AufklärungWeder Gott noch Zufall

Das wilde Denken des Julien Offray de La Mettrie zeigt eine andere Seite der Aufklärung. Zum 300. Geburtstag des Arztes und Philosophen, des großen Skeptikers und Theoretikers des Genusses ein Porträt von Rudolf Walther

Julien Offray de La Mettrie Mensch Maschine Philosophie Geschichte

"L’Homme Machine – Die Maschine Mensch" war das Werk, mit dem der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) berühmt wurde  |  © dukee/Photocase

An einem Novembertag des Jahres 1751 starb in Berlin der Philosoph Julien Offray de La Mettrie. Die Nachricht sorgte vielerorts für Freude. »La Mettrie ist erledigt«, schrieb der Berner Mathematiker Johann Samuel König. »Die Maschine ist kaputtgegangen, von nun an lässt er die Welt in Ruhe.«

»Die Maschine« – so nannte man La Mettrie spöttisch in den Salons und Gelehrtenstuben der Zeit. Den Spitznamen verdankte er einem Traktat, der vier Jahre zuvor erschienen war und den Autor ebenso berühmt wie als atheistischen Freigeist berüchtigt machte: L’Homme Machine – Die Maschine Mensch .

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Julien offray de la mettrie

Arzt und Philosoph: Julien Offray de La Mettrie (1709-1751)  |  © Wikipedia

La Mettrie, der in seinen letzten Lebensjahren zum philosophischen Hofstaat Friedrichs des Großen gehörte, war ein Sohn der französischen Aufklärung. Der Kultur Montaignes und Bayles verdankte er seinen Witz und seine kompromisslose analytische Schärfe. Darüber hinaus hatte ihn sein Beruf gelehrt, nach Ursache und Wirkung zu fragen und die Dinge nüchtern zu betrachten. Denn Julien Offray de La Mettrie war Arzt.

Geboren wurde er in der bretonischen Hafenstadt St. Malo am 23. November vor genau 300 Jahren. Der Junge zeigt sich gelehrig, beginnt zunächst ein Studium der Theologie, doch lässt sich sein Vater, ein reicher Tuchhändler, davon überzeugen, dass der Arztberuf wohl bessere Aussichten bietet. La Mettrie studiert in Paris , 1733 macht er in Reims seinen Doktor.

Es zieht ihn nach Leiden, wo der europaweit bekannte Mediziner Herman Boerhaave lehrt. 1734 zurückgekehrt in seine Heimat, arbeitet der junge La Mettrie im Hospital, übersetzt acht Werke Boerhaaves aus dem Lateinischen, schreibt medizinische Traktate, heiratet und zeugt zwei Kinder.

Die vertraute Welt wird ihm zu klein. 1742 verlässt er die Bretagne und zieht mit seiner Familie nach Paris. Hier wird er Hausarzt des Herzogs von Grammont, dessen Armeekorps er als Militärarzt ein Jahr später in den Österreichischen Erbfolgekrieg begleitet. Längst geht La Mettries forschende Neugier über das rein Medizinische hinaus. Im Juni 1745 lässt er seine Histoire Naturelle de l’Âme (»Naturgeschichte der Seele«) erscheinen.

Doch da trifft ihn auch schon der erste Schlag: Auf Anweisung des Pariser Parlaments wird die Schrift als atheistisch beziehungsweise materialistisch verboten und verbrannt. La Mettrie will, wie heute so mancher Hirnforscher, intellektuelle Leistungen auf organische Vorgänge reduzieren. Die Existenz einer unsterblichen Seele bestreitet er. Dies allerdings ist eine These, die man im 18. Jahrhundert nur unter Lebensgefahr äußern kann.

Ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landet das Buch Politique du Médecin de Machiavel, in dem er sich die Maske des Doktor Fum-Ho-Ham aus China überstülpt und die Schulmedizin scharf attackiert. Anlass ist eine Cholera- und Ruhrepidemie in der Bretagne, der einige Jahre zuvor an die 30000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

La Mettrie, der die Folgen als Krankenhausarzt selbst miterlebt hat, wirft den Kollegen vor, sie beschränkten sich auf Ferndiagnosen und pflegten subtile Debatten um scholastische Begriffe, statt sich stante pede an die Krankenbetten zu begeben, die Menschen zu heilen und sie zu Hygiene und Gesundheitsvorsorge zu erziehen. Solche Frechheiten indes lassen sich die Koryphäen und Kapazitäten der Zunft nicht sagen. Für La Mettrie wird es eng. Ende 1746 verlässt er die Heimat (und seine Familie) und geht nach Holland . Er wird nie mehr nach Frankreich zurückkehren.

Leserkommentare
    • Holbach
    • 03. Dezember 2009 20:24 Uhr

    Über den Artikel zum Geburtstag des verkannten La Mettrie habe ich mich sehr gefreut.
    Zur Aktualisierung hätten folgende Hinweise noch beitragen können:
    La Mettries Nähe zu den heutigen Hirnforschern ist einen längeren Abschnitt wert.
    Martin Walser hat La Mettrie in "Der Augenblick der Liebe" verarbeitet,gerade in dem,was er, LM ,als seinen originellsten und wichtigsten Beitrag zur Philosophie bezeichnete,nämlich seine Lehre vom Schuldgefühl,seine Ablehnung des schlechten Gewissens (darin war LM auch Vorläufer Nietzsches).
    Insofern ist La Mettrie noch als Moralist und Antipode sowohl der französischen Aufklärer als auch deutscher Idealisten wie Schiller noch zu entdecken.

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