Zehntausende Studenten demonstrieren dieser Tage, streiken, besetzen Hörsäle. In mehr als fünfzig Städten, von Freiburg bis Berlin. Ihr Protest richtet sich vor allem gegen die Studienbedingungen in den neuen Bachelorstudiengängen.

Kurioserweise bekunden ihnen auch jene ihre Sympathie, die für diese Studienbedingungen verantwortlich zeichnen: die Wissenschaftsminister und viele Hochschulrektoren.

Die Wissenschaftsminister, die für die Universitäten politisch zuständig sind, zeigen dabei mit dem Finger auf die Hochschulleitungen: Die sollten das Studium besser auf die Bedürfnisse der Studenten zuschneiden. Die Rektoren verweisen umgekehrt auf die Politik: Die müsse zusätzlich eine Milliarde Euro lockermachen, mindestens. Nur so lasse sich die universitäre Lehre verbessern.

Die Krux ist: Beide Seiten haben recht – und liegen doch falsch.

Wenn so viele Studenten gegen ein Vorhaben protestieren, das gerade den Studenten dienen soll, dann zeigt sich die grundsätzliche Schwäche der Reform: Sie ist ein Projekt von oben. Wissenschaftspolitiker aller Parteien und die Hochschulspitzen haben sie durchgesetzt. Doch ausgerechnet an den Hochschulen selbst hat sie keine starken Unterstützer.

Die Reform, um die es im Kern geht, trägt den eigentümlichen Namen Bologna-Prozess. Vor zehn Jahren vereinbarten in der italienischen Stadt Wissenschaftsminister aus 29 europäischen Staaten eine Angleichung der Studienstruktur, um den Wechsel der Studenten von einer Universität zur anderen innerhalb Europas zu erleichtern. Basis ist ein drei- bis vierjähriges Bachelorstudium, darauf folgt ein Masterstudium von ein bis zwei Jahren.

Viel wichtiger noch, als die Mobilität innerhalb Europas zu erleichtern, war den Hochschulreformern in Deutschland jedoch, endlich vernünftige Studienbedingungen zu schaffen. Denn eine an sich erfreuliche Entwicklung hatte an den Universitäten zum Chaos geführt. Die Zahl der Studenten ist von einer Viertelmillion in Westdeutschland Mitte der sechziger Jahre auf rund zwei Millionen zu Beginn des neuen Jahrtausends in ganz Deutschland gewachsen. Viele nahmen ihr »Bürgerrecht auf Bildung«, wie es der Bildungsreformer Ralf Dahrendorf formulierte, wahr.

Ohne Konzept wurden aus Universitäten für eine Elite plötzlich Hochschulen für die Massen. Viele Professoren aber machten im alten Trott weiter. Sie engagierten sich in der Forschung, von der ihre Reputation abhängt, und vernachlässigten die Lehre. Die Politik dachte, der Studentenansturm werde vorübergehen, und gab den Hochschulen nicht genug Geld, um ihn zu bewältigen. Die Zahl der Studenten aber stieg weiter, die Unterfinanzierung der Universitäten wurde chronisch.

Die Folgen haben zwei Studentengenerationen erlebt und erlitten: überfüllte Seminare, Studienabbruchquoten von bis zu achtzig Prozent, eine stetig wachsende Studiendauer.

Dieser Misere soll »Bologna« abhelfen. Das Studium wird stärker strukturiert (Kritiker sagen: verschult), es wird in überschaubare Einheiten aufgeteilt. Statt einer Prüfung zum Schluss, die über den gesamten Erfolg des Studiums entscheidet, gibt es mehrere studienbegleitende Prüfungen. Beispiele zeigen, dass die Reform durchaus funktionieren kann. Doch an vielen Fakultäten wurde der Inhalt von Diplom- und Magisterstudiengängen fantasielos in den kürzeren Bachelor gestopft und mit Prüfungen überfrachtet.