Probehalber lässt er Taubertäler Wein in gebrauchten Fässern der besten Bordeaux- und Burgunder-Güter reifen. Kann ja sein, dass etwas davon abfärbt.
Beeindruckt steigt der Besucher zurück aufs Rad: so viele Pläne und Projekte, in jedem Ort etwas Neues. Und auf jeden tollen Wein kommt mindestens ein Dickkopf. »Leute wie’s Klima – ein bisschen rau«, meint ein zugezogener Winzer. Seine Kollegen widersprechen nicht. »Hier wird einem nichts geschenkt«, sagt Christian Mittermeier. »Wir sind die Exoten in unseren drei Anbaugebieten«, sagt Albert Thürauf. »Das schweißt zusammen.« So lieblich ist das Taubertal gar nicht, wenn man es näher betrachtet. Eher schon ein wenig herb – wie der Tauberschwarz von Jürgen Hofmann. Aber das ist gewiss kein Fehler.
© ZEIT Grafik
Information Tauber
Weingüter: Weingut Glocke, Am Plönlein 1, Rothenburg ob der Tauber, Tel. 09861/958990, www.glocke-rothenburg.de. Im zugehörigen Hotel kostet eine Übernachtung im DZ ab 85 Euro
Weingut Hofmann, Strüther Straße 7, Röttingen, Tel. 09338/1577, www.wein guthofmann.com. DZ pro Person 33 Euro. Die Heckenwirtschaft ist bis zum 29. November samstags ab 17 Uhr und sonntags ab 15 Uhr geöffnet
Vinothek: Kloster Bronnbach, Bronnbach9, Wertheim, Tel. 09342/9352021, www.kloster-bronnbach.de. Größtes Sortiment der Taubertal-Weine
Unterkunft: Villa Mittermeier, Vorm Würzburger Tor 9, Rothenburg ob der Tauber, Tel. 09861/94540, www.villamittermeier.de. DZ ab 88 Euro
Hotel Victoria, Poststraße 2–4, Bad Mergentheim, Tel. 07931/5930, www.victoria-weinkeller.de. DZ ab 89 Euro
Radtour: Auf dem Radweg »Liebliches Taubertal – Der Klassiker« von Rothenburg ob der Tauber bis Wertheim am Main. Infos bei der Touristikgemeinschaft
Auskunft: Touristikgemeinschaft Liebliches Taubertal, Tel. 09341/82294, www.liebliches-taubertal.de
- Datum 13.11.2009 - 13:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47
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... aber mit knapp 10.000 Zeichen kann man dem Taubertal nicht gerecht werden. Aber für einen kleinen Absatz über Weikersheim mit seinem herrlichen Barock- und (weniger bekannten) Kräutergarten hätte es doch reichen sollen. Und auch, was in Bronnbach aufgezogen wurde, ist aller Ehren wert.
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