Brennerpass Verfluchtes Europa
Einst war Brenner ein florierender Grenzort. Doch seit die Schlagbäume verschwunden sind, droht das Dorf zu sterben.
Rosita Di Santillo versteckt ihr Gesicht hinter dem hohen Kragen ihres grauen Wollmantels. »Es ist immer kalt hier. Ganz anders als in Neapel«, sagt die 34-jährige Polizistin. Allein sitzt sie in der großen Gaststube des Dopo Lavoro, der ehemaligen Eisenbahnerkantine auf italienischer Seite des Brennerpasses. Bis 1998 schnitt quer durch den kleinen Ort am Alpenübergang zwischen Italien und Österreich noch eine bewachte Grenze. Das 200 Meter breite Hochtal, wildromantisch zwischen steilen Bergflanken gelegen, ist jedem Italienreisenden ein Begriff. Doch seitdem die Schlagbäume nach Österreichs Beitritt zum Schengenraum verschwunden sind, hat der Ort seine Daseinsberechtigung verloren. 900 Einwohner lebten noch vor 30 Jahren in dem Grenzort. Heute harren nicht einmal 300 Menschen in der verödeten Siedlung aus, von der auf österreichischer Seite nur mehr eine Handvoll unbewohnter Häuser und eine Tankstelle übrig geblieben sind. Brenner, die verheißungsvolle Wegmarke auf der Sehnsuchtsroute in den Süden, mit ihren geschäftigen Händlern, den grell erleuchteten Wechselstuben, den farbenfrohen Auslagen – das war einmal. Brenner ist ein aussterbender Ort im Herzen Europas.
Rosita Di Santillo nippt an ihrem Espresso und starrt gelangweilt auf das Fernsehgerät am gegenüberliegenden Ende des Raumes. In den Abendnachrichten laufen Berichte aus ihrer süditalienischen Heimat. »Es war ein Kulturschock, als wir vor 16 Jahren hierherkamen«, erzählt sie und schwärmt von munteren Neapolitanern, von Sonne und Meer. Ihr Vater schuftete jahrzehntelang als Verkäufer am Brenner, ehe er selbst ein Lederwarengeschäft in dem Grenzort eröffnete. Nur ein Jahr danach starb der Patron. Die Familie blieb dennoch im schattigen Bergdorf nahe der Baum- und Staatsgrenze. Und lebte gut von dem Einkaufsparadies an der wichtigsten Alpentransversale. Heute ist Brennero ein unbedeutender Durchzugsort – trotz der elf Millionen Autos, die jährlich auf der Autobahn über die Passhöhe donnern. Lediglich ein paar Mautflüchtlinge verirren sich noch in das Ortszentrum. »Doch die bleiben nur selten stehen, um etwas zu kaufen«, seufzt Rosita.
Es war der 31. März 1998, der das Schicksal des Brenners besiegelte: Das Schengener Abkommen trat in Kraft. Zum letzten Mal kontrollierten Zöllner die Pässe, durchsuchten Kofferräume, spähten in die Autos. Dann blieben die Grenzbalken oben. Wehmütig erinnert sich Sergio Pase an diesen Tag zurück. »31 Jahre lang war ich Zollbeamter und stand in meiner Uniform am italienischen Zollhaus«, sagt er. Doch nach der Grenzöffnung wurden seine Dienste nicht mehr gebraucht. Der 1. April 1998 war für den damals 54-Jährigen der erste Tag seines Pensionistendaseins. Als Pase 1967 seine Stelle als Zöllner antrat, gab es noch keine Autobahn. »Wir standen hier an der Bundesstraße, und jeder, der nach Süden wollte, musste bei uns vorbei. Heute fahren alle durch und merken nicht einmal mehr, dass sie eine Grenze passieren«, erzählt er gesenkten Hauptes.
Wie viele andere europäische Grenzregionen büßte auch der Brenner im Lauf der europäischen Integration seine Bedeutung ein. Doch hier scheint es, als habe ein ganzer Landstrich seinen Überlebenswillen verloren. »Der Ort existierte nur aus einem Grund, nämlich für die Grenzabwicklung«, sagt Hugo Penz vom Institut für Geografie an der Universität Innsbruck. »Und diese Aufgabe verlor er mit Schengen.« Die Teilung Tirols vor 90 Jahren machte aus dem hochalpinen Weiler ein kleines, brodelndes Handelszentrum. Das neuerliche Zusammenwachsen der beiden Landesteile bescherte dem Dorf keinen Segen, sondern den Untergang – als sei ein Fluch in Erfüllung gegangen.
Wer von Innsbruck hoch nach Brennero fährt, gelangt in eine andere Welt. Italienischer als die meisten anderen Orte in Südtirol wirkt dieser Flecken. Lange Jahre wurde hier beinahe ausschließlich Italienisch gesprochen. Die repressive Politik gegenüber den deutschsprachigen Südtirolern, zuerst während der Mussolini-Diktatur, später in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, hinterließ am Brenner tiefe Spuren. Deutschsprachige Südtiroler waren bis zum Inkrafttreten des Autonomiestatuts 1972 de facto vom öffentlichen Dienst, dem wichtigsten Arbeitgeber an der Grenze, ausgeschlossen. Viele der Zugereisten aus Trient oder dem Veneto kamen bei Eisenbahn, Militär, Zoll oder den Carabiniere unter. Es entwickelte sich eine beinahe nur von Italienern bewohnte Siedlung. »Die Ortschaft wurde zum Fremdkörper«, sagt Hugo Penz. »Sie war wie alle Grenzorte völlig fremdgesteuert und hatte innerhalb Tirols den größten Sonderstatus, den es überhaupt geben kann – es war eine Siedlung, die ausschließlich von hoheitsstaatlichen Aktivitäten abhängig war und jahrzehntelang mit ihrer Umgebung nichts zu tun hatte.« Heimisch fühlten sich nur die wenigsten der Neuankömmlinge.
- Datum 19.11.2009 - 15:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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wie immer, alles hat seine zwei Seiten. Die Minderheiten zahlen drauf. Was ist mit staatlichen Ausgleich.
gibt es keinen staatlichen Augleich fuer so eine kuenstliche Siedlung, die kein Mensch mehr braucht. Es ist doch wunderbar zu zu sehen, dass wenigstens an einigen Orten der Mensch sich zurueckzieht und die Natur in Ruhe laesst. Bedenke man nur die ganze Energieverschwendung um diese komische Siedlung am Leben zu erhalten. Dann kann man auch gleich Staedte Mitten in der Wueste bauen und das Wasser tausende km weit hinpumpen.
Lieber JUKOS,
die Ortschaft Brenner, mit Brennerbad und Brennersee war vor dem ersten Weltkrieg, also vor der Teilung Tirols, ein beliebtes Ziel für Kurgäste und Sommerfrischler. Sogar ein Grand Hotel gab es dort!
http://www.lana-suedtirol...
Lieber JUKOS,
die Ortschaft Brenner, mit Brennerbad und Brennersee war vor dem ersten Weltkrieg, also vor der Teilung Tirols, ein beliebtes Ziel für Kurgäste und Sommerfrischler. Sogar ein Grand Hotel gab es dort!
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Lieber JUKOS,
die Ortschaft Brenner, mit Brennerbad und Brennersee war vor dem ersten Weltkrieg, also vor der Teilung Tirols, ein beliebtes Ziel für Kurgäste und Sommerfrischler. Sogar ein Grand Hotel gab es dort!
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